12.03.2018 - 16:24 Uhr
Regensburg

Klavier-Fürst Igor Levit Klänge wie aus einer anderen Welt

Von Peter K. Donhauser

Igor Levit (31) zählt zu den großen Pianisten unserer Zeit. Sein suggestiv-spannungsgeladenes Spiel sucht seinesgleichen. Bild: Robbie Lawrence
von Peter K. DonhauserProfil

Regensburg . Die Odeon-Concerte haben Musik im Doppelpack aufgelegt. Kontrastierend zur grandiosen NDR-Elbphilharmonie nun die Klang-Reduktion auf einen Steinway-Flügel, bedient von Igor Levit. Unvergesslich der phänomenale Duo-Abend Levits in Weiden zum Regerjahr 2016: Mit genießerischem Vergnügen dröselte er den "knüppelharten Kontrapunkt" Regers auf, wir erlebten dessen Musik wie neu. Das Faible für Musik mit eigenständig und gleichwertig geführten Stimmen prägt auch Levits unkonventionelles, mutiges Regensburger Programm.

Kotau vor Bach

An den Beginn stellt er Bachs Chaconne d-Moll für Violine allein BWV 1004. Die Bearbeitung von Johannes Brahms für linke Hand formuliert eine artistische Ansage, angesichts der sonoren Klangfülle versichert man sich immer wieder mit Blicken: Ja, es sind wirklich nur fünf Finger im Spiel. Levit serviert das Opus in keinem Moment als selbstgefällige Show souveräner Virtuosität. Er spielt wie in fast scheuer Hochachtung vor der Meisterschaft Bachs, gibt jeder Stimme eine individuelle Klangfarbe, stellt Struktur und Zusammenhang in den Vordergrund.

Levit bleibt bei kontrapunktischer Musik: Mit drei der 24 Präludien und Fugen op. 87 (1951) von Dmitri Schostakowitsch zeigt er uns eine unbekanntere Facette des Komponisten: gelöst, ohne Tragik, Leid und Depression. Nr. 7 (A-Dur) taucht er in mild-impressionistisches Licht, stellt Bezug zu Minimal Music her, die Fuge verströmt eine Art von heiterem Ernst. Leises Tasten in Nr. 18 (f-Moll). Quirlig-launiges Dreiklangsspiel in Nr. 17 (As-Dur) mit frech hingetupftem Fugenbeginn.

Die Werke Bachs und Schumanns verbindet die Variationen-Form. Das Thema mit (Geister-) Variationen Es-Dur hat Schumann als letztes Werk vor seiner Einweisung in die Nervenklinik Endenich geschrieben. Levit holt mit seiner sensationellen Pianissimo-Anschlagskultur Klänge wie aus einer anderen Welt, baut elektrisierende Spannung auf, bei ihm sind selbst Pausen vibrierende Musik. Verstörend gelingt ihm die letzte Variation, ein introvertiert-abschottender Rückzug Schumanns, ein beängstigend auflösendes Verschwimmen von Struktur.

Musik als Religion

Die Musik nach der Pause kreist um religiöse Themen. Liszt hat Wagners "Feierlichen Marsch zum Heiligen Gral" aus dem Parsifal genial für Klavier gesetzt, Levit lockt reiche Orchesterfarben aus den Saiten, lässt die Gralsglocken in tiefschwarzen Bässen läuten. Dann Fantasie und Fuge über den Choral "Ad nos, ad salutarem undam", ein bekanntes Orgelwerk von Liszt, das Busoni für Klavier bearbeitet hat. Nach den vielen stillen Tönen zeigt Levit sein eruptiv-dramatisches Potenzial, das im Kontrast zu seinem ätherisch, fast hypnotischen Piano-Spiel noch atemberaubender wirkt. Wahrlich, ein großer Pianist!

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.