06.02.2017 - 09:55 Uhr
RegensburgOberpfalz

"Aufstieg und Fall einer Dynastie" Die Lehman Brothers mit Frauenquote

Die Lehman Brothers lassen sich nicht nur auf eine globale Finanzkrise reduzieren. Ein Stück im Regensburger Velodrom führt das vor Augen - und gibt dem Unternehmen ein Stück weit seine Würde zurück.

Bei den "Lehman Brothers" wird heftig jongliert - mit Finanzen ebenso wie mit der schauspielerischen Besetzung.
von Susanne WolkeProfil

Regensburg. Eines im Vorab: Es geht nicht um den Zusammenbruch der Investmentbank im Jahre 2008. Der Schluss ist einfach weggelassen - auch wenn sich die Lehman Brothers gerade durch ihr finales Scheitern ins öffentliche Bewusstsein der Gegenwart eingegraben haben. Doch die jüdischen Einwanderer aus Bayern, die in Amerika seit den 1850-er Jahren eine Wirtschaftsdynastie aufgebaut haben, liefern viel mehr Stoff.

"Die Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie" von Stefano Massini ist vielmehr ein Familienepos denn ein Fall von aktueller Brisanz. Das Stück hatte am Samstag als Inszenierung von Josua Rösing Premiere im Regensburger Velodrom.

"Man kann die Geschichte der Titanic nicht ohne den Untergang der Titanic erzählen. Und so kann man den Weg der Lehman Brothers nicht ohne ihren Untergang erzählen", sagt der Regisseur Josua Rösing. "Und jetzt machen wir genau das: Wir erzählen ohne den Untergang."

Es geht also um die Entwicklungsgeschichte der Lehman Brothers seit dem Jahre 1844. Und zwar beginnend mit dem Tag, als Hayum Lehmann, der bald zu Henry Lehman wird, als armer Schlucker amerikanischen Boden betritt.

Das Glück des Tüchtigen lässt nicht lange auf sich warten. Henry Lehman und seine beiden Brüder geben alsbald das Musterbeispiel des American Dream ab. Baumwolle, Kaffee, die Eisenbahn und später der Film "King Kong": Die Lehman Brohters und ihre Nachfahren haben immer den richtigen Riecher, sind stets zur rechten Zeit am rechten Ort.

Das ist der Inhalt. Dass dieser in der Regensburger Inszenierung nicht staubtrocken nachgespielt wird, ist das Verdienst von Stefano Massini und Josua Rösing. Gespielt wird in dem Stück sowieso nicht allzu viel. Dafür wird erzählt.

Die Darsteller wechseln sich dabei in der Rolle des Erzählers ab. Die Schauspielerei selbst wird zur schmückenden Illustration eines visualisierten Hörstücks. Ein minimalistisches Bühnenbild und innovative Accessoires - die Schauspieler sprechen teilweise über laufende Videokameras zum Publikum - lassen dem Zuschauer Projektionsfläche für eigene Vorstellungen.

Dies wird noch verstärkt durch den regen Austausch der Rollen. Die Lehman Brothers der ersten Stunde bleiben zwar stets in der gleichen Besetzung: Frerk Brockmeyer als Emmanuel, Michael Haake als Meyer und Silke Heise als Henry. Alle anderen Rollen aber wechseln munter durch.

Frauen in Männerrollen

Auffälliges Stilelement dabei: Auch zwischen Frau und Mann wird kräftig gemischt. Angefangen bei Silke Heise als Henry Lehman, bis hin zu anderen Männerrollen, die durch Schauspielerinnen besetzt sind. Sicherlich hätte das Theater Regensburg genügend männliche Schauspieler für die Rollen gehabt. Dann aber wäre das Stück vollkommen ohne weiblichen Akteur gewesen.

Regisseur Josua Rösing führt also die Frauenquote einfach um mehr als 100 Jahre früher ein. Er setzt Schauspielerinnen auf Männerposten und - sozusagen als Konsequenz - verpasst seinen männlichen Darstellern Lippenstift und High Heels.

"Lehman Brothers", ein Stück, das auf den ersten Blick kaum mehr Unterhaltungswert verspricht als ein "Spiegel"-Artikel, entpuppt sich im Regensburger Velodrom als Spektakel, das von allem etwas hat. Die "Lehman Brothers" sind klug, geistreich und witzig. Und das, obwohl oder gerade weil der Schluss fehlt. Dass das Stück im Velodrom läuft, erscheint übrigens besonders passend. Schließlich wurde das heutige Theater einst von Simon Oberdorfer errichtet - ebenfalls einem geschäftstüchtigen Juden.

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