04.08.2017 - 17:48 Uhr
ParksteinOberpfalz

1700 Kilometer durch Deutschland - Stephanie Schüler radelt zurück zu sich selbst Lebensweg

Stephanie Schüler steigt aufs Fahrrad und fährt los - um sich selbst zu finden nach all dem "Wahnsinn", der Aggression und der Hilflosigkeit, die sie in den vergangenen Jahren erlebt hat. Nach 1700 Kilometern kommt sie wieder in Weiden an. Eines weiß sie schon jetzt - es wird nicht ihre letzte Fahrt gewesen sein.

Der halbe Weg ist bewältigt - ein unwirkliches Gefühl für Stephanie Schüler, den Weg nach Berlin geradelt zu haben.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Parkstein. "Zwischenmenschlich bin ich nicht mehr der Hit", erzählt die 34-Jährige mit einem Lächeln. 2012 verändert sich das Wesen von Schüler stark. Sie ist aggressiv, erkennt sich selbst nicht wieder. "In der schlimmsten Phase konnte ich nicht mehr gehen, habe vergessen, wozu ich bestimmte Dinge benutzen kann - zum Beispiel einen Löffel." Ihr Umfeld distanziert sich von der damals 29-Jährigen. Heute weiß Schüler, warum sie plötzlich "ein völlig anderer Mensch war": Sie hat eine seltene Auto-Immunerkrankung. Bestimmte Antikörper in ihrem Blut greifen Hirnzellen an. Lange tappten die Ärzte im Dunkeln, glaubten an eine psychische Störung. Inzwischen fährt Schüler alle sechs Monate zur Blutwäsche nach Berlin - eine Behandlung, nach der sie sich fühlt "wie ein neuer Mensch". Ein Schritt zurück in die Normalität.

Die heute 34-Jährige regeneriert sich auf einer Reha, lernt alltägliche Dinge neu. Während einer "geistigen Umnachtung" bestellt sie sich ein Triathlon-Buch. Schon immer habe die gelernte Krankenschwester gern Sport gemacht - bis zu ihrer Erkrankung. "Genau das wollte ich wieder. Aber außerhalb eines Vereins, ohne gebundene Zeiten." Schüler engagiert einen persönlichen Trainer. Sie trainiert hart, baut Muskeln auf, entwickelt einen "wahnsinnigen Ehrgeiz". Gleichzeitig belegt die 34-Jährige einen Schwimmkurs. Ein großer Schritt, wie sie erzählt. "Ich war schnell für etwas zu begeistern, war sofort überall dabei. Kurz vorher habe ich aber Angst bekommen und es doch gelassen." Diesmal kämpft sie dagegen an, geht in das Schätzlerbad und belegt anschließend sogar einen zweiten Kurs.

17 Etappen, 1700 Kilometer

Dann erinnert sie sich an ein Versprechen, dass sie ihrem behandelnden Berliner Arzt Dr. Harald Prüß, Neurologe an der Charité, gab: "Wenn Sie mich wieder hinbekommen, fahre ich mit dem Rad durch Deutschland." Schüler wagt sich an das Projekt, dass sie selbst "Mein Weg zurück nach vorn" nennt. "Ich denke, am Anfang hat keiner damit gerechnet, dass ich es wirklich schaffe", erzählt Schüler. Am 20. Mai steigt sie auf ihr Fahrrad und fährt los. Ihr Partner Thomas Zenger und ihre beiden Hunde Oskar und Josie sind immer an ihrer Seite.

Schüler will sich selbst beweisen, dass sie es schaffen kann, zu sich finden, ein Stück Freiheit spüren. Aber sie will auch auf die Krankheit aufmerksam machen. "Es geht mir darum, darauf hinzuweisen, dass durch einen einfachen Bluttest der Antikörper nachgewiesen werden kann. Dadurch kann bei Patienten mit einer vermeintlich psychischen Erkrankung festgestellt werden, ob hinter den Symptomen nicht doch eine körperliche Ursache steckt." Bei ihrem Projekt arbeitet sie eng mit der Initiative Rad-Engel zusammen, einem neu gegründeten Verein, der sich für notleidende Menschen einsetzt.

