31.07.2017 - 18:08 Uhr
PullenreuthOberpfalz

Kumpels retten Hubert Heinl das Leben Freunde fürs Leben

Selbst Hollywood hätte sich diese Geschichte nicht spannender, nicht emotionaler ausdenken können. Eine Reihe von unglaublichen Zufällen und eine große Portion Glück retten Hubert Heinl das Leben. In den Hauptrollen: Drei Freunde und ein Defibrillator, den es noch nicht lange gibt.

Alle sind froh, dass Hubert Heinl (Zweiter von links) noch lebt. Andreas Heining (links) und Tobias Würstl (rechts) reanimierten den 51-jährigen Lochauer mit ihrem Defibrillator nach einer gemeinsamen Radltour. Ehefrau Doris ist erleichtert, dass sie ihren Mann noch in die Arme schließen kann. Bild: spi
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Lochau. Gänsehaut schleicht über den Arm von Andreas Heining, als er zu erzählen beginnt - von diesem einen Sonntag im Juli. Sein Kumpel Hubert sitzt ihm gegenüber, hört die Geschichte und schluckt schwer. Den Blick hat er gesenkt. Immer wieder schnauft der 51-Jährige tief, seine Schultern sacken nach unten. Zu hören, was passiert ist, schmerzt. Darüber zu reden auch.

Die drei Freunde - Hubert, Andreas und Tobias - radeln an besagtem Juli-Abend 35 Kilometer über Neusorg, Marktredwitz und Pullenreuth wieder nach Hause. 500 Meter vor der Ortsgrenze von Lochau, ihrer Heimat, merken Andreas und Tobias gleich, dass mit ihrem Freund etwas nicht stimmt. Der 51-Jährige wird plötzlich ohnmächtig, kippt von seinem Rad und bleibt im hohen Gras einer Böschung regungslos und bewusstlos liegen. "Als ob man einen Lichtschalter ausschaltet", beschreibt Andreas, "von einer Sekunde auf die nächste." "Wir haben sofort gesehen, das ist lebensbedrohlich", erinnert sich Tobias Würstl. Die Freunde helfen sofort. Über das Glück, das die drei hatten, und über die vielen Zufälle, schütteln sie heute den Kopf. Ihre Geschichte klingt eigentlich völlig unglaubwürdig, da sind sie sich einig.

Noch immer fassungslos

Denn der Defibrillator, der Hubert das Leben rettet, hängt noch nicht lange im Lochauer Feuerwehrhaus. 20 Tage, bevor der Familienvater einen Herzinfarkt mit Kammerflimmern erleidet, bekommt die Wehr das Gerät, das sie selbst bezahlt hat. Ein weiterer Zufall: Andreas Heining, Kommandant der Wehr, setzt für sich und seine Kameraden kurzfristig eine Übung mit dem Defibrillator an. "Wir haben sogar noch zu zweit weiter geübt", erzählt Tobias immer noch fassungslos und deutet auf Andreas, der neben ihm sitzt. Immer wieder schütteln sie mit dem Kopf. Huberts Frau Doris tupft mit einem Taschentuch Tränen aus den Augenwinkeln, während sie den Freunden ihres Mannes lauscht. "Andreas hat ihn dann reanimiert, während ich mit dem Rad zum Feuerwehrhaus gefahren bin und das Auto mit Defibrillator geholt habe", erinnert sich Tobias. Der 44-Jährige wohnt direkt daneben. "Ich habe im Dorf so laut geschrien, dass meine Frau schon mit dem Schlüssel fürs Feuerwehrhaus da stand, bis ich bei der Haustür war", sagt er. Ebenfalls Glück, denn er hatte seiner Frau erst Tage zuvor erklärt, wo der Schlüssel liegt.

Während Tobias den Defibrillator holt, massiert Andreas das Herz von Hubert - am Telefon einen Helfer der Integrierten Leitstelle, der über Lautsprecher versucht, ihn zu beruhigen. "Die Zeit, in der ich allein mit meinem Freund war ...", der 49-Jährige schluckt und ringt nach Worten, "...war schwer". "Ich habe gerufen ,Hubert du bleibst da'", erinnert er sich. Seine Stimme zittert. Doch dann ist Tobias mit dem Defibrillator zurück. Die Lochauer schieben das Trikot ihres Kumpels hoch, legen die Elektroden an. Das Gerät löst den ersten Schock aus. Nichts. Der zweite Schock. Hubert atmet noch immer nicht. Erst beim dritten Mal gelingt es ihnen, ihren Freund zurückzuholen. "Er war zwar bewusstlos, aber atmete wieder", sagt Andreas. In seiner Stimme schwingt große Erleichterung mit. 11 Minuten und 36 Sekunden hat es gedauert, bis er den Anruf bei der Leitstelle beendet. Solange ist Hubert nicht ansprechbar. Inzwischen sind Sanitäter da, die übernehmen. In dem Moment als der Druck von Andreas und Tobias abfällt, wird den beiden erst bewusst, was passiert ist. "Man funktioniert vorher nur", erklärt Tobias.

Geistig und körperlich fit

"Wenn ich diese zehn Minuten nicht gehabt hätte, dann hätte ich einen anderen Zeitungsartikel - unter ,Plötzlich und unerwartet'", meint Hubert mit Galgenhumor. Dass es ihm mittlerweile wieder so gut geht, grenzt an ein Wunder, meint die Familie. "Ich weiß noch alle Passwörter vom Computer, bin geistig und körperlich fit", berichtet der 51-jährige Vater. Nur die zwei Stunden vor und die Zeit während seines Herzinfarkts fehlen in seinem Gedächtnis. "Ich hatte den ruhigsten Job, ich habe nichts mitbekommen", kann er mittlerweile darüber scherzen. Wären die Freunde aber mitten im Wald und ohne Hilfsmittel gewesen, hätte es auch anders ausgehen können. "Pro Minute steigen die Schäden, kein Sauerstoff mehr im Gehirn, Zellen sterben im Herz ab", zählt Andreas auf. Mehr wollen sie aber nicht darüber nachdenken.

Ein Hubschrauber bringt Hubert schließlich ins Klinikum nach Weiden. Dort setzen ihm die Ärzte einen Stent. Die Tage nach dem Unglück sind für Andreas und Tobias nicht einfach. Sie denken fast ununterbrochen daran, müssen sich ablenken. Ihrem Kumpel geht es aber immer besser und dann darf er endlich wieder heim. Was ihm passiert ist, kann Hubert kaum glauben: "Früh waren Andreas und ich noch schwimmen und haben über den Defi gesprochen und abends beim Radeln brauch' ich ihn selbst", berichtet er von dem Tag.

Dass er so viele Schutzengel hatte, dafür ist der 51-Jährige sehr dankbar. "Ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich bin", murmelt der Lochauer an seine Freunde gewandt. "Passt scho", erwidert Andreas bescheiden auf Oberpfälzer Art. Hubert will sich aber auch bei allen anderen Helfern - Notarzt, Helfer vor Ort, BRK, Integrierte Leitstelle, Hubschrauberbesatzung, Ärzte und Krankenschwestern - bedanken, die sein Leben gerettet haben. Das wird er ihnen nie vergessen, und ab sofort feiert er im Jahr zweimal Geburtstag.

Wenn ich diese zehn Minuten nicht gehabt hätte, dann hätte ich einen anderen Zeitungsartikel - unter ,Plötzlich und unerwartet'.Hubert Heinl

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.