09.10.2004 - 00:00 Uhr
Pösing im Landkreis ChamOberpfalz

Pösing betreibt eine der letzten Ortsrufanlagen Bayerns - Bei Durchsagen hält der Ort den Atem ... Alle "lusen" auf ein Kommando

In Pösing haben die "Ratschkatln" einen schweren Stand. Wenn es in der 950-Einwohner-Gemeinde etwas Neues gibt, dann nimmt ihnen der Bürgermeister höchstpersönlich die Arbeit ab. In Pösing läuft eine der letzten Ortsrufanlagen Bayerns. Sämtliche Verlautbarungen für die Allgemeinheit gibt der Bürgermeister über 43 Lautsprecher bekannt.

Bürgermeister Friedrich Wolf ist der Herr der 43 Lautsprecher. (Bilder: Piehler)
von Uli Piehler Kontakt Profil

Der Bürgermeister könnte ruhig mal eine andere Platte auflegen", sagt der Lausbub, der am neu angelegten Dorfanger vorbeiradelt. Ansonsten findet er die Durchsagen aus dem Rathaus "cool". Denn wenn der Bürgermeister die 50 Jahre alte Platte für das martialisch klingende Ankündigungssignal auflegt, hält ganz Pösing den Atem an. Über den Ort im westlichen Landkreis Cham legt sich eine unheimliche Stille: Kreissägen verstummen, Bulldogs werden abgewürgt und in ganzen Straßenzügen gehen auf einmal die Fenster auf.

Die Menschen halten inne und "lusen", wie Bürgermeister Friedrich Wolf die Stimmung treffend beschreibt. Diesmal gibt es weniger brandheiße Infos. Es geht "nur" um die Vorbereitung des Weihnachtsmarktes. "Um 19 Uhr treffen sich alle beteiligten Vereine in der Gastwirtschaft", tönt aus den Megaphonen. Nach der Wiederholung geht das Leben in Pösing weiter.

Kosten: 2000 Euro pro Jahr

"Wir dürften die einzige Gemeinde in Bayern sein, die noch über eine solche Rufanlage verfügt", sagt Wolf. 1955 schaffte der Gemeinderat die ersten Lautsprecher an. "Damals war das überhaupt nicht ungewöhnlich, sondern ein probates Mittel zur Kommunikation." Die Zeiten haben sich - zumindest in dieser Hinsicht - in Pösing kaum geändert. "Die Leute schätzen die Anlage sehr", sagt Wolf.

Deswegen denkt die Gemeinde auch gar nicht daran, die Rufanlage aufzugeben. Auch in den Neubausiedlungen stehen in regelmäßigen Abständen Masten, die nagelneue Lautsprecher tragen. 3800 Meter Erdkabel sind verlegt, für den Unterhalt der Anlage gibt die Gemeinde pro Jahr rund 2000 Euro aus. Wolf: "Wir achten darauf, dass alle Gemeindeteile ausreichend beschallt werden. Und wenn ein Lautsprecher mal nicht funktioniert, rufen die Leute sofort an und sagen uns, dass wir das richten sollen."

Kein Wunder: Manchmal sind echte Schmankerln unter den "amtlichen Verlautbarungen". Zum Beispiel 1987, als der Kramerladen im Ort überfallen wurde. Damals gab der zweite Bürgermeister Heinrich Meyer umgehend eine aktuelle Fahndungsmeldung heraus. Ganz Pösing war quasi "live dabei" - der Räuber entkam trotzdem. Oder erst vor ein paar Jahren, als der Pfarrer sich weigerte, zum Christkindlmarkt die Glocken zu läuten. Wolf: "Ich hab das Glockenläuten einfach aufgenommen und über die Rufanlage abgespielt."

Polka für Fußballer

Früher wurden des öfteren auch Musikstücke abgespielt, wenn es einen freudigen Anlass gab. Als die Fußballer den Aufstieg in die A-Klasse 4 schafften, lief die "Amboss-Polka". Die Schellack-Platte mit der "Leichten Kavallerie" liegt noch in der Schublade. "Wenn wir nochmal aufsteigen, könnte ich mir vorstellen, auch mal eine andere Platte aufzulegen", sagt der Bürgermeister. Die Frage ist nur, ob der FSV Pösing da mitspielt.

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