Herbert Pöhnl nimmt Marketing-Auswüchse aufs Korn
Alltägliche Satire im Fokus

Herbert Pöhnl fand den Draht zu seinem Publikum im Kulturzentrum der Marktmühle: Er schärfte den Blick für die Satire im Alltag. Bilder: lg (2)
Kultur
Oberviechtach
17.05.2017
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Im "Hoamad Jazz" von Sven Ochsenbauer erlebten die Zuhörer Zwiefache und Walzer in neuen Arrangements.

Befremdliche Entwicklungen im heimatlichen Umfeld zeigte der Viechtacher Kabarettist Herbert Pöhnl auf. "Gilt das auch für uns?", war die Frage des Oberviechtacher Publikums, das auch in musikalischer Hinsicht Neues erlebte.

Hinterkirchreuth, den "Zentralort Hinterbayerns", stellt der Kabarettist Herbert Pöhnl in den Mittelpunkt seines satirischen Programms, mit dem er über zwei Stunden lang die Freunde der Kunst im Oberviechtacher Kulturzentrum unterhielt. Dabei schärfte er auch den Blick für Entwicklungen im "Lifestyle" Ostbayerns. Bei seinem Oberviechtacher Auftritt beschränkte er sich beim Geltungsbereich bewusst nicht auf den Bayerischen Wald, sondern weitete das Gültigkeitsfeld aus.

Die Leberkäs-Königin


Namens des Veranstalters stellte Anne Gierlach eingangs nicht nur Herbert Pöhnl als Fotograf und Buchautor vor, sondern zugleich den kongenial mitwirkenden Jazzmusiker Sven Ochsenbauer. Beide wohnen in Viechtach und so liefern die volkstümlichen Bezeichnungen für beide Städte gleich zu Eingang Stoff für Gespräche. Pöhnl liebt den Dialog mit dem Publikum und wundert sich am Anfang, dass das Oberviechtacher Publikum so zurückhaltend ist, "zum Glück" taute dieses dann nach der Pause auf. Vielleicht war dies eine Folge der Leberkäs-Häppchen, die von den Damen des Museums neben Pils und Sekt - passend zum Programm - angeboten wurden.

Unmittelbar vor der Pause philosophierte Pöhnl nämlich über die Leberkässemmel (kurz LKS) und damit zusammenhängend über die Leberkäs-Königin, deren Erwerb eines passenden Dirndls zum Verkaufsevent hochstilisiert wurde. Die Attribute reichten von "trendig und schick" bis "erdig".

Die der Realsatire entnommenen Vermarktungsstrategien bezogen sich aber nicht nur auf das Outfit, sondern auf den Ort oder die gesamte Region. Mit scharfem Blick legt Pöhnl die touristischen Aktivitäten bloß, die dem modernen Marketing verfallen sind. Welche Stilblüten dieses aber treibt, zeigen beispielseise das "Adalbert-Stifter-Visitor-Center", das "Traditonal-Pleasure-Festival" oder die Image-Map des Landratsamtes, die den Heimat-Begriff so abgehoben wissenschaftlich definiert, dass die "Urwaldler" darin einen "komischen Dialekt" vermuten. "Lassen Sie sich mit Schwammerln fotografieren und reden Sie gelegentlich Dialekt!", parodiert der Kabarettist touristische Auswüchse der Fremdenverkehrsbranche. Herbert Pönl dokumentiert seine Ausführungen mit einer Flut an Bildern, die zeigen, wie weit man sich vielfach von der urtümlichen Heimat entfernt hat.

Asphaltierte Dorfplätze mit abgestorbenen Kirchenlinden, Totenbretter an Garagen und festgedübelte Wagenräder zwischen Fensterladen-Imitationen sind Beispiele für misslungene Dorfgestaltung. Klischees und falsche Idylle, die wehtun, werden als grobe Verschandelungen angeprangert. Pöhnl füllt seit den neunziger Jahren mehrere Bände mit Fotodokumenten dieser Fehlentwicklungen. Zuletzt erschien 2014 sein Buch "hinterbayern_inside".

Neue Zwiefache


Manchmal bleibt dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken. Aufgezogen ist der Kabarettabend aber äußerst vergnüglich und dazu trägt der Jazzpianist und Arrangeur Sven Ochsenbauer mit seinen Bearbeitungen von Heimatliedern bei. Zwiefache und Walzer erscheinen in einer Interpretation ganz im Sinne der verstörenden Fotos von Pöhnl, die freilich auch wieder zum Schmunzeln und Lachen anregen. Die Zwiefachen "Leitl, mejsts lustig sei" oder "Unser olde Kat" sind Entsprechungen zum Bildervortrag und so gehört Ochsenbauers "Stubenmusi" unentbehrlich zum gesamten Programm.
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