Das Toronto Symphony Orchestra und Jan Lisiecki lehren die europäischen Kollegen das Fürchten
Kanadischer Klangrausch

Kultur
Regensburg
18.05.2017
115
0

Mit einem beherzten Pauken- und Beckenschlag eröffnet das "Toronto Symphony Orchestra" den letzten Abend der "Odeon Concerts" in der Saison 2016/17. Er sollte nicht das einzig Spektakuläre bleiben. Auch im Folgenden lässt die "Carnival Ouvertüre" des 1940 nach Kanada emigrierten Tschechen Oskar Morawetz (1917-2007) in launig-sprudelnder Beredsamkeit die Qualitäten des Orchesters aufblitzen.

Der fabelhafte Dirigent Peter Oundjian inspiriert das Ensemble mit positiver, energiegeladener Ausstrahlung, er führt es mit klarem Dirigat wie aus dem Lehrbuch, die langjährige Zusammenarbeit hat die hervorragenden Musiker zu einem Top-Team zusammengeführt.

Für Robert Schumann wird der Kanadier Jan Lisiecki auf das Podium gerufen, er nimmt es im Sprung, Stufen braucht er mit seinen blutjungen 22 Jahren nicht wirklich. Das Klavierkonzert in a-Moll op. 54 ist einer der ganz großen Prüfsteine, nein Prüf-Felsblöcke. Wilhelm Kempf ging es mit geradezu scheuer Hochachtung an, in innigem Dialog mit den Orchestersoli.

Poetisch und ungeahnt

Martha Argerich spricht mit blühend freier Poetik. Andreas Staier entdeckt auf einem Streicher-Flügel ungeahnte Farbschattierungen. Lisiecki lässt jugendlich-hitzige Leidenschaft ausbrechen, sie wirkt so authentisch wie sein Sprung, wie sein gelöst-heiteres Naturell. Er ist keiner der Musiker, die mit mystisch-meditativer Spannung auf Distanz gehen. Wie Kempf korrespondiert er mit den Orchestermusikern, sein hochsensibles Piano am Piano lässt den Atem stocken.

Seine Virtuosität erscheint nie als eitle Selbstdarstellung. Woher nimmt er diese Reife poetischer Gestaltung, diesen Überblick, diese Fähigkeit mit lockerer Hand große Spannungsbögen aufzubauen? Ein überragendes Talent, er liefert eine tiefsinnige Chopin-Nocturne nach.

Das Orchester hat bei Schumann sein Talent des sensiblen Begleitens gezeigt. Bei der in Höhen und Abgründen ausgeloteten Sinfonischen Suite "Sheherazade" op. 35 von Rimsky-Korsakow fährt es seine Krallen aus. In diesem märchenhaft inspirierten Opus können sich Solisten profilieren wie selten, allen voran der superbe Konzertmeister Jonathan Crow mit seiner leuchtenden Violine.

Homogener Klang

Pars pro toto seien noch genannt das geschmeidige Fagott, gebettet in fluffig-weichen Kontrabass-Samt, butterweich die Klarinette, füllig das Horn, mit mildem Schmelz die Streicher. Bemerkenswert der homogene Teamklang: Holz und Blech klingen wie ein einziges Instrument.

So schaffen das nicht viele Orchester, manch etablierte europäische Kollegen müssen sich da warm anziehen. Die Kanadier entfalten eine Art kontrollierten Klangrausch, er reißt das Publikum von den Sitzen und fordert zwei Zugaben - noch weiter aufputschend Katchaturjan, blutdrucksenkend Elgar.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.