Sanierung auf der A93 bei Pfreimd - 50.000 Tonnen Mischgut verarbeitet
Heiß, gefährlich, unwägbar: Die Autobahn-Baustelle

Auf der A93 erneuern Bauarbeiter die Fahrbahndecke. Bild: Christian Gold
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Pfreimd
09.07.2014
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Experten suchen nach Bomben und MG-Ständen aus dem Zweiten Weltkrieg. Über Nacht stehlen Verbrecher Diesel und ganze Baumaschinen. Und Bauarbeiter schuften teilweise nur einen halben Meter vom Verkehr entfernt. Eine Autobahn-Baustelle ist ein Ort voller spannender Geschichten.

Von Christopher Dotzler

Das nennt man wohl eine explosive Vorbereitung: Noch lange bevor die erste Walze auf die Autobahn-Baustelle rollt, beginnen die Planungen. Es geht um Details, Routine und Kampfmittel. Richtig gelesen. So umschreibt Siegfried Jarowy von der Autobahndirektion Nordbayern Letzteres, wenn er meint, dass nach „Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die nicht gezündet haben, MG-Ständen, die irgendwo sind oder weggeworfenen Granaten“ gesucht wird.

Irgendwann – Monate später – kommen Bauarbeiter und arbeiten zu Dutzenden auf der Autobahn. So wie aktuell auf der A93 zwischen der Anschlussstelle Nabburg und dem Autobahnkreuz Oberpfälzer Wald in Fahrtrichtung Hof – die Fahrbahndecke wird erneuert. Was dort genau passiert, erzählt Stefan Lutz. Der 42-jährige Polier sitzt am Steuer, fährt über die Baustelle und erklärt. Die Straßen sehen aus, als wäre gerade ein nicht gefundenes Kampfmittel in die Luft gegangen. Ganze Arbeit hat aber der Presslufthammer geleistet. Aufgehämmerte Asphaltbrocken lassen die Fahrt zu einem Rodeoritt werden. Der Bulle hat vier Räder und ist ein orangenfarbenes Baustellenfahrzeug.

Sechs Stunden Arbeit im Zeitraffer

Dem Polier scheint das Geholpere nicht viel auszumachen. Im fränkischen Dialekt rattert er Zahlen herunter, die man sich schwer vorstellen kann: Auf der rund viereinhalb Kilometer langen Baustelle werden zirka 50.000 Quadratmeter Asphalt abgefräst, auf einer Strecke von etwa 2,8 Kilometern werden nagelneue Granitbausteine und insgesamt 50.000 Tonnen Mischgut eingebaut. Zum Vergleich: Das Mischgut entspricht einem Gewicht von rund 45.000 Opel-D-Corsas. Mengen, die erst beim Anschauen des Zeitraffers (siehe Video) greifbar werden. Bilder von sechs Stunden Arbeit. Die ganze Maßnahme dauert über zwei Monate.



Kein Wunder also, dass Lutz sich ärgert, dass „manche meinen, es wird nichts gearbeitet auf den Baustellen, wenn sich an bestimmten Stellen nichts rührt“. Der Eindruck täusche. Der Polier sagt: „In dem Moment, in dem die erste Fräse in die Baustelle fährt, fangen wir schon an, Bordsteine und alte Kanaldeckel auszubauen.“ Was folgt, ist eine logistische Meisterleistung. Außerdem sagt Lutz: „Das passiert eigentlich alles gleichzeitig.“

