15.10.2017 - 15:08 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Richter a.D. Wolfgang Waldherr sieht in Fall aus dem 17. Jahrhundert erstaunliche Parallelen Müllers Fuchs und seine Folgen

Vor über 300 Jahren konnte ein Müller aus Lukahammer kaum ahnen, was für eine Lawine er mit der Jagd von Fuchs und Hase ins Rollen brachte: Es folgte ein Schlagabtausch, der die Ämter über Jahrzehnte beschäftigte. Die Details kennt keiner so gut wie Wolfgang Waldherr, Richter a.D. in Oberviechtach.

Richter a. D. Wolfgang Waldherr (vorne rechts mit Ehefrau Gertrud) hat sich einen Fall ausgesucht, der vor über 300 Jahren "Schlagzeilen machte". Er konnte bei der Veröffentlichung auf die Vorarbeit von Max Zinnbauer (vorne links) und eine Reihe von Helfern bauen, die nun gemeinsam mit Bürgermeister Heinz Weigl (im Hintergrund rechts) das Endprodukt begutachteten. Bild: Bugl
von Monika Bugl Kontakt Profil

Der Fall aus dem Jahr 1674 prägt das jüngste Buch zur Geschichte Oberviechtachs: In einer neuen Reihe zu "Landsassen/Hofmarken im Pflegamt Obermurach" hat Wolfgang Waldherr Gartenried und Lukahammer unter die Lupe genommen. Dieser erste Band einer "violetten Reihe" beleuchtet historische Dokumente aus der Zeit von 1394 bis 1930. Und ein Vorgang ist dem früheren Amtsrichter dabei besonders ins Auge gestochen.

Der vom Muracher Pfleger beklagte Jagdfrevel aus dem Jahr 1674 hat der Stadt Oberviechtach eine ganze Reihe von Dokumenten beschert, die einen Streit über die Zuständigkeiten der Pflegämter Tännesberg und Murach offenbaren. Bei der Buchvorstellung im Rathaus packte Waldherr den Wissensschatz für die Öffentlichkeit aus.

Zwar lag Lukahammer im Gebiet des Pflegamts Murach, doch das Nachbaramt in Tännesberg legte Wert darauf, Gerichtsbarkeit und Jagdrecht unter seiner Hoheit zu wissen. Hin und her ging es folglich mit Schreiben an die Regierung in Amberg, die hier Stellung beziehen sollte. Mittendrin zwischen den streitenden Parteien: der Müller von Lukahammer - verhaftet und für fünf Tage auf Burg Murach im Kerker angekettet, so die Darstellung der Tännesberger. Nicht verhaftet, nur "herbefohlen", ausfällig geworden und daraufhin im Amtshaus festgehalten, so die Muracher Version.

Ein Urteil über eine Kindsmörderin wurde herangezogen, um zu belegen, dass Murach schon immer für Gerichtssachen zuständig war, die Tännesberger konterten mit traditionellen Bau- und Brennholzrechten. Doch dann ruhte der Fall plötzlich, und zwar über 50 Jahre. "Wahrscheinlich ist er in Vergessenheit geraten, es gab ja wichtigeres, wie beispielsweise den Spanischen Erbfolgekrieg", berichtet Waldherr. Noch einmal wurden Jahre später Stellungnahmen aus Murach und Tännesberg eingeholt, bis schließlich 1726 Kurfürst Carl Albrecht von Bayern ein Machtwort sprach.

Salomonisches Urteil

"Heute würde man wohl von einem Vergleich sprechen", zieht Jurist Waldherr Parallelen,, allerdings von oben verordnet statt zwischen den Parteien ausgehandelt: Tännesberg bekam die niedere Gerichtsbarkeit zugesprochen, Murach die hohe Gerichtsbarkeit und das Jagdrecht. "Ein sehr salomonischer und praxisbezogener Beschluss", so der Kommentar des Fachmanns, den das durchaus rechtsstaatliche Handeln vor 300 Jahren beeindruckt: "Da hat sich gar nicht so viel geändert."

Waldherr würdigte bei der Buchpräsentation die umfangreiche Vorarbeit von Maximilian Zinnbauer zu dem Werk. Zinnbauer wiederum pries es als "Glücksfall", das er einen Richter für die historische Aufarbeitung der komplizierten Rechtsverhältnisse gewinnen konnte. "Jeder wollte sein Süppchen kochen", erinnerte Zinnbauer an ähnliche Fälle in bereits veröffentlichten Bänden zur Oberviechtacher Geschichte. Dennoch sei vieles damals schon sehr demokratisch abgelaufen.

Schlummernde Schätze

"Ohne diese Bände wäre ein ganzes Stück Kultur, ein ganz besonderer Schatz in der Geschichte unserer Stadt nicht darstellbar", rechtfertigte Bürgermeister Heinz Weigl das "nötige Kleingeld" für die Veröffentlichung der Forschungsarbeiten. Dass es noch mehr solcher Schätze zu heben gibt, deutete bei dieser Gelegenheit Zinnbauer an: Als Band 2 könne er sich eine Untersuchung über Pullenried vorstellen - mit Fokus auf dem Braurecht. Und auch für eine vierte, "grüne Reihe" hat Zinnbauer schon Ideen: Almosen und Wasserleitungen könnten da eine Rolle spielen. Ein Autor wird noch gesucht.

Heute würde man wohl von einem Vergleich sprechen.Wolfgang Waldherr, Richter.a.D. zum Beschluss über die Zuständigkeit der Pflegämter

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