24.07.2017 - 16:56 Uhr
RegensburgOberpfalz

José Carreras bei Schlossfestspielen in Regensburg Genuss zum Niederknien

Stehender Beifall für eine lebende Legende. Es ist nicht die Nacht bekannter Opernarien im Schlosshof zu Regensburg. Der Mann im Smoking hat für sein erstes und wohl auch letztes Gastspiel in der Donaustadt tief in die Schatztruhe der Lieder gegriffen. José Carreras war da und alle, die ihm zuhörten, werden die Erinnerung an dieses Konzert sorgsam hüten.

von Autor HOUProfil

Der Maestro hüstelt, er greift zum Taschentuch. Indisponiert? Keineswegs. Für seine finale Welttournee, die ihn neben der Carnegie Hall in New York auch in die Oberpfalz führt, hat Josep Maria Carreras i Coll ein ungewöhnliches Programm ausgewählt und Verwandtschaft mitgebracht. Als Dirigent steht neben ihm sein Neffe David Gimenéz. Außerdem sind da die Sopranistin Elena Stikhina und die Hofer Symphoniker. Ein Orchester aus Nordbayern, wie man erfreut registriert. Es läuft an diesem Abend zu glanzvoller Form auf. Eine Frage bleibt unbeantwortet: Wann haben sie gemeinsam geprobt für diesen Auftritt der absoluten Extraklasse?

Opernklassiker haben eher wenig Platz. Kein Puccini, Verdi und Leoncavallo nur in kurzen Sequenzen. José Carreras, der auch auf der Bühne - wie man nachlesen kann - viel lieber bei seinem Vornamen Josep genannt sein möchte, singt "Impossible Dream" aus dem Musical "Der Mann von La Mancha" von Mitch Leigh. Ein erster Höhepunkt. Viele folgen.

Wuchtige Stimme

Der 70-Jährige weiß noch immer, wo eine Phrase zu enden hat und tenoraler Ehrgeiz geboten ist. Das fortschreitende Alter hat seiner Stimme nichts anhaben können. Sie kommt mit unglaublicher Wucht über die Rampe. Egal, ob an der Mailänder Scala, an der Wiener Staatsoper oder hier in diesem fürstlichen Schlosshof. Carreras stellt sich zum Duett mit Elena Stikhina und sie machen gemeinsam "Je te veux" von Erik Satie. Dabei zeigt sich: Die attraktive Dame, vom Alter her fast eine Tochter des Maestros, ist ihm ebenbürtig. Mehr noch: Sie gewinnt das Stimmenduell.

José Carreras gewährt der Sopranistin Freiräume. Sie werden genutzt mit dem Lied "Les Filles de Cadix" von Léo Delibes. Damit stellt sich Elena Stikhina endgültig als Weltklassesängerin heraus. Sie darf an der Seite von Carreras bleiben und unternimmt mit ihm einen Streifzug durch die Musikgeschichte. Erst "Tonight" aus Leonard Bernsteins "West Side Story", dann "Lippen schweigen" aus Franz Lehàrs Operette "Die lustige Witwe". Und schließlich die Champagner-Arie, das "Brindisi" aus La Traviata von Guiseppe Verdi. Ein Feuerwerk schlechthin. Gezündet von einem Mann aus Barcelona, der seine Partnerin und die Hofer Symphoniker gleichsam als erfahrener Bergführer zu einem Zug auf den Olymp musikalischen Schaffens mitnimmt. Dann kommt Carreras im Alleingang: Die Bajazzo-Arie von Leoncavallo. Töne zum Niederknien.

Musik entspringt Seele

Drei Zugaben, stehende Ovationen, weiße Rosen für Carreras. Er nimmt sie lächelnd und tritt ab. Zu seinem Publikum hat der Spanier kein Wort gesprochen. Doch reden muss er nicht. Dafür hat der 70-Jährige in mehreren Sprachen gesungen und über eine Leinwand mitteilen lassen, dass sein der Musik gewidmetes Leben aus einem Gefühl kommt, "das der Seele entspringt." Seiner Seele, die so ähnlich ist wie die von Benjamino Gigli und Enrico Caruso.

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