24.03.2017 - 20:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Besonderes Kapitel im Zweiten Weltkrieg U-Boote unter der Steinernen Brücke

Im Jahr 1994 fanden türkische Bergleute bei der Kohleförderung am Schwarzen Meer ein deutsches U-Boot. Damit rückte ein abenteuerliches Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs wieder in den Fokus.

Auch andere Schiffe wurden teils auf dem Landweg bis nach Rumänien transportiert.
von Externer BeitragProfil

Hitlers Heerestruppen haben 1942 den Südosten von Europa, das Schwarze Meer und das befreundete Rumänien erreicht. Die Region wurde militärisch besetzt. Straßen- und Eisenbahnnetze gingen auf die deutschen Besatzer über. Dringend benötigte Rohstoffe, vor allem das in Rumänien geförderte kriegswichtige Rohöl, konnten nun ungehindert in deutsche Raffinerien geliefert werden. Um die Küste, die Küstenstädte und das rumänische Seegebiet zu sichern, bedurfte es jedoch einer Marine mit Hunderten von Schiffs-Einheiten aller Art. Doch selbst Frachtschiffe für die Versorgung und den Nachschub standen nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Ersatzweise mussten daher Einheiten und Material aus Deutschland angeliefert werden.

Das war nicht einfach. Die Seewege durch die Nordsee, in die Biskaya und dann ins Mittelmeer, letztendlich durch die Dardanellen, konnten schon aufgrund der großen Entfernungen - umgerechnet rund 7400 Kilometer - nicht genutzt werden. Außerdem hatten die Türken den Bosporus für Deutschland gesperrt. Die britische Regierung verhängte eine Seeblockade gegen Deutschland und die Royal Navy kontrollierte die genannten Seegebiete.

Größte Geheimhaltung

Marineangehörige und Beamte entschieden daher, die benötigten Flottillen über den Landweg und die Donau bis ins Schwarze Meer zu "verschiffen". Unter größter Geheimhaltung wurden die verwendbaren Bootstypen, die Stückzahlen und das benötigte Ersatzmaterial ausgewählt und zusammengestellt.

Die nautischen und technischen Schiffs- und Bootsbesatzungen mussten auf ihre außergewöhnliche Reise und ihren mehrjährigen Aufenthalt am Schwarzen Meer vorbereitet werden. Nach einer Niederlage konnte keiner der dort stationierten Männer erwarten, dass er auf seiner bekannten Schiffsroute zurück in die Heimat gelangen würde. Rund 630 Fahrzeuge mit einer Gesamt-Tonnage von 55 000 bis 60 000 Tonnen wurden in den Kriegsjahren vom Oberkommando der Marine (OKM) ins Schwarze Meer abgeordnet. Davon waren etwa 260 reine Kampfboote mit deutschem Marine-Personal.

Das OKM in Berlin hatte zudem entschieden, auch sechs U-Boote vom Typ 2/B an die Schwarzmeer-Küste zu entsenden. Denn die südwestlichen Seegebiete im Schwarzen Meer, einschließlich der Krim, wurden von gegnerischen Marine-Einheiten dominiert.

Auf die Autobahn

Unterwasserschiffe vom Typ 2/B waren mit einer Länge von 42,7 Metern, einer Breite von 4,08 Metern und einem Tiefgang von 3,9 Metern kleine Boote. Sie hatten eine Wasserverdrängung von 279 Tonnen über und 329 Tonnen unter Wasser. Die Geschwindigkeit betrug über Wasser bei 700 PS Leistung 13 Knoten, unter Wasser 7 Knoten bei 410 PS. Für den Transport der Unterseeboote ans Schwarze Meer nutzte man den Nord-Ostsee-Kanal, die Elbe bis Dresden, die Autobahn bis Ingolstadt und dann die Donau.

Alle sechs Boote waren in der Ostsee stationiert und dienten dort als Schulboote. Die neu aufgestellte "30. U-Boot Halbflottille" wurde nun nach Kiel in die Werft der "Deutschen Werke Kiel" (heute Thyssen-Krupp) verlegt und dort außer Dienst gestellt. Werftpersonal begann damit, die auf dem Oberdeck stehenden U-Boot-Türme, die Flak, zwei Antriebswellen mit Propeller, Steuer- und Tiefenruder zu demontieren.

Unter Deck waren die Arbeiten wesentlich umfangreicher, denn dort wurden die tonnenschweren Blei- Batterien aus dem Druckkörper geräumt. Der Navigations-Kreiselkompass musste entfernt und stoßsicher gelagert werden. Zwei unter Deck stehende Diesel- und E-Motoren wurden vom Sockel gehoben und für den Transport vorbereitet. Luftkompressoren, Stromaggregate sowie alle Geräte wurden auf Waggons verladen und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Linz und Galatz (Galati in Rumänien) transportiert.

In der Kieler Werft montierten Arbeiter den "entkernten" und um rund 150 Tonnen "geleichterten" Booten unterhalb der Wasserlinie mehrere miteinander verbundene Schwimm-Pontons auf die Außenhaut. So ließen sich Flachwasser und nicht zu erkennende Hindernisse sicher überqueren. Nach der Umrüstung galt es, Transportprähme, Zugmaschinen, Tieflader, Schwergutkräne und Ladegeschirr bereitzustellen. Rund 600 Personen waren dafür nötig - Werftpersonal, Binnenschiffer, Verkehrspolizei, Kran-Kraftfahrer, Marine-Männer und eine Fernmeldeabteilung, die nur mit Frauen besetzt war. Die Route, die die Boote nun zu bewältigen hatten, war in mehrere Abschnitte unterteilt. Ausgangsort war Kiel.