Glücklicher Abschied

Den schönsten Moment erlebt die 34-Jährige gleich beim Start. "Unglaublich viele" Freunde und Kollegen verabschieden sie und wünschen ihr Kraft und Glück. "Ich habe da Leute gesehen, mit denen ich nicht gerechnet hätte", erinnert sich Schüler und lächelt. "Sie haben mir gesagt, sie können mich nicht fahren lassen, ohne mich noch einmal gesehen zu haben." Doch bei dem Abschied bleibt es nicht. Zwölf ihrer Freunde schwingen sich aufs Rad und begleiten sie bei ihrer ersten Etappe nach Mainleus - insgesamt 111 Kilometer. 17 liegen insgesamt vor ihr, 1700 Kilometer quer durch Deutschland. Schüler fällt es "kein einziges Mal schwer" aufs Rad zu steigen. Zu schön seien die Eindrücke gewesen, zu gut das Gefühl am Abend, wieder eine lange Strecke geschafft zu haben.

Ihre Eindrücke hält sie in einem Online-Tagebuch fest, berichtet fast täglich von der Strecke und ihren Begegnungen. "Es ist unglaublich, wie unterschiedlich Deutschland ist. Ich war sprachlos, als ich plötzlich auf die Wartburg blickte. Ein unbeschreiblicher Anblick." Nicht immer läuftalles glatt. "Manchmal haben wir Orte nicht gefunden, dann haben wir uns durchgefragt", erzählt die 34-Jährige. Zur Sicherheit ist immer ein Begleitfahrzeug dabei, das auch ihr Gepäck transportiert. In Kassel trifft sie Martina und Livio, selbst im Verein "Rad-Engel" aktiv. Die beiden begleiten Schüler über Hamburg bis nach Berlin.

Blick auf Elbphilharmonie

Auch die Ankunft in Hamburg bleibt für die Parksteinerin unvergesslich. "Wir sind mit dem Rad auf die Elbphilharmonie zugefahren. Im ersten Moment kann man das nicht realisieren, dass man den ganzen Weg mit dem Rad gefahren ist." In der Hansestadt erfüllt sich die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn einen Wunsch. Sie besucht den größten Rangierbahnhof Europas. Die nächste Etappe führt sie nach Berlin. Es wird Zeit, ihr Versprechen einzulösen. Vor der Charité erwartet sie ihr Arzt. Er kann es nicht glauben, dass Schüler tatsächlich mit dem Rad gekommen ist. Die Hälfte ist geschafft.

Über Leipzig fährt die 34-Jährige nach Gera, Hof und Marktredwitz. Nach knapp drei Wochen liegt die letzte Etappe vor ihr - doch die bewältigt sie nicht alleine. Wieder überraschen sie ihre Freunde und Kollegen, fahren gemeinsam mit ihr ins Ziel - Weiden. Ein unwirkliches Gefühl, zurück in der Normalität zu sein. Schon da weiß Schüler: 2018 steigt sie wieder auf ihr Rad, und diesmal fährt sie entlang der Landesgrenzen. "Dass sind noch einmal 1000 Kilometer mehr." Doch das sind nicht ihre einzigen Pläne. Sie möchte ein eigenes Netzwerk gründen, ein Ansprechpartner für Betroffene in der Region sein. "Und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich das auch. Das hat mir die Tour gezeigt."

___

Weitere Informationen:

www.mein-weg-2017.de

Radeln für den guten Zweck

Stephanie Schüler sammelte bei ihrer Radtour Spenden für Menschen, "denen es schlechter geht als mir und denen man damit helfen und eine Freunde machen kann". Das Geld ging an diese Organisationen:

Stiftung Bahn-Sozialwerk: Diese Stiftung bietet als betriebliche Sozialeinrichtung der Deutschen Bahn aktiven und ehemaligen Mitarbeitern und deren Angehörigen Hilfe und Unterstützung. "Ich bekam nach meiner Erkrankung von der Deutschen Bahn die Chance, beruflich wieder Fuß zu fassen."

"Rad-Engel": Der erst kürzlich gegründete Verein unterstützt Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind.

Wer die sozialen Projekte unterstützen möchte, kann das durch eine Spende auf das Konto: Sparda Bank Ostbayern, Thomas Zenger, IBAN: DE43 7509 0500 0220 515752, Verwendungszweck: "Mein Weg 2017". (juh)

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.