06.02.2019 - 17:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stromtrassen-Gegner warnen vor "Todesstreifen" am Fischerberg

Es formiert sich Widerstand gegen den Bau der Stromtrassen. Der geplante Ostbayernring und der Süd-Ost-Link waren Thema eines Infoabends der Freien Wähler Weiden. Die Bürger wollen keinen überdimensionierten Netzausbau.

Streitthema Stromtrassen: Die Freien Wählen laden zum Infoabend, und viele Bürger kommen.
von Autor rdoProfil

Die neue Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung-Leitung (HGÜ) soll in Weiden-Ost am Fuße des Fischerberges verlaufen. Die Auswirkungen der Erdverkabelung des sogenannten Süd-Ost-Links auf die Gesundheit seien unerforscht, das Naherholungsgebiet und über 1000 Hektar Wald würden zerstört. Diese und andere Aussagen diskutierten am Dienstag die Teilnehmer einer Veranstaltung der Freien Wähler. Vorsitzender Bernhard Schlicht begrüßte zahlreiche besorgte Bürger im überfüllten Nebenzimmer im Gasthof Dagner sowie als Referenten Josef Langgärtner, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Neustadt/Weiden "für die dezentrale Energiewende gegen die Monstertrasse". Unter den Zuhörern befanden sich auch Mitglieder der neu gegründeten "BI Weiden gegen die Stromtrassen" aus Weiden-Ost um Christiane und Harald Graßl, die innerhalb einer knappen Woche 175 Mitglieder gewann und auf Facebook aktiv ist.

Der Parksteiner Langgärtner nannte als Mythen der HGÜ-Trassen Windstrom, der in den Süden müsse, obwohl die Energie in naher Zukunft auch in Norddeutschland nicht mehr ausreiche. Die Trassen brächten keinen billigen Strom, vielmehr verteuere der Leitungsbau durch Tennet die Energiekosten, und anstatt erneuerbarer Energien werde Kohlestrom transportiert. Die Energiewende liege in dezentraler Erzeugung und Wertschöpfung vor Ort, sagte Langgärtner. Weiter unbewiesene Mythen seien die Abwanderung der Industrie und ein Blackout in der Stromversorgung. Eine neutrale Kommission müsse die Notwendigkeit einer neuen Stromtrasse prüfen.

Der "Korridor D" des Süd-Ost-Links sieht 580 Kilometer Erdverkabelung vom Braunkohleareal Lausitz bis zum Atomkraftwerk Ohu bei Landshut vor und führt bei Weiden direkt hinter Almesbach Richtung Fischerberg und weiter nach Bechtsrieth. Marlies Neumann sah das Grundrecht auf Leben und freie Entfaltung in ihrem Naherholungsgebiet am Fischerberg eingeschränkt, wenn ein "Todesstreifen" entstehe, der kein ökologisches Leben mehr zulasse. Unerforscht seien die Auswirkungen der Magnetfelder der Erdverkabelung auf elektrische Implantate wie Herzschrittmacher oder auf das menschliche Blutsystem, so Neumann. Auch Alzheimer und Parkinson könne die Strahlung auslösen. "Die Bürger werden ihre Regressansprüche bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen beim Betreiber Tennet geltend machen, wenn diese nachzuweisen sind."

"Der kommende Netzentwicklungsplan 2030 ist ein Fest für die Konzerne, weil der Übertragungsnetzbetreiber den Stromkunden ungehindert als Melkkuh mit 9,05 Prozent Eigenkapitalrendite schröpft", erklärte Langgärtner. "Unkalkulierbare Kostenschätzungen des HGÜ- Leitungsbaues reichen bis zu 100 Milliarden Euro." Eine Schneise von fünf Metern reiche bei weitem nicht aus. Viel Wald werde gerodet in Landschaftsschutzgebieten, und schwere Lastwagen würden dort die Flur für immer verdichten. "Die Temperatur im Boden steigt trotz Isolierung und Austrocknung."

Überall bemängelten Bürger das Versagen der Bundesnetzagentur und das teilnahmslose Hinnehmen der Betreiberfirma Tennet. Sie forderten die Lokal- und Bundespolitiker zum Handeln auf, um gesundheitliche Schäden von der Bevölkerung abzuwenden. Die Naturschutzverbände ermutigte Langgärtner, sich gegen die Monstertrassen zu stellen. Mahnwachen der BI seien geplant. Ab dem 13. Februar werden die Trassen durch die Bundesnetzagentur bekanntgegeben und freigeschaltet. Noch bis zum 12. April können Bürger Einwendungen dazu machen. Langgärtner bat die Anwesenden, dies auch zu tun.

Info:

Wie steht die Stadt Weiden zur HGÜ-Leitung?

Auf die Frage von Zuhörern an Stadtrat Rainer Sindersberger (Freie Wähler), wie die Stadt Weiden zum Süd-Ost-Link stehe, sagte er, dass sich der Stadtrat gegen den Ausbau ausspreche und die Kapazitäten ausreichen würden, wenn die erneuerbarer Energien komplett ausgebaut würden. Er erläuterte die Ansicht des Oberbürgermeisters, er könne nichts gegen den Netzausbau machen. Die Stadt denke bei der Entwicklung der neuen TB- und SV-Wohnbaugebiete an die Möglichkeit von dezentraler Energieversorgung. Als trauriges Beispiel nannte Sindersberger das nahe Pumpspeicherkraftwerk Rabenleite bei Großenschwand, bei dem Konzerne Speicherressourcen vergeuden würden und stattdessen in Tanzmühle mit Millionenaufwand ein neues Speicherwerk erstellen. (rdo)

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