18.04.2007 - 00:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Hörbuch von Joseph Berlinger erzählt tragisches Schicksal des Regensburgers Simon Oberdorfer ... Traurige Geschichte eines Kunstradfahrers

von Susanne WolkeProfil

"Wohin fahren Sie uns?", fragten die Passagiere der "St. Louis" ihren Kapitän. Der wusste es nicht. Man schrieb das Jahr 1939, und der Dampfer "St. Louis" befand sich auf einer unbestimmten Odyssee. "Havanna" hatte das ursprüngliche Ziel gelautet. Dort hatten sich die Passagiere Schutz vor den Nationalsozialisten erhofft. Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellte: Die Landung in Havanna wurde verwehrt. 906 Juden mussten umkehren in Richtung Europa. Einer von ihnen war der Regensburger Simon Oberdorfer.

Das Schicksal dieses einst hoch angesehenen Kunstradfahrers und Varieté-Direktors ist nun Thema einer CD. "Hoffnung Havanna - Die Odyssee des Regensburger Kunstradfahrers Simon Oberdorfer" lautet der Titel des Hörbuchs von Joseph Berlinger.

Frischer Wind

Simon Oberdorfer ist die Hauptperson des Hörbuchs: Diese schillernde Figur, die um die Jahrhundertwende frischen Wind ins provinzielle Regensburg brachte. Der moderne Weltmann, der auf seinem Anwesen am Arnulfsplatz das "Velodrom" errichtete - ein Varietétheater mit Pistolenkünstlern, dressierten Wölfen und berühmten Sängerinnen.

Das Hörbuch "Hoffnung Havanna" ist aber gleichzeitig die Geschichte zahlreicher Leidensgenossen Oberdorfers: der 905 Juden, die mit ihm an Bord des luxuriösen Ozeandampfers "St. Louis" mit Kurs auf Havanna gingen - auf der Flucht vor den Nationalsozialisten.

Sie alle teilten das Schicksal Simon Oberdorfers. Dessen Karriere war nämlich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu Ende: Eben noch ein angesehener Bürger, wurde er schlagartig zur geächteten Person. Völlig ohne eigenes Verschulden, allein der Tatsache wegen, dass er Jude war. Simon Oberdorfer und seine Familie konnten sich Tickets für die "St. Louis" sichern. Der Dampfer war eine der letzten Möglichkeiten für Juden, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. "Havanna" lautete die Hoffnung der Verzweifelten. Doch die karibische Insel verwehrte den Schutzsuchenden die Landung - ebenso wie die USA, die die "St. Louis" daraufhin anzusteuern suchte. Es begann eine Odyssee, die schließlich in Antwerpen endete.

Eine Katastrophe

Für viele Passagiere der "St. Louis" bedeutete dies die Katastrophe. Der Mut des Kapitäns Gustav Schröder bewahrte zwar etwa die Hälfte der Passagiere vor dem Holocaust. Aber nicht alle entkamen. Simon Oberdorfer befand sich unter den Opfern. Er lebte noch drei Jahre in Holland. Dann wurde er 1943 im Vernichtungslager Sobibor nahe Warschau ermordet.

Joseph Berlinger hat das tragische Schicksal Simon Oberdorfers als Hörbuch inszeniert. "Es ist wichtig, diese Geschichte alle paar Jahre wieder zu erzählen", betont der Regensburger Schriftsteller und Regisseur. Denn: "Solange es Rassismus auf der Welt gibt, sollte man sich die deutsche Geschichte immer wieder in Erinnerung rufen." Ganz bewusst hat Berlinger dabei eine Einzelperson in den Mittelpunkt gestellt: "Die große Geschichte anhand von kleinen Geschichten zu erzählen, das geht den Leuten näher", ist er überzeugt.

Das Hörbuch "Hoffnung Havanna" ist eine Annäherung an den Menschen Simon Oberdorfer, an das Schicksal der Juden im Dritten Reich und auch an die Geschichte des Regensburger Velodroms, das heute ein Spielort des städtischen Theaters ist. Zeitgenossen Oberdorfers und Passagiere der "St. Louis" kommen ebenso zu Wort wie heutige Velodrombesucher. Zitiert werden zudem Forscher, die sich seit Jahren mit dem Rätsel um die "St. Louis" beschäftigen. Denn bis heute gibt es nur Spekulationen, warum die Emigranten in Havanna und den USA abgewiesen wurden.

Das Hörbuch "Hoffnung Havanna - Die Odyssee des Regensburger Kunstradfahrers Simon Oberdorfer" ist im Regensburger LohrBär-Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro. Infos unter www.lohrbaerverlag.de

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