Aus Pressath in die Welt
Familienglück in Schweden

Michaela mit ihren beiden Söhnen und ihrer Schwester Hanna (rechts). Im Ferienhaus, im kleinen Fischerdorf Skatan, etwa 20 Minuten südlich von Sundsvall, war die ganze Familie, Eltern und Geschwister von Michaela mit Partnern und Kindern im Sommer zwei Wochen zu Besuch. Bilder: hfz (3)
Vermischtes
Pressath
29.12.2016
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Das Familienfoto entstand 2009 in Kentucky. Eine von vielen Stationen, an denen die Familie mit den Kindern Noah (links) und Leon (rechts) wohnte.
 
Michaelas Arbeitsweg. Täglich fährt sie die knapp vier Kilometer lange Strecke von Skönsmon zur Uni mit dem Fahrrad, auch bei Wind und Wetter. Mit Spikes an den Rädern, Fellbezug auf dem Sattel und greller Leuchtweste geht's durch den Schnee.

Erst Hochzeit, dann Abi. Danach folgt Michaela Castallanos ihrem Mann nach Texas, Californien, Frankfurt, Kentucky, und Bayreuth. Nach diesen Stationen war Michaela an der Reihe: Spontan entschließt sich die Familie für fünf Jahre Schweden.

"Schweden war jetzt nicht die Erfüllung aller Träume, aber eine echte Chance für mich. Wir wussten, dass es schwierig wird", sagt die 35-Jährige, die als Michaela Neumann in Pressath zur Welt kam. Bevor sie im August 2014 an der Mittuniversitetet in Sundsvall, Schweden, promoviert, hat sie schon viele Umzüge hinter sich. Ihre Reise begann in Pressath in einem Musikcafé. Dort lernte die damals 17-Jährige den 11 Jahre älteren Felix kennen. Noch bevor die Schülerin im Mai 2000 Abitur am Gymnasium Eschenbach schreibt, heiratet sie im Januar 2000 den gebürtigen Mexikaner. Er ist Panzersoldat bei der US-Armee. Die Hochzeit fand in Dänemark statt: "Da gibt's eine internationale Hochzeitsurkunde." Dafür lies sich die Schülerin vom Unterricht befreien. "Der Rektor meinte, er wolle meinem Lebensglück nicht im Weg sehen", lacht sie.

Einsatz im Irak

Nach der Trauung wird Felix nach Texas versetzt. Michaela folgt nach dem Abi. Nach zwei Jahren folgen drei weitere in Kalifornien. Dort macht Michaela ihren Bachelor in Englisch. 2005 wird Felix in Friedberg bei Frankfurt stationiert. Dort kommt Sohn Noah auf die Welt. Für die junge Familie folgen 15 schwere Monate. Der Soldat war im Irak im Einsatz. "Das war nicht einfach", erklärt Michaela. Vor allem nicht mit dem vier Monate altem Baby. Die junge Mutter zieht mit ihrem Sohn von Frankfurt nach Eschenbach in die Heimat. Nach zwei Jahren geht es wieder in die Staaten. In Kentucky, Fort Knox, kommt 2008 Sohn Leon zur Welt. 2010 kehrt die vierköpfige Familie zurück. Michaela macht in Bayreuth den Master in interkultureller Anglistik. Als der Soldat 2011 nach 20 Jahren aus der Army ausscheidet, schiebt sich Michaelas Karriere in den Vordergrund. Die zweifache Mutter will promovieren.

"Wir unterstützen dich, Liebling"

"Wir sind wegen mir in Schweden gelandet", schmunzelt sie. "Mein Mann wäre auch bereit gewesen, in Deutschland zu bleiben, aber ich kann von überall aus studieren", erklärt Michaela. Kleine Jobs, wie Englischkurse im Kindergarten, stellten sie nicht zufrieden. Auf einer Konferenz in Tartu entdeckt sie einen Flyer für eine Vollzeit-Stelle. Fünf Jahre bezahlte Promotion, plus Unterrichtserfahrung, inklusive Versicherung. In Schweden. Spontan fragt sie ihren Mann, was er von Schweden hält? Die Antwort war: "Sure. Honey, we support you" (Warum nicht, wir unterstützen dich, Liebling).

