09.02.2018 - 15:54 Uhr
Pleystein

Wandergeselle macht Halt in Pleystein und Waidhaus Bäcker auf großer Tour

Einen seltenen Besuch empfangen Bürgermeister Rainer Rewitzer und Pfarrer Georg Hartl. Ein Wandergeselle steht vor ihrer Tür.

Wandergeselle André macht Halt bei Bürgermeister Rainer Rewitzer in Pleystein. Bild: bey
von Walter BeyerleinProfil

Pleystein/Waidhaus. (bey/fjo) Am Dienstagmorgen schaute der junge Mann im Pleysteiner Rathaus vorbei. Er wollte dem Stadtoberhaupt einen "Guten Morgen" wünschen und bat, diesen Besuch mit dem Siegel der Kommune im Wanderbuch zu bestätigen. André, Bäckergeselle aus Minden/Westfalen, zieht seit Juni 2013 durch die Bundesrepublik. Während dieser Zeit legen die Wandergesellen den Nachnamen ab, weil sie sich bei Begegnungen wie "Brüder und Schwestern", ja sogar wie eine richtige Familie fühlen.

Die Wanderschaft ist heute eher die Ausnahme, berichtet André dem Stadtoberhaupt und Geschäftsleiter Günter Gschwindler. Die meisten Gesellen würden aus Heimatverbundenheit auf so eine Tour verzichten. Denn während der Walz darf man seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen, und das genau drei Jahre und einen Tag. Außerhalb dieser Zone dürfen Freunde und die Familie getroffen werden. Während André das erzählte, blätterte Rewitzer im Wanderbuch, um dann auch seinen handschriftlichen Beitrag anzufügen.

Der Besuch im Rathaus hat aber aus der Geschichte heraus einen besonderen Grund: Das Siegel der jeweiligen Stadt im Wanderbuch berechtigte, dort zu arbeiten. Während seiner Wanderschaft darf André allerhöchstens drei Monate lang eine Arbeitsstelle annehmen, dann heißt es wieder weiterzuziehen. Im Herbst wird er seine Wanderschaft beenden und in Nürnberg seinen neuen Arbeitsplatz antreten.

Am selben Tag zog der Westfale noch weiter nach Waidhaus: Dabei suchte er das generalsanierte Kolpingheim auf. Es war Dienstagabend gegen 19 Uhr, als nach vielen Jahren wieder einmal ein Handwerksbursch an die Pforte des Pfarrhofs klopfte. Den Bäckergesellen hatte das Kolpinglogo am Jugendheim ermutigt. Nach altem Brauch bat er in Gedichtform um ein Nachtlager, was ihm Pfarrer Georg Hartl auch spontan zusagt. Die zwei Pfarrhaushälterinnen legten noch eins drauf und versorgten den Gesellen mit einer Abendbrotzeit. Und bereits während des Essens musste der Jungbäcker Rede und Antwort stehen. So erzählte er zunächst einmal, dass er unter 30 Jahre, ledig, kinderlos, schuldenfrei und nicht vorbestraft sei, wie es die Zunft verlange.

Zu seinem Outfit gehörte ein Ohrring links, ein schwarzer Zylinder, schwarze Schlaghose sowie Jacke und Weste mit Pepitamuster - gleichfalls ganz dem Brauch gemäß. Die Knöpfe daran wiesen, je nach Anordnung, auf acht Stunden Arbeitszeit pro Tag, sechs Arbeitstage pro Woche sowie auf drei Lehr- und drei Gesellenjahre hin. Sein letztes Arbeitsverhältnis habe bis Dezember 2017 gedauert, und sein Weg führte ihn nun von Tirschenreuth über Konnersreuth und Waldsassen nach Waidhaus.

Nach dieser ausführlichen Gesprächsrunde bezog André sein Zimmer im Kolpingheim. Ein Bett benötigte der Handwerksbursche nicht. Er nächtigte auf dem nagelneuen Boden und verabschiedete sich mit den Worten: "Morgen muss ich noch ins Gemeindeamt, um mir einen Stempel für mein Wanderbuch abzuholen und dann geht's weiter nach Windischeschenbach zum Zoigl."

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