13.05.2014 - 00:00 Uhr
PfreimdOberpfalz

Archäologen entdecken bei Iffelsdorf Gürtel aus spätawarischer Zeit - Einmalig in Deutschland: Krieger eines vergessenen Volkes

Die Figur auf dem 1200 Jahre alten Bronzebeschlag hat einen krötenartigen Kopf, die Beine sind gespreizt. Um das Männchen herum windet sich eine Schlange. Ihr Kopf liegt so zwischen den Beinen der Figur, als sollte der Krötenköpfige entmannt werden. Nicht nur die Darstellung gibt den Archäologen Rätsel auf. Genauso ist die Frage offen, wie der Beschlag eines awarischen Gürtels in ein Grab bei Iffelsdorf kam. Denn schon der Fund des Gürtels ist eine Sensation.

von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Privat-Dozent Dr. Hans Losert, der die Ausgrabungen in den Kapellenäckern im Stadtteil leitete, hat einen Sinn für Dramaturgie: Die Sensation präsentiert er den rund 120 interessierten Gästen am Freitag im Bürgersaal erst ganz zum Schluss und schließt damit einen Kreis: Prof. Dr. Erik Szameit (Uni Wien) lenkt den Blick in die Zeit um 560 nach Christus, auf ein Volk, das rund 250 Jahre bis in die Zeit Karls des Großen die Geschicke Mitteleuropas prägte und dann in der Versenkung verschwand: die Awaren.

Das Reitervolk dürfte aus den Tiefen der westchinesischen Steppe stammen, geriet dort unter militärischen Druck und flüchtete Richtung Bosporus. Im Winter 568/569 standen sie vor den Mauern Konstantinopels (heute Istanbul), Hauptstadt des oströmischen Reiches. Die Awaren wollten Lebensraum, boten dafür ihre militärische Dienste an. "Die Byzantiner waren nicht begeistert", erläuterte Szameit, ließen die Awaren aber gewähren, als die sich slawische Völker westlich des Schwarzen Meeres unterwarfen. Das gelang, weil die Awaren offenbar hervorragende Reitersoldaten waren, die im Wortsinn fester im Sattel saßen als ihre Gegner: Aus ihrer Heimat hatten sie den Steigbügel mitgebracht, der es den Kavalleristen ermöglichte, sich auf dem Pferd zu drehen und Pfeile nach hinten abzuschießen. Als Rang- und Standesabzeichen trugen die Reiter verzierte Gürtel, an denen Lederriemen baumelten.

Im Karpatenbogen

Die Awaren machten sich schließlich - nach einem Pakt mit den Langobarden und einigen Kämpfen - die ungarische Tiefebene im Karpatenbogen zueigen. Den Frieden mit Byzanz ließen sie sich bezahlen. Ihr Reich grenzte nun im Westen an Bayern, das sich Karl der Große einverleiben sollte, und Byzanz. Verfehlte Wirtschaftspolitik und Angriffe Karls brachten den Niedergang.

Einer der Reiterkrieger - laut Losert zweifellos von höherem Stand - muss im 8. Jahrhundert den Weg nach Iffelsdorf gefunden haben. Hier liegt er begraben, mit seinem Gürtel. Die Ausgrabungen im Herbst des vergangenen Jahres waren schon abgeschlossen. Schöne Augenperlen wie aus Muranoglas hatten die Archäologen in 1200 Jahre alten Gräbern der Nekropole entdeckt, dazu wieder Tonscherben, die Rückschlüsse auf Totenbräuche der hier siedelnden Slawen zulassen. Die Archäologen und Helfer um Losert griffen im November noch einmal zu Kelle und Pinsel, um die Grabung abzuschließen. Da tauchte eine Gürtelschnalle auf, sorgte für freudige Erregung. Nach und nach gab die Erde über 30 weitere Bronze-Teile frei, die zusammen die komplette Garnitur eines spätawarischen Gürtels bilden. "Ein bemerkenswertes Grab", beschreibt Losert mit der Zurückhaltung des Forschers den Fund. Dabei ist er nichts weniger als eine Sensation. Denn was da im Boden lag, war der erste Fund eines spätawarischen Gürtels in Deutschland.

Damit aber noch nicht genug. Denn einer der Beschläge zeigt das beschriebene Schlangenmotiv. Losert recherchierte, stieß auf ähnliche Motive auf einem wertvollen Gefäß aus dem frühmittelalterlichen Afghanistan. Aber auch auf uralten, goldenen Trinkhörnern in Jütland (heute Schleswig-Holstein) tauchen die Motive auf. Männchen und Schlange stellen wohl eine Art Gottheit dar, die mit dem Sonnenlauf in Verbindung steht, möglicherweise mit Fruchtbarkeit und Sexualität. Hier heißt es, weiterforschen. Aus der Tatsache, dass das Material dieser Riemenzunge hochwertiger ist als das des restlichen Schmucks schließt Losert, dass der Beschlag möglicherweise byzantinische Wurzeln hat.

Eine Siedlung?

Es gibt also noch allerhand zu forschen auf den Kapellenäckern. Schließlich muss es nahe des Friedhofs auch eine Siedlung gegeben haben. Deshalb bat Bürgermeister Richard Tischler auch um Spenden, und die aufgestellten Boxen füllten sich rasch. Die Ausgrabungen sollen in diesem Jahr fortgesetzt werden, kündigte Tischler an. Mit Losert richtete er den Dank an die Familie Reil, der der Acker mit dem Gräberfeld gehört. Und natürlich an die vielen Grabungshelfer und die Lions-Clubs Oberpfälzer Wald und Schwandorf. Letztere hatten mit der Stadt nicht nur den Vortrag organisiert, sondern unterstützen die Archäologen schon seit der ersten Grabung.

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