Henning Scherf beleuchtet bei der "Leerstandsoffensive" Lebensformen für Senioren
Intelligente Alternativen zum Heim

Patentrezepte für die Oberpfalz habe ich nicht, aber man braucht nur die gewachsenen Strukturen zu nutzen.
Lokales
Oberviechtach
18.04.2013
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"Da, wo ich aufgewachsen bin, will ich auch alt werden. Und was ich gerne unter die Leute bringen will: man darf sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen." Henning Scherf denkt nicht nur so, er hat auch danach gehandelt.

Dass es durchaus Alternativen zum Heim gibt, hat Henning Scherf am Dienstag beim Gesprächsabend "Gemeinschaftliches Leben im Alter" im Emil-Kemmer-Haus am eigenen Beispiel eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eingeladen hatten dazu die zwölf Kommunen der Leerstandsoffensive" im "Brückenland Bayern-Böhmen" in Zusammenarbeit mit der Seniorenfachstelle des Landratsamtes; diese war vertreten durch die Leiterin Eveline Seitz.

Im seniorenpolitischen Gesamtkonzept des Landkreises wird der Focus auf "ambulant statt stationär" gelegt und auch die "Leerstandsoffensive" entwickelt Projektideen mit dem Ziel, dass Senioren so lange wie möglich selbstbestimmt in der vertrauten Umgebung alt werden können. "Wir waren noch keine 50 Jahre alt, als wir uns über unser Leben im Alter Gedanken machten", überraschte Henning Scherf bei seinem Vortrag. Als die Kinder aus dem Haus und weit weg waren, habe man sich mit gleichgesinnten Freunden zusammen gesetzt und etwas Neues überlegt.

Mit Gleichgesinnten


Nach vier Jahren Suche wurde zu zehnt ein altes Innenstadt-Haus in Bremen gekauft, saniert und altersgerecht umgebaut. "Die Balance zu finden zwischen dem selbstständig bleiben und dem gemeinsam sich helfen war das Schwierigste", bekennt Scherf. Langsam habe man gelernt, sich gegenseitig zu helfen, vom gemeinsamen Kochen und Essen über Einkaufen bis hin zu Besorgungen. Die Nagelprobe sei schon nach zwei Jahren gekommen, als eine Mitbewohnerin und später auch deren Sohn todkrank wurden. "Wir haben beide im Wechsel rund um die Uhr gepflegt und versorgt und sind dabei noch mehr zusammengewachsen", blickt Scherf zurück. Und weiter: "Ich habe auch keine Angst mehr vor dem altern, denn ich weiß wie es geht".

Scherf kennt über 1 000 Pflegeeinrichtungen und in 15 hat er sich über Wochen hinweg einquartiert, um Erfahrungen zu sammeln. Die Pflegeeinrichtungen sollten übersichtlich bleiben, am besten in der gewachsenen Ortsstruktur in vertrauter Umgebung sein, wenn möglich Altbauten mit Geschichte. Wichtig sei es auch - gerade bei Demenzkranken - dass die Leute noch etwas zu tun haben und mit ins Leben einbezogen werden. Studien hätten gezeigt, dass man 80 Prozent der Demenzkranken wieder integrieren könne, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt.

"Strukturen schaffen"

Das sei mit viel Zeitaufwand verbunden, den Pflegekräfte in Heimen gar nicht erbringen können. Scherf: "In Deutschland werden jährlich 160 000 Magensonden gelegt, nur weil niemand Zeit hat, beim Essen zu helfen". Den anwesenden Kommunalpolitikern legte Scherf ans Herz, geeignete Strukturen zu schaffen, damit die Senioren vor Ort bleiben können. Gerade auch Leerstände bieten nach Scherfs Überzeugung alternativen zu Altenheimen, um Wohngemeinschaften einzurichten und Pflegestützpunkte für die, die noch zu Hause sind.

Die gewachsenen Strukturen in den Dörfern und Städten würden hierzu optimale Voraussetzungen bieten. "Patentrezepte habe ich nicht für die Oberpfalz, aber man braucht nur die gewachsenen Strukturen zu nutzen", so der Experte. Scherf zeigte sich zuversichtlich, dass hier ein Umdenkprozess im Gange ist: "Ich spüre querbeet, dass immer mehr Menschen begreifen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sich dramatisch verändert und dass wir darauf entsprechend reagieren müssen".
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