28.03.2019 - 17:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stadt sucht Blindgänger aus Zweitem Weltkrieg

Diese Nebenbemerkung hat es in sich: Sowohl Stadtkämmerin Cornelia Taubmann als auch Baudezernent Oliver Seidel kündigen im Stadtrat eine gründliche "Kampfmittelerkundung" des Areals um das Wasserwerk-Stadion an. Und die ist auch nötig.

Der Norden Weidens nach dem Bombenangriff am 5. April 1945.
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Beide Dezernate folgen den "Hinweisen aus dem eigenen Haus", dass sich im Bereich zwischen Flutkanal, Ämtergebäude, Stadtfriedhof und Turnerweg doch einige Überraschungen im Boden verbergen könnten. Die Überreste der Bombenangriffe zum Ende des Zweiten Weltkrieges nämlich. Davon zeugen die Luftaufnahmen der US-Airforce, die ihre "Erfolge" detailliert dokumentieren. Seit den 80er Jahren sind die Bilder beim Bayerischen Vermessungsamt.

Die Stadt Weiden verfügt nicht nur über Kopien dieser Fotos, sondern vor allem über die Aufzeichnungen von Hans Wagner, der von 1920 bis 1957als Stadtarchivar wirkte. Er führte akribisch Buch über die Luftangriffe, mit denen die Stadt Weiden seit Herbst 1944 zunehmend überzogen wird. Im November scheuchen 28 Fliegeralarme in die Schutzräume, im Dezember sind es 44, im Januar 1945 werden 27 Mal Bomber über der Stadt gesichtet, im Februar 44 Mal. Angriffe auf Züge durch Tiefflieger folgen am 14. Februar (1 Toter) und am 20. Februar (6 Tote, 3 Verletzte) bei Parksteinhütten. Zahlen für den März fehlen überraschend.

Massive Angriffe im April

Am 5., 15, 16. (Explosion eines Munitionszuges in der Weiding nach Beschuss) und 17. April entlädt die Airforce ihre todbringende Fracht über der Stadt. Die Bomben, für die Zerstörung der Bahnlinie sowie des Reichsausbesserungswerkes vorgesehen, werden aber nach Osten "verweht", landen von Moosbürg entlang des Flutkanals bis zum Hammerweg. Einschläge gibt es im Lerchenfeld, Am Alten Dorf und im Bereich der heutigen Unteren Bauscherstraße.

Im Frühjahr 1945 ist die Situation unerträglich. So schreibt Wagner zum 5. April: "10.20 Uhr Fliegeralarm, 11.15 Uhr Feindflieger über der Stadt, 11.25 Uhr Angriff aus südöstlicher Richtung durch eine Welle von 15 Flugzeugen. Hauptstoßrichtung ist der östliche Stadtteil."

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Neun Tote am 5. April 1945

Wagner notiert auch, was an diesem Vormittag niedergeht: 51 Sprengbomben sowie 1100 Brandbomben. Er vermerkt sieben Schadstellen an Wohnhäusern außerhalb des Wasserwerks, acht am Stadtfriedhof. Elf Städel sind beschädigt, ebenso ein Luftschutzbetrieb sowie das Alte Wasserwerk. Die Baracke mit zwei Behelfwohnungen am Sportplatz des RAW fängt Feuer, brennt total nieder. Wahrscheinlich kommt darin eine "Fremdarbeiterin ums Leben". Die Städtische Badeanlage ist zerstört. Am Hammerweg-Sportpark, der ja zum Wohnland werden soll, werden drei Packwagen, zwei Wohnwagen und eine Zugmaschine getroffen und vernichtet. Im weiten Umkreis zerspringen Fensterscheiben.

Nachhaltig prägen sich bei Wagner und bei den Weidenern die Bomben ein, die massiv "im Knick der Schweinnaab" sowie im Stadtfriedhof explodieren, berichtet Stadtarchivarin Petra Vorsatz. Vier tiefe Volltreffer reißen die Erde und Gräber auf. "Die Leichen kommen aus den Gräbern", schreibt Wagner noch zurückhaltend. Überliefert sind jedoch weitaus drastischere Beobachtungen. "Die Toten hängen in den Bäumen", schildern Augenzeugen. Der Angriff kostet unmittelbar sieben Menschen das Leben, zwei weitere sterben in den nächsten beiden Tagen.

Es ist der schlimmste Angriff auf die Stadt. Am 21. April liegt Weiden zudem unter Artilleriebeschuss (aus Richtung Neunkirchen und Sauernlohe). Beschädigt werden Häuser in der Bahnhofstraße (u. a. Bahnhof sowie die NSDAP-Kreisleitung), Johannis- und Schillerstraße (Witt-Gebäude) sowie auf der Allee einige Wohnhäuser und der historische "Hoitgoberlturm". Am 22. April marschieren die Amis in Weiden ein. Der Schrecken hat ein Ende.

Die Stadt lässt bei der Neunutzung der einst mit Bomben belegten Flächen größte Vorsicht walten.

Kommentar:

"Altlasten"

Das Wort „Kampfmittel“ klingt beschönigend. Es verheimlicht den Schrecken und verursacht doch tiefstes Unbehagen. Welche Angst müssen die Bürger ausgestanden haben, als sie im Herbst 1944 und Frühjahr 1945 in den Schutzräumen kauernd die Feindflugzeuge und die Bomben-Detonationen hörten?
74 Jahre, nachdem die US-Airforce ihren verheerenden Bombenteppich über Weiden legte, müssen nochmals die Sprengstoffexperten ran. Im Bereich des Wasserwerk-Stadions, des Stadtfriedhofs, des Turnerbund-Areals, der Mehrzweckhalle und des Leyendecker-Parkplatzes gingen im April 1945 die meisten Bomben nieder. Neun Menschen starben beim Bombardement am 5. April 1945.
Niemand weiß, was bislang noch unentdeckt an Granaten in der Erde schlummert, ob sich Blindgänger finden lassen, die latent gefährlich sind. Die Stadt will und muss auf Nummer sicher gehen, die letzten Reste dieser „Kampfmittel“ aufspüren und beseitigen. Die historischen Luftaufnahmen bieten zumindest Anhaltspunkte, wo die Sprengkörper niedergingen. Die Gefahr durch Fliegerbomben lauert in Weiden – nicht nur zwischen Ämtergebäude und Turnerbund, wie der Fund der Stabbrandbomben am Waldspielplatz an der Parksteiner Straße zeigt.

Josef Johann Wieder

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