20.10.2017 - 18:14 Uhr
PullenreuthOberpfalz

Wandergeselle Stefan Maschauer nach 3 Jahren wieder in der Heimat empfangen Und plötzlich ist es vorbei

Kein Bett, keine Dusche, kein Handy, kein Chillen auf der Couch. Mit 20 Jahren entscheidet Schreiner Stefan Maschauer, auf die Walz zu gehen. Nach drei Jahren kommt er um viele Erfahrungen reicher und mit neuen Zielen zurück in die Heimat.

Selbst geplant, selbst ausgeführt: Ein Sauna-Haus mit traditionellem kanadischen Dach. das Gebäude steht auf einer Stahlhufen-Konstruktion, um es im Winter von A nach B transportieren zu können. In Zusammenarbeit mit Kollegen baute Maschauer sechs Wochen ohne Kran oder anderen Hebetechniken daran. Bilder: exb (2)
von Lena Schulze Kontakt Profil

Alles was ein Wandergeselle dabei hat, muss er tagtäglich mit sich herumtragen. "Es ist nur das Nötigste. Die maßgeschneiderte Kluft, mit Hemden zum wechseln. Eine Wanderkluft und eine Arbeitskluft", sagt Maschauer. Wichtigster Besitz ist das Wanderbuch, in dem ein Geselle festhält, wo er wann war. Alles passt in die drei "Charlies", die Charlottenburger Tücher. Genau so reiste der 23-jährige Pullenreuther durch die Welt.

Integrität trotz Alleingang

Maschauer war als "Freireisender" Schreiner auf der Walz. Obwohl es sieben Gesellenvereine gibt, entschied er sich, allein zu reisen. "In der Gruppe richtet man sich nach den anderen. Ich wollte meine eigenen Ziele verfolgen", war dem 23-Jährigen von vornherein klar.

Zu Beginn verabredete er sich mit anderen Gesellen. Im ersten Wanderjahr war Maschauer hauptsächlich in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. Im Süden fühlte sich der eingefleischte Oberpfälzer wohler als beispielsweise in Hamburg. Im zweiten Jahr ging es allein quer durch Europa: Spanien, Portugal, Frankreich. Auf Gran Canaria baute er eine Terrasse. In Sibiu (Hermannstadt), Rumänien, beteiligte sich Maschauer an einem Freilicht-Handwerkermuseum. Dort präsentieren Wandergesellen jährlich ihre Zunft. "Ich bin gern Schreiner", sagt der 23-Jährige. Er fertigte Kommoden, für die sein Vater Josef teils 500 Kilometer gefahren ist, um sie abzuholen. Auch in der Kellerwohnung in Pullenreuth stehen selbstgebaute Unikate.

Auch wenn er immer seltener Kollegen trifft - der "Buschfunk", das "Weitersagen" funktioniert einwandfrei. Da die Reisenden keine öffentlichen Verkehrsmittel benützen sollen, trampt der junge Mann oder geht zu Fuß. Eines gilt weltweit: "Durch die Kluft haben die Wandergesellen viele Vorteile, einen besonderen Status und Wiedererkennungswert", erklärt Maschauer. So würden öfter Autofahrer anhalten und die "Fremdgeschriebenen" mitnehmen. "Wir haben ein besseres Leben als Backpacker", meint der Pullenreuther im Hinblick auf Rucksacktouristen.

Auf einer Landkarte steckte Maschauer ab, wo er hinwollte. Andere Wandergesellen empfehlen Betriebe auch weiter. Dann kann er sich das Suchen und Abklappern von Firmen sparen. Der Schreiner arbeitete in Familienbetrieben und der Industrie, meist gegen Kost und Logis. Dabei kam er in Ferienwohnungen oder den Familien unter. "Das ist jedes Mal ein Erlebnis." Unterwegs in der Prärie fehlte dem Schreiner "ganz klar der spießige Standard": Ein eigenes Bett, Duschen zu können, wann man Lust hat, ein eigenes Auto, nicht überlegen zu müssen, wo man die Nacht schläft, sich in Ruhe auf die Couch zu legen, ohne jemanden seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Ehrgeiz gefragt

Das am weitesten entfernte Ziel war Panama in Südamerika. Maschauer suchte sich seine Ziele nicht nur nach Arbeitsstellen aus. Der junge Mann wollte neben der Arbeit die Welt sehen. In Costa Rica oder Kolumbien hat er im Schlafsack am Strand übernachtet. Fast ein halbes Jahr war er in Kanada. In Deutschland kam er mit einem Auswanderer ins Gespräch. "Zwischen zwei Bier haben wir entschieden, dass er eine Block-Sauna braucht", sagt der Geselle mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. "Das war das schönste und größte Projekt. Meine eigene Gesellenprüfung." Maschauer plante, organisierte, brachte sich selbst Zimmerer-Fähigkeiten bei. "Die Zimmerei hat eine andere Dynamik, man arbeitet im Team und ist näher beim Kunden. Wer sich auf der Walz nicht ausprobiert, ist selbst Schuld. Es gibt so viele Möglichkeiten. Mit ein bisschen Ehrgeiz kann man auf Wanderschaft alles erreichen."

