30.06.2017 - 13:22 Uhr
RegensburgOberpfalz

Neues Theaterstück von Joseph Berlinger Den Menschen auf die Schliche kommen

20 Jahre ist es mittlerweile her, dass das Velodrom in Regensburg wiedereröffnet wurde. Seither wird es als Spielstätte des Theaters genutzt. Dieses Jubiläum ist nun der Anlass, die Geschichte dieses Hauses zu erzählen, die untrennbar verbunden ist mit dem Namen seines Bauherrn Simon Oberdorfer.

von Peter GeigerProfil

Lange Zeit war er, 1872 als Sohn einer jüdischen Familie geboren, ein geachteter Bürger der Domstadt. Der Inhaber eines Fahrradgeschäfts und Gründer des "Radlervereins Wanderer" ließ sich 1898 in den Garten seines Anwesens am Arnulfsplatz diese Halle mit Radrennbahn hineinbauen. Dieser imposante Bau sollte sich bald als überregionaler Treffpunkt erweisen.

Aber Simon Oberdorfer verfügte über noch mehr Talente: Er war auch erfolgreicher Kunstradfahrer und Radfahrlehrer, Varietédirektor und Großveranstalter, später auch noch Kinobetreiber und Autohändler. Bis die Nazis 1933 an die Macht kamen und mit den antisemitischen "Nürnberger Gesetzen" sein Leben bedrohten. 1939 entschließt er sich zur Flucht, kauft für sich, seine Frau Hedwig und seinen Schwager Tickets bei der Hapag Schifffahrtsgesellschaft, für eine Passage mit der "St. Louis". Die steuert das kubanische Havanna an.

Fatalerweise wird ihnen dort die Landeerlaubnis verweigert - Oberdorfer wird 1943 von den Nazis im KZ Sobibor ermordet. Diese apokalyptische Odyssee ist der Ausgangspunkt für Autor und Regisseur Joseph Berlinger. Über viele Jahre hinweg hat er sich mit diesem Stoff beschäftigt, der jetzt in der mittlerweile dritten Produktion des "Bürgertheaters" auf die Bühne gebracht wird.

Wie sind Sie denn auf Simon Oberdorfer gestoßen?

Joseph Berlinger: Das war 1995. Egon Johannes Greipl, der damalige Regensburger Kulturreferent, hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, die Dollingersage als großes Theaterstück auf dem Regensburger Haidplatz zu inszenieren. Geprobt haben wir damals im Velodrom. In diesen Jahren vor der Restaurierung war das eine wunderbar kaputte Theaterhalle, die mich sehr inspiriert hat. Bis heute hat es die Stadt Regensburg nicht geschafft, der Freien Theaterszene etwas Ähnliches zur Verfügung zu stellen. Eine Halle, die funktioniert, aber nicht edel saniert ist.

Bisher sind Sie in Form eines Radiofeatures an Simon Oberdorfer und seine Biografie herangegangen - nunmehr aber holen Sie ihn als Figur auf die Bühne ...

Durch die Zusammenarbeit mit Eva Sixt bin ich nicht in Gefahr gekommen, mein Hörbuch lediglich zu bebildern. Das Stück, das wir gemeinsam geschrieben haben und jetzt inszenieren, ist etwas völlig Eigenständiges und Neues. Und bei dieser Arbeit ist etwas Kurioses passiert, wie von selber, ohne Absprache: Ich habe die Varieté-Szenen geschrieben, das Entertainment, und Eva hat die politisch und historisch brisanten Szenen geschrieben. Obwohl sie regelmäßig auf der Bühne steht. Aber Eva ist eben auch eine leidenschaftliche Detektivin, die forscht und heftig recherchiert, um den Menschen und den Verhältnissen auf die Schliche zu kommen. Ich hab dafür weniger Talent. Meine Szenen schreibe ich eher spontan und intuitiv.

Gibt es auch Überlieferungslücken, die mit fiktionalem Material gefüllt werden mussten?

"Mussten" ist das falsche Wort. Wir hatten eine große Freude dabei, Menschen, Szenen, Situationen zu erfinden. Aber auf der Basis der historischen Fakten. Wir haben den 50 Mitspielern des Bürgertheaters ihre Rollen auf den Leib geschrieben. Ein absolut unüblicher Vorgang: Nicht ein Stück zu schreiben und dann zu überlegen, wer was spielen könnte. Sondern sich fürs Schreiben inspirieren lassen von Gesichtern, Stimmen, Bewegungen, Haltungen. Von Menschen, die zum Teil noch nie auf einer großen Bühne standen.

Ein Theaterstück zu schreiben ist das eine - es zu inszenieren, etwas gänzlich anderes.

Ich arbeite seit 30 Jahren mit freien Gruppen, und da gab es diese Trennung selten. Und Eva ist seit 1991 fast immer dabei. Sie schreibt in den letzten Jahren zunehmend auch szenische Texte.

