"Brassessoires" bei den Wurzer Sommerkonzerten
Drei schönste Worte und ein langer Atem

Kultur
Püchersreuth
07.08.2017
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Wurz. Keiner der zahlreichen Zuhörer ahnt wohl, was ihn an diesem Sonntagnachmittag im Wurzer Pfarrgarten erwartet. Im Programmheft sind nicht wie gewohnt Musiktitel oder Komponisten angedeutet. Obwohl der Veranstaltungstitel den geübten Konzertbesucher erahnen lässt, dass etwas Erstaunliches auf ihn zukommt: "Dunkelblond - mit kessem Schnitt, schickem Qutfit und heißen Lippen".

Dann kommen fünf (dunkelblonde) Blasmusikerinnen aus Bayern und Österreich, die es verstehen, das Publikum bereits nach wenigen Noten vollends zu begeistern. Zunächst treten sie unauffällig vor die Zuhörer: Alle in schlichten schwarzen Kleidern, jedoch in flachen Schuhen in knallbunten Farben. Auch bis hierher noch nicht wirklich ungewöhnlich. Die ausgewählten Schuh-Farben sollen aber bald eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Dann setzen Christina Schauer (Passau) ihre Tuba, Isabella Hauser (Alberndorf) die Trompete/Kornett, Hedwig-Martha Emmerich (Coburg) Flügelhorn und Trompete, Katharina Obereder (Sigharting) die Posaune und Franziska Lehner (Neuhofen im Innkreis) das Horn an, pusten die Backen auf und los geht es. "Pretty Woman", Titellied aus dem gleichnamigen Film, macht den Anfang und zieht die sprachlosen Gäste in einen musikalischen Bann.

Der "Säbeltanz" aus dem Ballett "Gayaneh" des sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan (Uraufführung 1942) wird mitreißend dargeboten, sorgt für aufgerissene Augen und tosenden Applaus. Dann wird es fast "privat" mit der "Brassessoires-Polka": "Ein Fan von uns hat sie extra für uns komponiert." So blies das Blechbläserquintett "Brassessoires" mit aller Luft in die Instrumente, um die Polka facettenreich erklingen zu lassen.

Komödiantisches Talent

Steht bis jetzt die Musik im Vordergrund, kommt nun das komödiantische Talent der Musikerinnen zum Tragen. Die Zuhörer staunen nicht schlecht, als sich die Damen ohne ihre Instrumente, aber dafür mit Einweg-Rasierern vor dem Publikum aufbauen und fünf Regeln zur perfekten Beinrasur von Damen vortragen. Was das mit Musik zu tun hat? Viel! Denn jetzt wird es wieder musikalisch: "Bei Mir Bistu Shein" ist der Titel eines Swingstücks, das 1938 durch die Andrews Sisters bekannt wurde. In Wurz wird es geradezu hingebungsvoll präsentiert.

Parodistisch vorgebrachte Statements zum Thema Ernährung, Hunger, Bio-Semmeln, Chia-Samen, Salat und Mehlspeisen, jede Musikerin versucht, die andere von ihrer Ernährungsweise zu überzeugen. Bei der Frage "Welches sind die drei schönsten Worte der Welt?" herrscht Ratlosigkeit in den Gesichtern, dann die Erklärung: "Ich geh shoppen!" Eine Verkleidungsaktion mit zu den bunten Schuhen farblich passenden Accessoires umrahmen weitere Lieder über Schönheit, "Benjamin, ich hab nichts anzuziehen" und "I feel pretty" aus der "West Side Story" ( 1961).

Ihr Gesangs- oder vielmehr Jodeltalent stellt Christina Schauer mit dem "Erzherzog-Johann-Jodler" vortrefflich unter Beweis. Der Erzherzog sei ein früher Trendsetter gewesen, habe den Steirer-Anzug bekannt gemacht, mit ihm habe der Trachtenanzug Einzug in die Kleiderschränke gehalten - und sei später auch als "Raiffeisen-Smoking" bekannt gewesen. Mit dem dezent geblasenen "Abendsegen" aus Humperdicks Oper "Hänsel und Gretel" wird die Pause "eingetönt".

Witz, Charme und Musik

Im zweiten Teil geht die Mischung mit dem "Blondinenwalzer", "Sigismund" und dem Piazzolla-Tango "Adios Nonino" weiter. Bei allen komödiantischen Einlagen, bei aller Begeisterung für Ideen und perfekte Mischung von Witz, Charme und Musik muss betont werden: Die Einlagen lenken nicht etwa vom musikalischen Vortrag ab, sondern machen bewusst, dass es fünf hochbegabte junge und lebensfrohe Frauen sind, die ihre Instrumente so perfekt beherrschen. Sie haben ihr Quintett 2011 gegründet und in kürzester Zeit bekannt gemacht.

Die Zuhörer erleben einen Nachmittag, der unglaublich viel Spaß macht. Bekannte und bewährte Melodien kommen frisch daher, die Musikerinnen bieten lebendige und mitreißende Professionalität, ohne in langjähriger Routine erstarrt zu wirken. Nichts wirkt verkrampft und gekünstelt, die frischen Ideen vereinen sich mit dem großen Talent und meisterlichen Können zur vielleicht größten Überraschung der diesjährigen Wurzer Konzerte.
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