Elektrizität hält Einzug im Oberviechtacher Land
Vom Dunkel ins Licht

Stimmungsvoll ausgeleuchtet setzt sich der Oberviechtacher Marktplatz im Advent in Szene. Auf Schnee muss zu den Weihnachtsfeiertagen 2016 wieder einmal verzichtet werden. Bilder: Portner (2)
Vermischtes
Oberviechtach
23.12.2016
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Elektromeister Albert Schießl (85) ist immer noch stolz auf seine erste strombetriebene Lok - ein Weihnachtsgeschenk im Kriegsjahr 1939. Er kennt auch noch die Zeiten, als die Petroleumlampe (rechts) Standart war.
 

Trist war es früher in der Zeit um Weihnachten. Die Straßen waren dunkel und nur ein matter Kerzenschein erhellte die kleinen Fenster am Marktplatz. Rund 100 Jahre ist es her, seit der Strom "Licht ins Dunkel" der Eisenbarth-Stadt brachte. Doch es dauerte noch 30 Jahre, bis auch die Dörfer ihre "Lichtfeste" feiern konnten. Der damalige Elektrikerlehrling Albert Schießl (85) erinnert sich.

Weihnachten ist das Fest des Lichts und der Liebe. Wenn am Heiligen Abend Bescherung ist, dann leuchten die Wohnzimmer und Marktplätze heller als der Stern von Bethlehem. Für die Jugend unvorstellbar - für die Senioren noch matte Erinnerung: Zu Beginn der Elektrifizierung wies jedes Zimmer nur eine Brennstelle auf. Es gab nur einen Schalter, mit dem man das Licht "aufdrehen" konnte.

Leitung ins Dorf

"Eine Steckdose war meist überflüssig, man hatte ja keine Geräte zur Stromabnahme", sagt Elektrikermeister Albert Schießl (Jahrgang 1931). Er geht ins Wohnzimmer und holt eine alte Tischlampe. Diese musste mit Petroleum gefüllt werden, welches es in einem Fass im Kramerladen zum Kaufen gab. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - und meist noch vor der Währungsreform am 20. Juni 1948 - setzte ein wahrer Boom ein. So wie jetzt beim Breitbandausbau wurden damals die Dörfer nach und nach mit Stromleitungen versorgt. "Man bezahlte damals gerne mit Naturalien", erzählt der Senior. Er berichtet von Lichtfesten, welche in jedem Dorf gefeiert wurden, wenn die Leitung ging. Die Feste dauerten oft mehrere Tage, es wurde eine Sau geschlachtet und Kuchen gebacken: "Da kamen dann auch die OBAG-Direktoren aus Regensburg. Denen tropfte das Fett vom Mund, denn in den Städten gab es nicht viel." Schießl erinnert sich noch gut an die Lichtfeste in Wildeppenried, Pullenried, Plechhammer, Gartenried, Oberlangau und Unterlangau. Man kann es sich kaum noch vorstellen, was es damals für die Bevölkerung bedeutet hat, Elektrizität im Haus zu haben. Heutzutage ist es ja oft schon eine kleine Katastrophe, wenn für zwei Stunden der Strom abgeschaltet wird! Entlang der Murach und Ascha war die Elektrifizierung schon weiter. So gab es in Mitterlangau und Pirkhof Strom aus Wasserkraft. "Doch wenn die Landwirte zwei bis drei Motoren anhängten, brach alles zusammen", berichtet Schießl. Die Ortschaft Fuchsberg wurde zum Teil durch Dieselmotoren von der Schlossbrauerei versorgt.

"Lichthunger" gestillt

Die ersten Haushalte in Oberviechtach wurden im Jahr 1915 an das Stromnetz angeschlossen. Schon 1909 hatte sich der Dampfsägewerksbesitzer Thammer bereit erklärt, auf eigene Kosten ein Elektrizitätswerk zu bauen. So steht es jedenfalls im Amtsblatt Nr. 43 vom 26. Mai 1909 zu lesen. Thammer wollte sich auch verpflichten, von Privatleuten nicht mehr als 50 Pfennige pro Kilowattstunde für Beleuchtungszwecke und 30 Pfennige für Kraftzwecke zu berechnen. "Eine günstigere Gelegenheit kann natürlich für Oberviechtach überhaupt nicht mehr in Frage kommen und so wäre es gerade unverantwortlich, wenn man diese Gelegenheit unbenützt vorübergehen ließe", so das Amtsblatt. Die Marktgemeinde hatte keine Kosten zu tragen und vorerst auch keine Verpflichtung, die Straßenbeleuchtung einrichten zu lassen. "Die schon längst erwünschte Neuerung kann deshalb ohne Erhöhung der Gemeindeumlagen eingeführt werden. Man findet ja hier noch verschiedene Gegner des Elektrischen, aber dass die Mehrzahl der Einwohner von der Notwendigkeit überzeugt ist, beweist die Tatsache, dass sich bereits sehr viele Hausbesitzer bereit erklärt haben, den elektrischen Strom für Licht und Kraft einrichten zu lassen," schreibt das Amtsblatt weiter. Etwa 450 Flammen und 26 Elektromotoren wurden angemeldet, hierzu kamen noch die staatlichen Gebäude, wie Bezirksamt, Amtsgericht, Bahnhof und Postamt. Doch es dauerte noch Jahre, bis die Gemeinde die Konzession zur Anlage einer elektrischen Leitung für Licht und Kraft erteilte. Erst ab 1915 konnten die Einwohner Oberviechtachs an dieser neuen Technik teilhaben. Nun begeisterten neuartige Erfindungen, allen voran die elektrische Glühbirne, der Elektromotor und der Transformator die Menschen.

