16.05.2021 - 14:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Vereinschef zu Corona in Indien: "Die Lage ist für unsere Vorstellungskraft nicht greifbar"

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Indien kollabiert. Die Coronakrise im Land eskaliert, und nun bedroht neben der Pandemie eine Hungersnot die Menschen. Thomas Ebnet und Julius Johnrose vom Verein "Hoffnung für Menschen" bitten um Hilfe für die Ärmsten.

Essensausgabe im Slum: Der Weidener Verein "Hoffnung für Menschen" hilft den Menschen in Indien unter anderem durch Lebensmittelspenden und Schutzausrüstung. Viele Menschen können sich weder Essen, noch Masken leisten.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Nach Luft ringende Coronainfizierte auf dem blanken Boden, lange Warteschlagen aus Rettungswagen, brennende Leichen in überfüllten Krematorien: Bilder wie diese aus Indien gehen derzeit um die Welt. Das Land kollabiert unter der zweiten Coronawelle. Die Zahl der Infizierten ist kaum vorstellbar. Sie stieg zuletzt auf fast eine halbe Million – pro Tag. Tausende sterben täglich. Doch neben dem Virus gibt es eine weitere Lebensgefahr: Hunger. Thomas Ebnet, erster Vorsitzender des Weidener Vereins "Hoffnung für Menschen", und sein Mitstreiter Julius Johnrose erklären gegenüber Oberpfalz-Medien, wie es dazu kommen konnte.

"Der Hunger stellt eine genauso große Gefahr dar, wie das Virus selbst", sagt Thomas Ebnet. "Unsere Partner in Indien berichten von einer Lage, die zum Teil noch schlimmer ist, als es die Bilder in den Medien vermitteln." Um das zu verstehen, muss man zunächst eines wissen: Die meisten Menschen arbeiten als Tagelöhner. "Tagelöhner müssen täglich arbeiten, sonst haben sie nichts zu essen", macht Ebnet deutlich. Genau dies sei nun der Fall, denn strenge Ausgangsbeschränkungen oder -sperren verbieten die Arbeit in dieser Hochphase der zweiten Welle. Finanzielle Rücklagen haben die Menschen nicht. "Die Situation ist sehr gravierend. Die Leute warten sehnsüchtig auf Hilfe."

Keine Unterstützung vom Staat

Noch deutlicher wird der Zusammenhang zwischen dem Virus und dem Hunger im Gespräch mit Julius Johnrose, der seit sechs Jahren in Deutschland ist und als Seelsorger in der Georgenberger Gemeinde Neukirchen zu St. Christoph arbeitet. "Fast alle sind Tagelöhner. Sie verdienen ihr Geld als Reis- oder Getreidebauern, in Ziegeleien, im Verkauf oder – wie in meinem Heimatbezirk im Bundesstaat Tamil Nadu, in dem auch unser Verein aktiv ist – als Fischer. In Tamil Nadu sind jetzt alle Geschäfte zu, bis auf Lebensmittelläden und Apotheken, die nur von 10 bis 12 Uhr geöffnet haben. Die Menschen dürfen nur in dieser Zeit das Haus verlassen. Arbeiten ist so nicht möglich, ganze Familien bleiben hungrig. Viele sterben."