Die U-Boote wurden, seitlich liegend, mit Ketten und Stahldrahtschlingen auf den Schwimmpontons gesichert. Einzeln und in Schleppfahrt durchfuhren sie zunächst den Nord-Ostsee-Kanal und dann die Elbe von Cuxhaven stromaufwärts bis nach Dresden. Nach rund 850 Kilometern erreichten sie dort das nördliche Elbufer an der Böcklinstraße.

Nun war fürs Erste Schluss mit der Flussfahrt. Die Boote wurden an Land gebracht und zur Gewichtsersparnis Rümpfe und Pontons wieder getrennt. Es folgte der Transport der U-Boote mit Lastkraftwagen über fast 300 Kilometer auf der Autobahn bis Ingolstadt. Dazu hievten Schwerlastkräne die Bootsrümpfe auf die Straßentransporter. Zwei Zugmaschinen standen für die Weiterreise bereit. Die Last mit Überlänge und einem Gewicht von gut 150 Tonnen konnte von den nebeneinander fahrenden Zugmaschinen mit einer Geschwindigkeit von höchstens 8 km/h gezogen werden. Die Ladung war auf der ganze Reise unter Planen und Tarnnetzen verborgen.

Provisorische Werft

Zielort war das Donau-Ufer südlich von Ingolstadt, in der Nähe der heutigen Schillerbrücke und des Schlachthofs. Eine kleine provisorische Werft mit Kränen und Ladegeschirr erwartete die Boote dort. Um die Rümpfe schwimmfähig zu machen, mussten die Pontons wieder angebaut werden. Für das Zuwasserlassen wurde eine schräge Ebene vorbereitet und Eisenbahnschienen wurden im Beton verlegt. Die Schiffsrümpfe konnten so quer zum Strom über eine Slip-Anlage in die Donau gerollt werden. Schaufelradschlepper zogen die U-Boot-Rümpfe nun stromabwärts. Für die Steuerleute und Schiffer war es vor allem eine große Herausforderung, den Verband durch die Weltenburger Enge zu manövrieren. Sand- und Kiesbänke behinderten zusätzlich die Durchfahrt.

Bis Regensburg ging alles reibungslos voran. Um dort die "Steinerne Brücke" im zweiten Joch zu passieren, wurden stromaufwärts am linken und rechten Donau-Ufer schwere Stahltrossen ausgebracht, an denen die unförmigen U-Bootsrümpfe und Pontons in Millimeterarbeit durch die Brückentore gefiert wurden. Dies war eine Meisterleistung der Regensburger Hafenmitarbeiter, denn die 40 Meter langen und tonnenschweren U-Boote beziehungsweise Pontons ließen sich in der reißenden Donau nur schwer steuern. Quer- und Gegenströmungen erschwerten das Vorhaben zusätzlich. Danach konnte der von Binnenschiffern gesteuerte Schleppverband die Linzer Werft allerdings ohne größere Störungen anfahren. Bislang waren rund 330 Donau-Kilometer absolviert worden.

Werftarbeiter rüsteten die Boote in Linz wieder mit dem Notwendigsten aus. Die seitlich liegenden U-Boot-Rümpfe wurden um 90 Grad aufgerichtet und auf ebenen Kiel gestellt. Doch bis auf wenige Teilstrecken ist die Donau ein Flachwasser-Strom. U-Boote mit 3,9 Metern Tiefgang haben in diesen Gewässern nichts zu suchen. Es sei denn, der Tiefgang kann verringert werden. Die Linzer Werft bettete die Boote deshalb zwischen zwei Auftriebskörper und hob sie damit um 2,5 bis 3 Meter an. Grundberührungen waren damit nahezu ausgeschlossen.

Bis nach Galatz

Nach Abschluss der Werftarbeiten setzten die U-Boote die Reise ins 1600 Kilometer entfernte rumänische Galatz mit dampfgetriebenen Schaufelradschleppern fort. Im Marinehafen machten rumänische und deutsche Arbeiter sie wieder voll funktionstüchtig. Alle sechs Boote wurden bemannt, in Dienst gestellt und ihnen Liegeplätze im Hafen von Konstanza zugewiesen. Später verlegte man die Boote an die Schwarzmeerküste. Die "30. U-Boot Halbflottille" nahm den Dienst wieder auf. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer hatte sie rund 3150 Kilometer zurückgelegt. Die ersten U-Boote erreichten Rumänien im Mai 1942, das letzte Boot U-23 kam am 3. Juni 1943 am Zielort an.

Doch schon 1944 war dieses Kapitel der deutschen Militärgeschichte wieder beendet: Als die Front im April 1944 auf rumänisches Territorium übergriff, konnten deutsche und rumänische Kräfte den sowjetischen Vormarsch nicht aufhalten. Nach einer Großoffensive im August 1944 brach die neue rumänische Regierung die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab. Ende August erklärte Rumänien Deutschland den Krieg. Die U-Boote wurden vom Feind oder den Deutschen selbst versenkt beziehungsweise aufgegeben. Teilweise wurden sie Beutegut. Die Besatzungen konnten sich in die Heimat absetzen.

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