Ohne schwedisch zu sprechen, entschieden sich die damals 33-Jährige und ihr Ehemann mit den Söhnen Noah und Leon nach Schweden auszuwandern. "Unser Kleiner fand das super. Er wollte "Explorer" (Entdecker) werden, Schweden kam ihm gerade recht". Sein älterer Bruder Noah war weniger begeistert. "Er war beleidigt und wirklich sauer", sagt seine Mutter. Kurz vor der Entscheidung, nach Schweden auszuwandern, kam die Diagnose: ADHS und Asperger, eine Form von Autismus. "Wir fragten uns schon, ob wir das unserem Kind zumuten wollen - ihn aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen."

Sundsvall in der Provinz Västernorrlands län liegt 370 Kilometer nördlich der Hauptstadt Stockholm, und sollte die neue Heimat werden. In der Hafenstadt am Bottnischen Meerbusen leben knapp 57 000 Einwohner. An der Mittuniversitetet studieren circa 4000 Studenten in 35 Studienfächern. "Der Umzug war turbulent", erinnert sich Michaela. "Wir wollten es in jedem Fall durchziehen." Die Strapazen nimmt das Ehepaar locker, aber nicht auf die leichte Schulter: "Wir wissen, wie das geht: Einen Umzug organisieren, sich einen neuen Freundeskreis aufbauen, sich in eine andere Kultur einleben." Auch wenn es anstrengend ist. "Die Stadt hat den Ruf, dass es schwierig ist anzukommen." Die Familie lässt sich nicht abschrecken. "In Sundsvall eine Wohnung zu finden, ist extrem schwer. Aber Felix und ich sind ein gutes Team." Die vier leben sieben Wochen im Hotel. Notgedrungen unterschreiben sie dann den Mietvertrag für eine 89 Quadratmeter große Wohnung im Stadtteil Skönsmon. Nicht die beste Gegend, aber für 800 Euro in Ordnung. In der Nähe liegt das Weltnaturerbe Höga Kusten und die Schule der Jungs. Michaela kann zur Uni radeln. In die dortige Gemeinschaft wurde die Familie schnell aufgenommen. Hauptsächlich dank der Kinder. "Das erste Mal, als ein Freund meines Sohnes zu Besuch war, war das seltsam. Wir konnten kein Schwedisch, der Gast kein Englisch". Sie verständigten sich mit Handzeichen.

Gefühl von Freiheit

Ehemann Felix bleibt zunächst Hausmann, bis er vor kurzem Arbeit fand. Karriere, Kinder und Haushalt bekommt Michaela so gut unter einen Hut. Die Familie hat sich eingelebt: Noah (11) und Leon (9) lieben den Winter und die Freiheiten in Schweden. "Sie sind total aufgeblüht und super integriert", freuen sich die Eltern. "Die Outdoor-Kultur in Schweden ist krass", ist die Familie begeistert. "Man ist ständig draußen". Überall gibt es öffentliche Sportplätze, Seen, Schlittschuhbahnen, Fußballfelder, Rad- und Wanderwege. In den Schulen gibt es "Wintersportwochen" und "Sportferien". "Die Kinder sind total fit, 18 Kilometer wandern sind kein Problem." "Es ist paradox: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber wir haben das Gefühl, hier mehr Freiheit zu haben." Nur: "Der schwedische Winter war anfangs eine Katastrophe." Die Familie unterschätzte die mentalen und körperlichen Auswirkungen des frühen Sonnenuntergangs. Auch jetzt noch: "Täglich um halb drei steigt kurz Panik in mir auf: Wo ist die Sonne?" Im Haushalt der Castellanos wird englisch gesprochen. Die Jungen besuchen beide eine schwedische Schule. "Von der Sprache darf man sich nicht abschrecken lassen, das kommt mit der Zeit". Die Großmutter aus Mexiko spricht spanisch und Michaelas Familie deutsch. Michaela bekommt Schwedischunterricht in der Arbeit. Für den Alltag reicht es. Mit den Traditionen mischt die Familie: Ganz international sammeln sie sich ihre Feiertags-Bräuche zusammen, wie es gerade passt.

Was nach ihrer Promotion kommt, weiß sie noch nicht. "Ich habe gute Möglichkeiten für eine Uni-Karriere in Schweden", sagt die Oberpfälzerin. Die Strukturen seien ganz anders: "Es erscheint mir als Dummheit, in Deutschland von vorne anzufangen." Und die Familie ist sich einig: "Es gefällt uns hier."

Wir wissen wie das geht: Einen Umzug organisieren, sich einen neuen Freundeskreis aufbauen, sich in eine andere Kultur einleben.Michaela Castallanos (35)
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