08.09.2017 - 11:38 Uhr
PfreimdDeutschland & Welt

31 Jahre nach Tschernobyl Kinder brauchen Hilfe

Die Hilfe rollt - auch ohne Konvoi. Dr. Josef Ziegler und seine Frau Angelika haben die "Aktion Tschernobyl" auf neue Beine gestellt. Sie nehmen die Empfänger der Hilfsgüter stärker in die Verantwortung. "Das ist der richtige Weg", meint der 75-Jährige. Drei Großprojekte wurden so von der Pfreimder Hilfsorganisation realisiert.

von Claudia Völkl Kontakt Profil

Die Sterilisationsanlage für die Neurochirurgische Klinik in Kiew ist geliefert, die Kinderstation am Kreiskrankenhaus in Naroditschi und das Polytrauma-Zentrum in Uljanovka sind fertig. Die Zeiten ändern sich: Seit 1992 brachte ein Konvoi von Sattelschleppern jährlich medizinische Geräte, Krankenhausausstattung und vieles mehr zu den Partnerkrankenhäusern in Kiew, Naroditschi, Uljanovka und Jagotin. Die unsichere politische Lage setzte dem 2014 ein Ende. "Wir helfen weiter", betont der Pfreimder Arzt. Doch "ich und auch meine Helfer werden nicht jünger", räumt Ziegler unumwunden ein. Deshalb setzt er auf mehr Selbstständigkeit, mehr Eigenverantwortung der ukrainischen Partner.

Neue Kinderstation

Die "Aktion Tschernobyl" - heuer ist der Verein 20 Jahre alt - besteht aus 87 Mitgliedern aus ganz Deutschland. Die regelmäßigen Lieferungen über eine regionale Spedition schultert deshalb vor Ort ein harter Kern. Die Helfer packen Krankenhausbetten, Bettwäsche, neue oder überholte medizinische Geräte und Baumaterialien auf Paletten. Ladelisten für den Zoll werden geschrieben, dann geht alle paar Wochen ein Sattelschlepper voller Ware zu den ukrainischen Krankenhäusern. Wer die desolate Kinderstation in Naroditschi gesehen hat, traut seinen Augen nicht: Wo verrostete Betten standen, sämtliche Installationen marode waren, ist eine Krankenstation entstanden, sie sich jetzt wieder so nennen darf. Rund 55 000 Euro wurden investiert. Es gab eine große Barspende von "Ein Herz für Kinder". Die Tür dazu öffnete wohl der frühere Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, den Ziegler bei zwei Galaveranstaltungen traf. Und es gab Sachspenden von örtlichen Unternehmern: Boiler, Elektroverteilung, Fliesen. In Zhitomir fand Ziegler eine kompetente Baufirma und in Vladimir Kudinov einen zuverlässigen Bauleiter.

Josef Ziegler sah in regelmäßigen Abständen nach dem Rechten. Beim letzten Transport Mitte Juli wurden noch Büromöbel, Betten und Wäsche geliefert. Sechs Krankenzimmer sind entstanden, ein Intensivzimmer, Stationsküche und -bad, Speise- und Aufenthaltsraum. Strom- und Wasserversorgung funktionieren, Fenster, Türen und Fußböden sind neu. Als die Stadtverwaltung sah "dass das was wird", ließ auch sie sich mit ins Boot nehmen. Sie übernahm den Feuerschutz, zahlte die Heizkörper. Naroditschi liegt 30 Kilometer vom Unglücksreaktor Tschernobyl entfernt in der Verstrahlungszone 2. Trotzdem sind nach der Katastrophe viele Menschen geblieben. Es gibt einen Kindergarten, Grundschulklassen. "Das ist eine lebendige Stadt", beschreibt Angelika Ziegler ihre Eindrücke. "Und da ist medizinische Versorgung wichtig."

Neue Sterilisationsanlage

Das zweite große Thema ist die Sterilisation, die Hygiene und Keimfreiheit in den Krankenhäusern. Die Neurochirurgische Klinik in Kiew ist das zweite Großprojekt. Die vor Jahren aufgebaute Sterilisation hat ihren Dienst getan. Es gibt keine Ersatzteile mehr. "Wir haben die moralische Verpflichtung, dass es weiter geht", betont Josef Ziegler. Alles andere wäre für das 400-Betten-Haus eine Katastrophe. Wie ein Geschenk des Himmels kam die Großspende einer Frau aus dem Amberger Raum: 67 000 Euro. Hinzu kam noch eine 6000- Euro-Spende von RTL. Die Münchener Medizin Mechanik (MMM) mit Sitz in Stadlern fertigte die neue, 75 000 Euro teure Anlage und sorgte für einen kostengünstigen Transport. Die MMM unterhält eine Niederlassung in Kiew, kann Wartung und Reparaturen übernehmen. "Doch dafür ist die Klinik jetzt selbst verantwortlich", so Ziegler. Und als drittes Projekt haben die Kreisverwaltung und "Aktion Tschernobyl" in Uljanovka ein Polytraumazentrum zum Laufen gebracht. Es leistet wertvolle Ersthilfe für Unfallopfer.

Bei den medizinischen Hilfslieferungen sieht sich Dr. Ziegler vor einer neuen Problematik: In Zeiten der Digitalisierung der Geräte wird die "Verfallszeit" immer kürzer, es gibt auch keine Ersatzteile mehr. Folglich können nur neue oder überholte Geräte mit Zertifikat geliefert werden. Es gibt für Josef Ziegler nur zwei Wege: "Den Wandel mitmachen oder aufhören." Er hat sich entschlossen, "flexibel zu sein". Der Verein "stirbt nicht, wir stellen uns nur um". Es freut Ziegler, dass er durchaus auf Menschen stößt, auf Ärzte und Schwestern, die sich nach der Anschubhilfe der "Aktion Tschernobyl" für "ihr Krankenhaus" einsetzen. Auch wenn es schwer fällt: Ein Arzt verdient 500, eine Krankenschwester 200 Euro.

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Weitere Informationen:

www.aktiontschernobylpfreimd.de

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