Auf finanzielle Unterstützung vom Staat oder von den Arbeitgebern könne niemand hoffen. "So etwas gibt es nicht", sagt Johnrose kurz und knapp. Die Zentral-Regierung plane nun erstmals einen Lockdown für das ganze, riesige Land mit seinen rund 1,4 Milliarden Einwohnern. Die Folgen dürften desaströs sein. "Es gibt kein Sozialsystem, keine Krankenversicherung, kein Arbeitslosengeld ...", beginnt Thomas Ebnet aufzuzählen. Er braucht nur wenige Sätze, um zu verdeutlichen, dass auch der sonstige Umgang des Staates mit den von der Pandemie geplagten Menschen anders ist, als wir es in Deutschland gewohnt sind: "Während des ersten Lockdowns 2020 durften die Menschen zum Teil nicht auf die Straße. Wenn sie doch draußen waren, wurden sie von Polizisten geschlagen. Das ist für unsere Vorstellungskraft kaum greifbar." Es werde zwar Impfstoff angeboten, "aber der ist offiziell noch gar nicht freigegeben". Vor Kurzem habe sich ein bekannter Schauspieler bei der Erstimpfung filmen lassen, um dafür zu werben. Kurz nach der Zweitimpfung sei er nun gestorben. "Offiziell ist es nicht bestätigt, dass es da einen Zusammenhang gab", so Ebnet. Sein Mitstreiter Johnrose weiß: "Die Leute haben jetzt Angst vor der Impfung." Hinzu komme Impfstoffmangel. Die hier bekannten Impfstoffe gebe es in Indien nicht. Das Land produziere sein Vakzin selbst.

Mutter und drei Brüder in Indien

Masken, Medikamente, Sauerstoff zur Beatmung der Coronapatienten – auch daran mangelt es in Indien. "Es gibt kaum Sauerstoff. Die Menschen warten vor den Krankenhäusern und sterben. Die Todesrate ist extrem gestiegen", schildert Ebnet. Nicht wenige Infizierte verlieren ihr Leben zu Hause oder auf der Straße. Von den Partnern seines Vereins in Indien wisse er: "Die Menschen sagen, alle die ins Krankenhaus gegangen sind, sind tot zurückgekommen. Jetzt versuchen sie, sich mit Hausmitteln zu behandeln." Bilder von Leichenverbrennungen belegen: Es sind so viele Tote, dass die Krematorien überfüllt sind. "Jetzt wird sogar das Brennholz knapp."

Die Lage in Indien hat auch direkte Auswirkungen auf den Seelsorger Johnrose in Georgenberg. "Meine Mama und meine drei Brüder leben dort", erzählt der 46-Jährige. Bis jetzt seien alle gesund. "Aber alle haben Angst. Sie ist sehr groß. In meinem Bezirk haben sich schon viele Menschen angesteckt." Wegen der Reisebeschränkungen könne er seine Familie, die er zuletzt im Januar 2020 gesehen habe, nicht besuchen. "Ich kann gar nicht hin und hätte auch Angst", sagt er offen. "Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Ich rufe meine Mama jeden Tag an. Sie ist 72 Jahre alt, und sie macht sich auch Sorgen um mich." Auch seine Brüder spreche er regelmäßig am Telefon. "Ich habe große Angst um sie. Jeden Tag."

Die Lage in Indien zu Beginn der Coronapandemie

Weiden in der Oberpfalz

400.000 Neuinfizierte und fast 3700 Corona-Tote an einem Tag in Indien

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So können Sie helfen

  • "Hoffnung für Menschen e. V.": Der Weidener Verein bittet aktuell vor allem um Geldspenden für Essenspakete, Medikamente oder Hygieneschutzmittel sowie die Übernahme von Familienpatenschaften.
  • Spendenverwendung: Keine Verwaltungskosten. Spenden werden eins zu eins weitergegeben. Der Verein und die Partner in Indien arbeiten unentgeltlich auf eigene Kosten.
  • Beispiele: 20 Euro reichen für die Versorgung einer Familie mit Grundnahrungsmitteln für einen Monat. Eine Familienpatenschaft kostet 240 Euro pro Jahr und unterstützt vor allem Witwen mit Kindern (Lebensmittel, Kleidung, Schulbesuch). Patenschaften können jederzeit gekündigt werden.
  • Bankverbindung: Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz e.G., IBAN: DE75 7539 0000 0001 0201 02, Verwendungszweck: Corona 2. Welle
  • Website des Vereins: www.hoffnung-fuer-menschen.de

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