Das Leben "leben lernen"

Sie sind gute Freunde: Friederike Dunkel-Benz (Zweite von links) und das Ehepaar Holzer. Der Bezirksgruppenleiter des Blinden- und Sehbehindertenbundes, Rudolf Pichlmeier (links), freute sich sehr darüber, dass der Erlös des Abends zu einem großen Teil seiner Organisation zufließt.
Vermischtes
Pfreimd
13.10.2017
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Gerne signierte Andy Holzer sein Buch "Balanceact".

Drahtig, rotes T-Shirt, Pferdeschwanz: Unspektakulär steht der Mann, der blind die sieben höchsten Berge der Erde bezwungen hat, vor 350 Zuhörern. Dann beginnt er zu erzählen - fast drei Stunden lang. Keiner sieht auf die Uhr. Der Blinde öffnet den Sehenden die Augen dafür, wie man "das Leben leben" lernt.

Der große Zuspruch, den die Lebensgeschichte des Extrembergsteigers im "Flachland" findet, freute den Lions Club Oberpfälzer Wald, der den Abend in der Landgraf-Ulrich-Halle organisiert hatte. Präsidentin Dr. Friederike Dunkel-Benz, die mit Andy Holzer schon den Kilimandscharo bestiegen hat, dankte der Musikschule, den Helfern und Sponsoren sowie Bürgermeister Richard Tischler und Schulleiter Siegfried Seeliger für die Unterstützung. Der Erlös des Abends kommt sozialen Projekten zugute. Vorrangig wird diesmal der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund unterstützt. Friederike Dunkel-Benz riet den Zuhörern, die "Denkschubladen zuzumachen". Wie der blinde Andy Holzer. Dann gelinge es - vorbereitet mit Zahlen, Daten, Fakten - mit Gleichgesinnten auf hohe Berge zu steigen. In dem Wissen, dass es anstrengend wird und sich nicht planbare Situationen ergeben. Doch dieser Mut erschließe auch Zeit zum Nachdenken und zum Spaß haben. Am Ende stehe das großartige Erlebnis. "Wir haben es geschafft."

Die "Passanten"

Geschafft hat es auch Andy Holzer, das Publikum zu fesseln. Seine Botschaft: Sich fordern und plagen, auch mal mehr emotional denken, um gepaart mit Wissen zum Ziel zu gelangen. Der 51-jährige Osttiroler hat die höchsten Berge bestiegen. Blind, aber immer mit Freunden und gegenseitigem Vertrauen. Daraus sind Lebensrezepte entstanden, die Mut machen. Holzer - blind geboren - beginnt mit seiner ungewöhnlichen Kindheit in Tristach, zeigt Bilder von den Eltern, die den Buben "lassen" und nicht auf Bedenkenträger - Holzer nennt sie "Passanten" - hören.

Alleine geht es nicht

Der dreijährige Andy bekommt Skier, geht später in die Langlauf-"Rille". Er setzt seine Sinne ein, berechnet, wann eine Kurve, eine Abfahrt kommt. Die Nachbarin, die vor ihm fährt, hat er dabei allerdings nicht bedacht. Dann das erste große Langlauferlebnis. Der Vater hält ihm kurz vorm Ziel eine Weidenrute hin, damit er abbremst und nicht in der Würstlbude landet. Holzer sorgt für viele Schmunzler. Bilder von den Bergtouren als Jugendlicher folgen. Seine erste Botschaft: Alleine geht es nicht. Jeder braucht die Fähigkeiten des anderen. Die zweite Botschaft: "Das Paradies gibt es nicht. Jeder muss sich auf das besinnen, was er hat - und sich hochziehen." Es werde immer Rückschläge geben, doch ohne sie habe man "keine Chance, Erfolge zu genießen."

Der Weg zum Gipfel

Dann kommen faszinierende Bilder von Holzers Mount-Everest-Besteigung - mit den Freunden Wolfgang und Clemens am Seil. Holzer schildert die extreme mentale Vorbereitung, den Aufstieg, den Wassermangel, das Erbrechen, aber auch die Schmetterlinge im Bauch. Dann setzt er am 21. Mai den Fuß auf den 8848 Meter hohen Gipfel. Es rührt an, dass Holzer auf dem Mount Everest, nah am Himmel, vom Tod seines Vaters erfährt. Holzer hat viele Wegbegleiter. Neben den Bergfreunden Ehefrau Sabine, die sich auf das Leben mit ihm und seine Art zu leben einlässt. Und das heißt, "nicht im Erdgeschoss bleiben, sondern durch ein auch mal dunkles Treppenhaus nach oben fahren." Holzers Vortrag lebt von amüsanten Schlenkern und Anekdoten, er witzelt über das eigene Blindsein, erzählt voller Situationskomik von einem spektakulären ORF-Dreh in den Dolomiten, wo seine Seilschaft ausgerechnet auf einen zweiten blinden Bergsteiger stößt. Sie werden Freunde. Das ist auch der Beginn einer Neuorientierung. Der Heilmasseur ("Bürstenbinder oder Korbflechter blieben mir erspart") geht neue Wege und bietet Touren an: Nach Tibet, Grönland, Norwegen. Die Bilder machen Lust darauf.
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