Oberdorfer war ein höchst moderner Mensch, jemand, der sich dem Geist seiner Zeit geöffnet hat ...

Als Varietédirektor hat er in seinem Velodrom ein Programm gemacht wie die großen Häuser in Wien oder Berlin. Und er war auch ein technischer Pionier. Er hat den Regensburgern das Radfahren beigebracht - das war damals nicht so einfach wie heute - er hat als einer der ersten ein Auto gehabt, später auch Autos verkauft, und war auch ein Flug-Pionier!

Was war denn Regensburg für eine Stadt, als Oberdorfer das Velodrom gründete?

war um 1900 tiefste Provinz. Der Glanz als Stadt des Immerwährenden Reichstags war lange verblasst. Simon Oberdorfer hat mit seinem Velodrom die Stadt aufgemischt. In der Anfangszeit durchaus mit Unterstützung der Stadt, die Anschluss finden wollte an die deutschen Metropolen. Aber sowas ruft natürlich auch Gegner auf den Plan: Neider, Spießer, Konkurrenten, Bürokraten ... und als Jude bekam er bald ganz besondere Probleme.

Rund 40 Jahre lebt und wirkt Simon Oberdorfer in Regensburg. 1939 sieht er sich zur Flucht gezwungen. Wie viel lässt sich an einem solchen Einzelfall lernen?

Ob man daraus "lernen" kann, wissen wir nicht. Aber erkennen könnte man einerseits, dass das Nazi-System die Regensburger Bevölkerung über weite Teile durchdrungen hat. Sobald es um den eigenen Vorteil ging, ums eigene Fortkommen, zählten weder Verdienste noch Loyalitäten. Das andere ist: Das Nazi-System fiel nicht vom heiteren Himmel. Viele ihrer Ideen hatten einen langen Vorlauf - und bestehen teilweise bis heute. Wir haben versucht, "die Nazis" nicht als fremde Macht zu begreifen, die über Regensburg herfällt, sondern als Bewegung aus der Mitte des Volkes.

Das Drama seiner Flucht entwickelt sich zur Odyssee - und schließlich landet Oberdorfer, der vergeblich nach Zuflucht sucht, wieder in Europa ...

Damit sitzt er dann endgültig in der Falle. Nachdem die Kubaner und die Amerikaner die jüdischen Passagiere der St. Louis in Havanna und in Miami nicht an Land gelassen haben, gab es nach verzweifelten Hilfegesuchen und Planspielen die Rettung: Die St. Louis musste zwar nach Europa zurück, durfte aber im scheinbar sicheren Antwerpen landen. Dort wurden die Passagiere auf vier Staaten verteilt: Belgien, Holland, Frankreich und England. Es war nur eine vorläufige Rettung, es war nur ein Zeitgewinn. Nazideutschland überfiel Frankreich, Belgien und Holland, und Oberdorfer und viele andere wurden in den KZs ermordet.

Sie bringen die Geschichte und das Drama des Simon Oberdorfer an jenen Ort zurück, dessen Errichtung ihm zu verdanken war. Was empfinden Sie dabei?

Es mag kitschig oder pathetisch klingen, aber es ist tatsächlich eine Art von Genugtuung. Es ist eine - lächerlich kleine - Form der Wiedergutmachung, indem wir uns seiner erinnern. Mit unserer Geschichte des Simon Oberdorfer lassen wir ihn und 936 weitere jüdische Passagiere für ein paar Theaterabende in seinem Velodrom wiederauferstehen.

Das Stück wird nicht von Profis gespielt, die ein paar Jahre in Regensburg engagiert sind und dann weiterziehen. Sondern es wird gespielt von Regensburger Bürgern, deren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern in den vier Jahrzehnten, die wir erzählen, hier gelebt haben. Die ins Velodrom gegangen sind, oder es gemieden haben, die sich von Oberdorfer das Radfahren beibringen ließen, und sich dabei vielleicht die Arme gebrochen haben, die ihn in den 30er Jahren im "Schutz der Bewegung" gemobbt, entrechtet, enteignet, vertrieben haben. Die vielleicht aber auch zu ihm gehalten haben.

Service

Das Stück "Hoffnung Havanna - Simon Oberdorfer und das Velodrom" ist an folgenden Terminen in Regensburg zu sehen:
Sonntag, 2. Juli (11 Uhr), Matinee (Neuhaussaal, Theater): Kostenlose Einführungsveranstaltung
Samstag, 8. Juli (19.30 Uhr), Premiere (Velodrom)
Sonntag, 9. Juli (19.30 Uhr), 2. Vorstellung (Velodrom)
Sonntag, 15. Oktober (16 Uhr), 3. Vorstellung (Velodrom)
Sonntag, 15. Oktober (19.30 Uhr), 4. Vorstellung (Velodrom)
Ort: Velodrom, Arnulfsplatz 4b, 93047 Regensburg
Karten: 0941/5072424 www.buergertheater-regensburg.de www.theaterregensburg.de

Bilder: Barbara Gietl (3)

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