Spaziergang auf 180 Grad heißem Untergrund

Hinzu kommt ein immenser Zeitdruck. „Der Geldgeber setzt uns ein Ziel. Bis dahin müssen wir fertig sein.“ Jarowy schlägt in die gleiche Kerbe, formuliert es nur ein wenig anders. Nach der Planung komme es zur Ausschreibung (siehe Zeitstrahl am Ende des Artikels). Die Angebote der Firmen werden beurteilt und vergeben. „Dann warten wir nur noch auf die Fertigstellung.“ Das Faszinierende daran: Es funktioniert. „Es geht mal ein paar Tage hin oder her, aber man muss sagen, es klappt eigentlich immer“, berichtet Jarowy. Was sich nach Routine anhört ist ein Prozess mit allen Unwägbarkeiten, die es auf so einer Autobahn-Baustelle geben kann: Risse in der Tragschicht, zusammengebrochener oder zu weicher Untergrund, zusammengedrückte Entwässerungs-Rohre, die ausgetauscht werden müssen, oder schlicht das Wetter.



Aber die kuriosesten Geschichten liefert immer noch der Mensch. Wer glaubt, dass Absperrungen und 180 Grad heißes Mischgut Spaziergänger und Schaulustige abhält, der täuscht. Lutz erzählt von einem Hundehalter, der mit seinem Haustier über die noch nicht abgekühlte Masse lief. Und von Anwohnern, die genauso unbelehrbar waren. „Wir gehen schon immer diesen Weg entlang“ hätten die Leute argumentiert. Man kann sich förmlich vorstellen, wie diese Menschen in Charlie-Chaplin-Manier über die Straße gehopst sein müssen.

Lärm, Hitze und Schaulustige

Während Lutz die Geschichten erzählt, rollt eine Ladung des Mischguts an. Von Zeit zu Zeit vibriert die Straße unter einem. Wer schon einmal mit dem Auto auf einer Brücke stand, während ein Lkw vorbeigedonnert ist, kennt das Gefühl. Hinzu kommt ein hoher Lärmpegel. Die vorbeifahrenden Autos erinnern an zu langsame Formel-1-Flitzer. Aber gerade weil die Fahrzeuge nicht im Monstertempo vorbeizischen legt sich über die Baustelle eine monotone Geräuschkulisse, die für normale Ohren um einige Dezibel zu laut ist. Unter diesen Bedingungen schuften die Arbeiter stellenweise nur einen halben Meter vom Verkehr entfernt, manchmal bei Temperaturen von über 30 Grad im Schatten. Das ist gefährlich, wenn die Verkehrsteilnehmer mit Tempo 60, 80 oder noch schneller vorbeidüsen. Es ist aber laut Lutz ebenso „nicht so prickelnd“, wenn es sich staut. Dann gucken den Bauarbeitern 200 Schaulustige über die Schultern. Das alles zusammen bedeutet nichts anderes als Stress.

Der Blick fällt bei diesen Gedanken wieder auf das Mischgut. Ein echte Gefahrenquelle. Ein Bauarbeiter, der stolpert und mit den Händen voraus in die heiße Masse stürzt – das ist nicht nur bloßes Szenario, sondern ein Fall, von dem Lutz berichtet. Der Satz „Wir wissen im Vorfeld auch nicht, welche Schwierigkeiten auf uns zukommen“ bekommt mit diesem Hintergrund viel mehr Bedeutung.

Außerdem wird auf den Baustellen regelmäßig gestohlen. Lutz berichtet davon, dass Diesel und sogar ganze Maschinen verschwinden. Eine Nachfrage bei der Polizei ergab, dass seit Jahresbeginn zwei Fälle auf der A93 in der Region bekannt sind. Eine davon eben bei der Anschlussstelle Pfreimd. Lutz und der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz Stefan Hartl bestätigten, dass Unbekannte bei fünf Baucontainern die Vorhängeschlösser aufbrachen. Die Ausbeute der Diebe: eine Flex, Pumpen, ein Batterieladegerät, mehrere Kabeltrommeln, ein Schweißgerät und noch andere Dinge im Wert von 2500 Euro. Hinzu kommt ein Sachschaden in Höhe von 500 Euro. Der zweite Fall ereignete sich am 19. April. Laut Polizei sind zwei Männer dabei beobachtet worden, wie sie eine Gitterbox vom Autobahnrastplatz Waldnaabtal West entwendet haben.