Eine dynamische Entwicklung kam in Gang, an der sich auch der Vater, Elektromeister Albert Schießl (1901 bis 1984) beteiligte. Er war sozusagen ein Pionier der neuen Technik, denn er eröffnete das erste Elektrogeschäft im damaligen Marktflecken. Nach der Lehre als Schlosser und Dreher bei der Mühlenbauanstalt Sauer in Pertolzhofen sattelte er um und legte 1928 die Meisterprüfung ab. Damals wurde erkannt, dass die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung der Oberpfalz nur gelingen könne, wenn auch der letzte Weiler mit elektrischen Strom versorgt ist.

Während die Dörfer noch im Dunkeln lagen, gab es in Oberviechtach bereits eine Hochspannungsleitung. Schießl berichtet von einer Überlandleitung, ausgehend von der Ascha bei Schneeberg über Nunzenried, Oberviechtach, Rottendorf bis nach Nabburg. "Der Strom kam entweder vom Überlandwerk oder zentral vom Wasserrad des Müllners aus der Nachbarschaft", erzählt Schießl. So wie beispielsweise in Lukahammer, wo die Familie Hösl eine Dynamomaschine (Gleichstrom) zunächst mit 110 und später mit 120 Volt betrieb. Die Stadt Schönsee bezog ihren Strom vom nahen Gut Dietersberg. Für Lampenschirme und Elektrogeräte war erst nach der Währungsreform Hochkonjunktur. Während vorher eine 25er-Birne reichte, legten die Hausfrauen nun gesteigerten Wert auf Ästhetik: eine Zuglampe für die Küche und einen "umgestülpten Schirm" für das Schlafzimmer, damit das Licht an die Decke fiel. Auch die Nachfrage nach den Haushaltshelfern stieg. "Die ersten Elektrogeräte waren Bügeleisen und kleine Kochplatten", erinnert sich Albert Schießl. Die erste vollautomatische Waschmaschine ("Constructa" für 2000 Mark) wurde 1951 in Hannover vorgestellt.

Eine elektrische Weihnachtsbeleuchtung hatte die Familie Schießl schon in den 1930-er Jahren: die Osram-Lichterkette für innen und außen. Damals leuchtete am Marktplatz allerdings noch kein Christbaum und die wenigen Straßenlampen standen nur an den Kreuzungen. Im Advent ging es jeden Morgen um 7 Uhr zum Rorate und danach erst zur Schule, die bis 15 Uhr dauerte. Auf dem Hin- und Nachhauseweg war es dunkel. Bis von Niesaß herunter mussten die Kinder zu Fuß mit hölzernen Laternen marschieren.

Weihnachtsgeschenk

Eine Eisenbahn war übrigens das erste, mit Strom betriebene Weihnachtsgeschenk von Albert Schießl: 1939 bekam er eine Märklin-Stromlinienlok SLR 800 LMS, die heute bei Sammlern für 7000 Euro gehandelt wird. Als er 1960 das Elektrogeschäft übernahm, setzte er einen Schwerpunkt auf Modelleisenbahnen. Noch heute hat der Senior, der am 25. Dezember 85. Geburtstag feiert, das nötige Fingerspitzengefühl, wenn er repariert oder digital modernisiert.

"Strom kommt sowieso ins Haus - nutz das aus", lautete die OBAG-Werbung in den 50er-Jahren. Wer mehr verbrauchte, kam in eine preisgünstigere Klasse. Heute dagegen ist Sparen angesagt. "Es ist eine total falsche Energiepolitik", sagt Schießl. Seiner Meinung nach arbeiten Wasserkraftwerke am umweltfreundlichsten: "Wir hätten heute Strom genug, wenn wir mehr auf die Wasserkraft in Österreich, anstatt auf Windräder in der Nordsee setzen würden."

Da kamen dann auch die OBAG-Direktoren aus Regensburg. Denen tropfte das Fett vom Mund, denn in den Städten gab es nicht viel.Albert Schießl erzählt von den "Lichtfesten"
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