14-Jähriger aus Pfreimd räumt in Nischen-Sportart "Trial" die Pokale ab
Eine Frage der Balance

In der Nischen-Sportart "Trial" kann Vinzenz Paulus sein Talent für die perfekte Balance im Zusammenspiel von Motor und Muskeln beweisen. Trainiert wird in Mitterteich. Bilder: hfz
Vermischtes
Pfreimd
16.12.2016
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Eine Kletterpartie mit dem Motorrad? Auch das ist beim Trial-Fahren durchaus möglich.

Enge Kurven, Felsblöcke und Schlamm oder Staub: Schnell kommt man da mit dem Motorrad nicht voran, und bequem ist das auf der schlanken "Gasgas" ohne Sitz auch nicht. Aber einen Fuß auf den Boden setzen will Vinzenz Paulus auf keinen Fall.

Jeder Bodenkontakt gilt als Fehler in der Nischen-Sportart "Trial" , die sich der 14-Jährige Realschüler aus Pfreimd als Hobby ausgesucht hat. Vor zwei Jahren stieg er im Urlaub mit den Eltern auf Teneriffa zum ersten Mal auf die ganz spezielle Geländemaschine, seit einem Jahr holt der Einsteiger als Mitglied des MSC Stiftland Mitterteich einen Pokal nach dem anderen. Sein jüngster Erfolg: Deutscher Jugend-Vizemeister in der Klasse 5.

Keine Sitzbank

"Die ersten Versuche waren schon sehr anstrengend", gesteht der Schüler. "Die Maschine hat keine Sitzbank, ich wusste nicht einmal, wie man da aufsteigt". Doch der damals 12-Jährige hat - noch Lichtjahre vom Führerschein entfernt - auf umzäuntem Gelände schnell gelernt und die erste Wertungsklasse gleich übersprungen. "Mein Trainer hat gesagt, dass so etwas seit 13 Jahren keiner mehr geschafft hat", erzählt der Jugendliche ganz nüchtern und schildert, wie sich das abspielt, wenn Mensch und Maschine eins werden: genau im richtigen Moment das Gewicht verlagern, die Federung nutzen, Gas geben und abheben oder einfedern, ausfedern und komprimieren. Immer mit dem einen Ziel vor Augen: "null Füße", also null Fehler durch Abstützen. Dem 14-Jährigen steht dabei ein "Minder" zur Seite. So heißt der Trainer bei den Trial-Sportlern. Das ist Peter Wolf aus Wernberg, aber auch Maximilian Schulz und Kathrin Döhla aus Mitterteich stehen dem jungen Talent zur Seite - als "Wasserträger". "Die Profis haben oft ein ganzes Team an Wasserträgern", weiß Vinzenz.

Mit dem Opa zum Training

Kahl ist sie, seine Maschine vom spanischen Hersteller "Gasgas", kaum ein Schutzblech, kein Schnickschnack, 125 Kubik, ein Sportgerät, das Balance und Kraft verlangt. "Es geht nicht um Geschwindigkeit", hat der Pfreimder Trial-Fahrer gelernt. "Mal umfallen ist da schon drin, aber ernsthaft verletzt hab' ich mich noch nie." Wie lernt man das? "Ganz einfach", sagt Vinzenz, "Man wird nur besser, wenn man mehr fährt." Jeden Mittwoch nimmt er deshalb die lange Autofahrt mit dem Opa zum Training nach Mitterteich, hin und zurück 120 Kilometer, in Kauf.

Das Talent dazu, meint er, habe er vom Vater geerbt, der ebenfalls Motorrad-Fan ist. "Er hatte immer schon ein Gespür für Balance, beim Radfahren-lernen konnten nach einem Tag schon die Stützen weg", erzählt seine Mutter. Vinzenz setzt viel auf Intuition. "Meine Trainer meinen, ich sollte mir mehr Zeit lassen mit der Strecke, aber ich bin meistens ziemlich schnell", berichtet der junge Trial-Meister.




Allzu sehr auf Fehler darf man sich beim Üben nicht konzentrieren. "Man ärgert sich dann, aber wenn man zu viel darüber nachdenkt, macht man noch mehr Füße (Fehler)", hat Vinzenz festgestellt. Mit dieser Devise hat er gleich mal auch die Erwachsenen "überholt", den Bayerischen Meistertitel (Jugend und Erwachsene) eingeheimst und quasi die Nordbayern-Serie "abgeräumt".

Wie viele Pokale bei ihm daheim jetzt im Schrank stehen, weiß er nicht auswendig, alle hat er in nur einem Jahr geholt. Dafür musste er andere Interessen auch mal zurückstecken. "Das nervt nicht, Training geht vor", erklärt er kategorisch und opfert jetzt seine Sammlung an LegoTechnik-Bausteinen. Mit dem Verkauf will er seinen Teil für ein neues Motorrad beisteuern, weil das Christkind so ein Geschenk nicht allein finanzieren kann. "Klamotten, Hotelzimmer, Startgebühren, das ist nicht billig", weiß der junge Mann. Eine Karriere als Profi kann er sich trotz der aktuellen Siegesserie nicht vorstellen. Auch wenn der Motorradfan in seiner Sportart gerne abhebt - was seinen künftigen Beruf betrifft, steht Vinzenz Paulus mit beiden Beinen fest im Leben: Er will Metzger werden wie der Vater.

Prüfung in schwerem Gelände

Der Begriff "Trial" stammt aus dem Englischen und bedeutet "Prüfung". In diesem Fall meint er eine Geschicklichkeitsprüfung in schwerem Gelände. In England gab es bereits zu Beginn der 1910er Jahre Motorradfahrer, die sich in dieser Disziplin versuchten. Trials gibt es aber auch für Autos, Lkw, Modell-Trucks und Fahrräder sowie Einräder.

Schwerpunkt beim Motorrad-Trial ist die Beherrschung der Maschine. Die Fahrtzeit spielt eine untergeordnete Rolle, wenn es im Parcours über Gräben, Wurzeln, Steine oder Stufen geht, durch enge Kehren und vorbei an weiteren Hindernissen. Das sollte möglichst fehlerfrei geschehen, ohne Anhalten, Schieben oder gar Abstützen mit den Füßen.

In vielen Wettbewerben ist es den Fahrern möglich, einen Helfer einzusetzen. Dieser darf allerdings nur verbal mitmischen. Ein Trial-Fahrer manövriert Vorder- und Hinterrad zentimetergenau, hebt beispielsweise mit einem Gas-Stoß das Vorderrad an und überspringt so Hindernisse. Gefahren wird mit speziellen Trial-Motorrädern. Die Maschinen haben große Bodenfreiheit, geringes Gewicht, großen Lenkeinschlag sowie Motoren, die auf die geringste Drehung des Gasgriffes reagieren.

Kniffe mit PS für Profis

Gerade in den höheren Klassen des Trial-Sports gibt es diverse Techniken, bei denen Muskelkraft mit PS koordiniert werden muss. Beim "Backwheel Hop" beispielsweise handelt es sich um das Hüpfen auf dem Hinterrad. Eine Technik, die gebraucht wird, wenn der Platz für beide Räder nicht ausreicht oder wenn große Sprünge notwendig sind. Beim "Pedal Kick" wird ausgehend vom Hüpfen auf dem Hinterrad nach vorne gesprungen, das erfordert Hüftbewegungen, eine Gewichtsverlagerung, Bremsen und einen Kick in die Pedale - und das alles in einer perfekten Koordination. Ähnlich funktioniert auch der "Coustellier", benannt nach dem französischen Brüderpaar Gilles und Giacamo Coustellier.
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