Der Nachwuchs fehlt

Der Weg zum ZeitrafferEin Zeitraffer, rund 6000 Bilder. Wer sich das einminütige Video anguckt, der bekommt eine Ahnung, wie viel Planung hinter einer Autobahn-Baustelle stecken muss. Aber auch den Clip zu produzieren ist ein kleines Abenteuer.

Zuallererst muss eine Drehgenehmigung her. Kosten: 40 Euro. Bevor das erste Bild auf der Speicherkarte landet, müssen sechs Seiten Auflagen und Hinweise durchforstet werden. Manches ist klar. Das zum Beispiel: „Die Dreharbeiten dürfen keine Störung oder Beeinträchtigung des fließenden Verkehrs bewirken.“

Unklarer dagegen ist, welche Warnweste man denn nun tragen muss: „Die an den Dreharbeiten beteiligten Personen müssen Warnkleidung nach EN 471 (DIN 30711) tragen, mindestens jedoch eine rückstrahlende Warnweste. Als Farbe ist ausschließlich fluoreszierendes Orange-Rot gemäß Abs. 5. 1, Tabelle 2, der DIN EN 472 zulässig.“ Alles klar?! Als Journalist greift man da gerne zu, wenn einem das richtige Westchen gereicht wird. Außerdem gibt es zahlreiche weitere Verhaltenstipps.

Für den Dreh selbst wurde der Kameramann des Oberpfalznetzes vorab noch zum Handwerker. Der schreinerte nämlich kurzerhand ein Gehäuse. Eine so ungewöhnliche wie nützliche Konstruktion für die kleine Kamera. Der Aufwand hat sich jedenfalls gelohnt. Das Video liefert beeindruckende Bilder.
Schwierigkeiten gibt es auch, was den Nachwuchs angeht. Der fehlt nämlich. Es sei nicht einfach, junge Fachkräfte zu locken. Denn die Arbeit auf der Autobahn sei schon hart, wenn auch „nicht mehr so eine Schinderei wie früher“. Attraktiv klingt die Stellenbeschreibung des 42-jährigen Lutz trotzdem nicht. Die Regelarbeitszeit beträgt um die zehn Stunden. „Wir versuchen schon die Mitarbeiter zu schonen. Aber das geht halt nicht immer“, erklärt der Polier. Klar wird das, wenn er sagt: „Wenn ich 2,8 Kilometer Bordstein auslegen muss – einer wiegt 60 bis 80 Kilo – geht das an die Substanz.“ Unter der Woche nächtigt der Bayreuther außerdem im Schlafcontainer. Der Großteil der Arbeiter besitzt einen Wohnwagen. Wer also nicht gerade aus der Umgebung ist, schläft in der Nähe der Baustelle. Kein einfacher Job.

Den hat Jarowy auch nicht, selbst wenn er nach der Auftrags-Vergabe „nur noch“ auf die Fertigstellung wartet. Denn bei Autobahn-Baustellen treten einige anscheinend verbal aufs Gaspedal. Der 58-Jährige verrät: „Wenn man sich die E-Mails und den Telefonverkehr anschaut, wird meistens immer nur Kritik geübt. Verständnis wird wenig entgegengebracht.“

„Verkehrsteilnehmer sehen einfach nur eine Baustelle, dann regen sich alle auf, weil sie mal warten müssen“, kritisiert der 58-Jährige. Dabei steht hinter einer solchen Maßnahme ein enormer Aufwand.

Alle vier Jahre werden nach Aussage von Jarowy die Autobahnen abgefahren und in 20-Meter-Abschnitten bewertet. Penibel werde alles erfasst: Rissbildung, Spurrinnen, wasserschwache Zonen. Gearbeitet werden kann auch nur zu bestimmten Zeiten. Jarowy erklärt: „Wir haben eigentlich nur die Möglichkeit von nach Ostern bis Ende Oktober zu bauen.“ Reisezeiten und Pendlerverkehr müssen auch in die Planungen mit einfließen. Der Bauabschnitt auf der A93 von Schwandorf bis Luhe-Wildenau ist laut Jarowy vor etwa einem Jahr konkret in die Planung gegangen.