Kontakt zu Familie und Freunden hielt Maschauer nur sporadisch. Nur bei Arbeitgebern oder in Internet-Cafés hatte er Zugriff auf E-Mail oder Social Media. "Meinen Vater hab ich oft angerufen oder gemailt, wo ich gerade arbeite, oder Bilder geschickt. Er wollte schon wissen, was sein einziges Kind macht." Manchmal reisten ihm Freunde von zu Hause hinterher, um den Wandergesellen zu besuchen. Seit einem dreiviertel Jahr lebt er in einer Beziehung. Getroffen haben sich die beiden in München, es stellte sich heraus dass Verena aus Hohenhard, einem Nachbardorf, kommt. Per Mail hielten sie Kontakt, während Maschauer die letzten Monate auf Walz absolvierte.

Trotz Gesellschaft erlebte der Pullenreuther Momente des Zweifels: "Wenn's regnet und du draußen stehst und auf Biegen und Brechen niemand anhält und dich mitnimmt ..." Am Anfang überwiege noch die Abenteuerlust, sagt Maschauer. "Aber nach zwei Jahren, wenn viele Reiseziele abgehakt sind, sagt man sich schon: ,Etz langt's!'" Trotzdem hat jeder Geselle den Ansporn, die drei Jahre zu beenden.

Zum Greifen nah

Während der letzten Tage vor der Heimkehr begleiteten Maschauer gemischte Gefühle. Eine freie Woche lag zwischen der letzten Arbeitsstation in der Schweiz und der Ankunft zu Hause. "Ich musste das für mich selbst realisieren, dass es vorbei ist." Einen Tag vor der Heimkehr war der 23-Jährige in Regensburg. Ein Autofahrer hielt an und fragte, wo Maschauer hinwill. "Weiden", sagte er. "Wir kamen ins Gespräch und ich wusste nicht recht, wo ich in der letzten Nacht hinsollte. "Der Fahrer fragte, wo genau ich hin müsste. Er hat mich direkt an der B 299 beim Ortseingang Pullenreuth abgesetzt. Dann stand ich da. Ich durfte ja erst am nächsten Tag rein." Oberhalb von Pullenreuth übernachtet Maschauer in der Wiese. "Ich dachte nur: Oh Mann. 200 Meter Luftlinie weiter wäre mein Bett."

Am 30. September empfingen Familie, Freundin, Verwandte aus Regensburg, Vereine, Nachbarn und Freunde den Wandergesellen. Auch Schweizer Arbeitskollegen kamen angereist. Sogar Bürgermeister Hubert Kraus hieß den Schreiner in seiner Heimat willkommen.

Jetzt ist Maschauer damit beschäftigt, ins "normale Leben" zurückzukehren, erledigt Behördengänge, organisiert sich ein Handy und ein Auto. Um die Zeit finanziell zu überbrücken, sammelte das Empfangskomitee für den Ankömmling. "Das unterstützt mich enorm. Danke an alle." Aktuell sucht der Handwerker nach Arbeit. Er strebt den Meisterbrief im Zimmerhandwerk an. "Die Wanderschaft ist jetzt vorbei. Ich möchte nicht mehr alle drei Monate den Betrieb wechseln."

Mit ein bisschen Ehrgeiz kann man auf Wanderschaft alles erreichen.Stefan Maschauer
Nach zwei Jahren sagt man sich schon: ,Etz langt's!'Stefan Maschauer

Gebräuche der Wandergesellen

Aktuell sind etwa 450 Menschen aus Deutschland auf Wanderschaft. Ziel ist es, Lebenserfahrung zu sammeln und das Handwerk in seinen verschiedenen Facetten kennenzulernen. Typischerweise lassen sich die Gesellen auf der Abschiedsparty, bevor sie losgehen, von Kollegen mit Hammer und Nagel einen Ohrring stechen. Sie versprechen damit ("nageln sich fest"), als vernünftiger Wandergeselle unterwegs zu sein. Daher kommt auch das Sprichwort "Sich auf etwas festnageln". Als "Fremdgeschriebener" geht der Geselle drei Jahre und einen Tag auf Walz. Für diese Zeit gilt die Bannmeile: Der Reisende darf sich seinem Heimatort auf nicht weniger als 50 Kilometer nähern. Auch der Ausdruck "Schlitzohr" rührt von der Walz. Wer sich nicht anständig benimmt, nicht ehrbar ist, beispielsweise klaut oder prügelt, schadet dem Ruf. Diesem Reisenden wird der Ohrring herausgerissen und so ein "Schlitzohr" verpasst. Er muss die Kluft ablegen und nach Hause gehen. Jeder kann die Schande des Gesellen auf Anhieb sehen. (szl)

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