Landgericht erkennt auf versuchten Totschlag
Sieben Jahre für Beil-Angriff

"Man macht mich zum Monster", klagt der Angeklagte (links) in seinem Schlusswort. "Ein solcher Mensch bin ich nicht." Pflichtverteidiger Rouven Colbatz und Wahlverteidiger Helmut von Kietzell (rechts) hatten vergeblich versucht, eine Tötungsabsicht zu widerlegen. Bild: Schönberger
Vermischtes
Pressath
19.12.2016
803
0

Die Strafanträge liegen weit auseinander, die Tat wird völlig verschieden interpretiert - die große Strafkammer des Landgerichts folgt mit einem Strafmaß von sieben Jahren weitgehend dem Antrag des Staatsanwalts. Sie hat keine Zweifel, dass der Beil-Angriff von Pressath in Tötungsabsicht erfolgte.

Weiden/Pressath. "Schuldig wegen versuchtem Totschlag und gefährlicher Körperverletzung in zwei zusammenhängenden Fällen in Tateinheit mit schwerer Sachbeschädigung", lautet das Urteil, das Landgerichtspräsident Walter Leupold nach vier Verhandlungstagen am Montag verkündet. Der bislang unbescholtene Angeklagte bestreitet jegliche Tötungsabsicht gegenüber seiner Exfrau und deren Freund. "Niemals hatte ich vor, jemanden umzubringen", sagt der 36-Jährige in seinem Schlusswort. "Gott ist mein Zeuge."

Das Gericht schenkt den Ausführungen des Mannes keinen Glauben. "Aufgrund der Beweisaufnahme besteht kein Zweifel an der Tötungsabsicht", erläutert Leupold das Urteil. Diese könne man schon aus den Drohungen schließen, die er mehrfach ausgestoßen habe. Aus seinem Schlusswort, das wenig Empathie für die Opfer, aber viel Selbstmitleid für sich und seine Familie zeige, könne man die seelische Verfassung zur Tatzeit ableiten. Er sei mit dem Bewusstsein zum Tatort gefahren, sich die Verletzung seiner Ehre nicht länger bieten zu lassen. "Die Waffe hat er ganz bewusst geholt."

Keine Streitaxt der Wikinger

Der Zweck sei nach Überzeugung des Gerichts nicht die Zerstörung des Autos gewesen: "Er geht zur Fahrertür." Er habe vergeblich versucht, diese zu öffnen. Weil er dies nicht geschafft habe, "tanzt er ums Auto rum, schlägt mit der Axt zu - nicht unbedingt die Streitaxt der Wikinger". Er habe die Scheibe zerstört, wiederholt auf den Freund der Frau eingeschlagen. "Der rutscht weg, weicht aus, das ist ein dynamischer Vorgang." Dass die Schläge nicht gleich so träfen, dass Knochen splitterten, sei kein Beleg, dass er ihn nicht verletzen habe wollen. Weil der Freund mit den Beinen getreten habe, und er nicht an ihn rangekommen sei, habe er von ihm abgelassen.

Anschließend habe er seine Frau, die inzwischen das Fahrzeug verlassen hat, mit der Axt verfolgt. "Er schlägt mehrmals auf sie ein. Sie erwischt wie auch immer die Axt." Dann sei der Nachbar mit der Schaufel eingeschritten, habe ihn angeschrien. Jeder der Zeugen habe bestätigt, dass Blickkontakt bestanden habe und dass der Angreifer danach zum Auto zurückgelaufen sei. "O.k., er war acht Meter weg, aber die sind schnell überwunden."

Rechtlich sei dies als versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzungen zu werten. Für den Angeklagten spreche, dass er strafrechtlich bisher nicht in Erscheinung getreten sei, sich in einem erregten Ausnahmesituation befunden habe, sich gestellt und ein gewisses Maß an Einsicht gezeigt habe. Gegen ihn spreche: "Die psychischen Folgen sind erheblich, der Sachschaden ist immens." Bei einem Strafrahmen von 2 bis 11 Jahren halte das Gericht 7 Jahre für angemessen - ein Jahr unter dem Strafantrag von Oberstaatsanwalt Rainer Lehner.

Völlig anders bewertet die Verteidigung das Geschehen, die Revision einlegen will. "Die Überschrift über dieses Verfahren", sagt Pflichtverteidiger Rouven Colbatz bei seinem Plädoyer, "könnte lauten: Man kann alles, man muss es nicht glauben." Eine Vielzahl von Zeugen hätte sich vor Gericht anders geäußert als in der polizeilichen Vernehmung. Einig sei er sich mit dem Staatsanwalt nur darin, dass Mordmerkmale in keinster Weise erfüllt seien. Aber auch einen versuchten Totschlag könne er nicht erkennen. Und wenn man einen solchen unterstelle, müsse zumindest ein Rücktritt von der Tötungsabsicht konstatiert werden: Der Mandant habe vom Freund des Opfers freiwillig abgelassen. Und er hätte die unterstellte Tötungsabsicht auch gegenüber der Exfrau vollenden können, weil der Nachbar mit der Schaufel acht Meter entfernt gestanden sei. "Ich komme zu dem Ergebnis", folgert Colbatz, "gefährliche Körperverletzung und dass das Auto zu Schrott verarbeitet wurde." Bei Anrechnung der langen Untersuchungshaft des kaum Deutsch sprechenden Mannes aus Antakya sei die Strafe zur Bewährung auszusetzen, der Haftbefehl aufzuheben.

"Keine Tötungsabsicht"

"Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Vorgehen", rügt Wahlverteidiger Helmut von Kietzell den Angriff seines Mandanten, "was er gemacht hat, macht man nicht." Er denke aber, dass der das genauso sehe. Der Bundesgerichtshof gehe mit Konrad Lorenz davon aus, dass eine große Hemmung bestehe, einen anderen Menschen zu töten. Deshalb seien hohe Hürden beim Nachweis der Tötungsabsicht gesetzt. "Für mich ist evident: Wenn er töten hätte wollen, hätte er das auch können."

Seine geschiedene Frau sei ohne Fremdeinwirkung gefallen. Er sei mit der Axt über ihr gestanden. "Wenn jemand so liegt, ist es eine Sache von einem Augenblick, und der Schädel ist gespalten, wenn man das will." Daran hätte auch der Nachbar mit der Schaufel nichts ändern können. Und der Notarzt habe bestätigt: "Sie hat keinerlei Verletzungen erlitten, insbesondere auch keine Abwehrverletzungen."

Sie hat keinerlei Verletzungen erlitten, insbesondere auch keine Abwehrverletzungen.Verteidiger Helmut von Kietzell
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.