Diese Baustelle ist eine von zahlreichen. In Nordbayern sind aktuell viele weitere Maßnahmen geplant.

Tipps von der Polizei

Wenn auf den Autobahnen saniert oder gebaut wird, kracht es öfter. Das bestätigt das Polizeipräsidium Oberpfalz. Denn in einem Schreiben heißt es: "Baustellen auf Autobahnen fallen häufig durch ein überdurchschnittliches Unfallgeschehen auf." Auch wenn die Folgen meist nicht so schwer seien wie auf der "freien" Strecke. Die Pressemitteilung bringt es auf den Punkt: "Überhöhtes Tempo, riskante Überholmanöver, zu geringer Abstand: Wer durch Autobahnbaustellen rast, bringt sich und andere in große Gefahr." Ein weiteres Problem sei, dass Verkehrsteilnehmer häufig viel zu spät und zu scharf bremsen.

Folgende Tipps finden sich im Schreiben:

  • Oberstes Gebot für Autobahnbaustellen ist: Das Tempolimit beachten und genügend Abstand halten.
  • Stop-and-go-Verkehr: bei Stopps auszukuppeln und die Handbremse zu ziehen; bei Automatikgetrieben sollte in der Standphase immer auf Leerlauf geschaltet werden.
  • Am Anfang und Ende von Baustellen sollten Autofahrer aufpassen, dass sie Last- und Sattelzügen nicht in die Quere kommen. Solche können bei einer geschwungenen Fahrbahnführung leicht aus der Spur geraten.
  • Verringert sich die Anzahl der Fahrspuren, gilt das Reißverschlussprinzip. Das Problem: Viele Fahrer wechseln zu früh auf die Nachbarspur und stören dadurch den Verkehrsfluss. Deshalb: Bis zur Engstelle fahren, Blinker setzen, in den Rückspiegel schauen, fertig.
  • Was tun, wenn das Fahrzeug in einer Baustelle abgewürgt wird? Ruhe bewahren, die Warnblinkanlage einschalten und die nächste Pannenbucht ansteuern, oder das Auto notfalls zwischen zwei Baken neben der rechten Fahrspur abstellen. Ganz wichtig: Nicht im Auto sitzenbleiben und nur über die Beifahrerseite aussteigen um nicht in den fließenden Verkehr zu geraten. Außerdem sollte sich der Verkehrsteilnehmer nicht auf der Fahrbahn aufhalten und eine Warnweste anlegen.


Zahlen und FaktenDie Kosten für die Erneuerung der Fahrbahndecke betragen 5,1 Millionen Euro.

Auf einer Strecke von rund vier Kilometern wird laut Pressemitteilung ein „moderner, lärmtechnisch optimierter Splittmastix-Asphaltbelag eingebaut“.

Die Maßnahme wurde aufgrund der Schäden der über 25 Jahre alten Fahrbahn notwendig.

Seit 5. Mai wird auf der A93 bei Pfreimd gearbeitet. Planmäßig wird die Maßnahme am 17. Juli enden.

In der Oberpfalz sind nach den Ausführungen von Siegfried Jarowy kaum Kampfmittel aus dem zweiten Weltkrieg zu finden. Das sei häufiger im Bereich Nürnberg der Fall. Ingenieurbüros werten dazu Karten von Amerikanern und Engländern aus.

Im Einsatz sind fünf Bagger, drei Straßenfertiger, ein sogenannter Beschicker, sechs Asphalt-Walzer und circa 25 Lastwagen.

Im Schnitt sind laut Stefan Lutz von der Firma Rädlinger 55 Arbeiter auf der Baustelle tätig.


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