Regensburger Historiker Ulf Brunnbauer über die Geschichte Südosteuropas
Lehren für den ganzen Kontinent

Der Regensburger Historiker Ulf Brunnbauer. Bild: IOS Regensburg
Kultur
Regensburg
16.02.2018
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Rückständig und arm, korrupt, Pulverfass: Klischees über Südosteuropa gibt es zuhauf, schmeichelhaft klingen die wenigsten. So auch die Vorstellung, dass die Region von Westen aus betrachtet schlicht unwichtig ist. Zwei, die ein ganz anderes Bild zeichnen, sind die Professoren Ulf Brunnbauer und Klaus Buchenau. Die Historiker der Uni Regensburg haben im Reclam-Verlag ihre "Geschichte Südosteuropas" veröffentlicht. Das Buch bietet einem breiten Publikum einen Überblick zur Region zwischen Rumänien, Slowenien und Griechenland, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Warum das durchaus relevant für den Westen ist, erläutert Brunnbauer, der auch Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg ist.

Krieg in Syrien. Der Aufstieg Chinas. Oder der unvermeidliche Donald Trump. Es gibt genug bedeutende Entwicklungen auf der Welt. Warum sollte ich mich auch noch auf 500 Seiten durch die Vergangenheit Südosteuropas wälzen?

Ulf Brunnbauer: Um Europa zu verstehen. Dessen Platz in der Welt begreift man nur, wenn man auch die Geschichte seiner Regionen kennt. Außerdem lässt sich aus der Vergangenheit des Südostens viel für ganz Europa heute lernen.

Was denn?

Zum Beispiel, wie in Europa Christen und Muslime jahrhundertelang - zumeist leidlich passabel - miteinander leben konnten: indem man religiöse Vielfalt anerkannte, was übrigens insbesondere das Osmanische Reich tat, das sich auf den Islam berief. Der Lohn dieser ethnischen und religiösen Vielfalt war eine besondere kulturelle Dynamik.

Rechtspopulisten werden da widersprechen.

Gerade sie könnten noch etwas lernen. Populisten heute beklagen ja immer wieder, Nationalstaaten würden ihre Souveränität verlieren. In Südosteuropa war das tatsächlich der Fall, über Jahrhunderte. Dort scheiterte Souveränität lange an Imperien, am Osmanischen und am Habsburgerreich. Deshalb entstand dort auch die Idee, die eigenen Interessen in einer südosteuropäischen Föderation zu verfolgen - statt als einzelne Nationalstaaten. Daraus ist aber nie etwas geworden. Mit dem Ergebnis, dass die Region immer geteilt war, selbst nach dem Ende des Habsburgerreichs. Und auch heute noch. Daraus könnte man also lernen, dass Solidarität zwischen Staaten ihnen am meisten nutzt. Auch wenn Populisten genau das nicht verstehen.

Die Vergangenheit und die Lehren daraus sind auch und gerade in Südosteuropa hoch umstritten. Warum?

Weil in einigen Ländern zentrale historische Fragen nicht geklärt sind und damit auch zentrale Fragen des Zusammenlebens unbeantwortet bleiben. Zum Beispiel die, ob das Kosovo ein eigener Staat ist oder nicht. Im Streit darüber wird immer wieder die Vergangenheit - oder zumindest historische Mythen - als Argument benutzt. Das zeigt, wie wirkmächtig Geschichte sein kann.

Gegner der Unabhängigkeit ist Serbien, dem die EU gerade erst eine konkrete Perspektive für einen Beitritt geboten hat. Lädt die EU sich damit nicht zu viele Probleme auf, auch historische?

Voraussetzung sollte schon sein, dass die Souveränität des Kosovo anerkannt wird. Außerdem muss sich Serbien auch innen noch stark reformieren. Aber unterm Strich macht die EU hier einen richtigen Schritt. Nur eine realistische Beitrittsperspektive hat auch schon bei anderen Staaten - auch in Südosteuropa - wirklich etwas in die richtige Richtung bewegt, zum Vorteil ihrer Bürger. Profitieren würde von einem Beitritt Serbiens aber auch die EU: Das wäre für eine dauerhafte Stabilisierung des Balkan wichtig. Schwarze Löcher dort kann sich keiner leisten.

Zurück zu Ihrem Buch: Was unterscheidet diese von den vielen anderen Geschichten Südosteuropas?

Die kulturelle und soziale Entwicklung wird stärker thematisiert. Geschichte ist eben nicht nur die Abfolge von politischen Ereignissen, sondern der Wandel von Gesellschaft. Und da haben selbst autoritäre Regime nur beschränkt Einfluss. Überhaupt zeigt die Geschichte der Region deutlich, wie stark stattdessen globale Prozesse wirken. Für ein Balkan-Dorf um 1900 war oft nicht so entscheidend, was die eigene Regierung so plante. Wichtiger war der Arbeitsmarkt in den USA, weil die jungen Leute nach Amerika auswanderten und von dort Geld schickten. Solche Fragen der globalen Zusammenhänge, insbesondere in Sachen Migration, sind auch über 100 Jahre später noch aktuell, nicht nur am Balkan. Da hat sich eigentlich wenig verändert.

Trotz aller Gesellschaftsgeschichte: Gibt es eine Persönlichkeit, die beispielhaft für Südosteuropa steht?

Vielleicht Josip Broz. Er ist 1892 in eine arme Bauernfamilie im kroatisch-slowenischen Grenzgebiet geboren worden. Der Junge bekam gerade mal vier Jahre Schulbildung. Um Arbeit zu finden, unter anderem bei Skoda und Daimler, musste er seine Heimat verlassen. So wie heute noch viele Südosteuropäer. Er hat erlebt, was Marginalisierung einer Region und Unterdrückung bedeuten. Aber das war auch der Antrieb für seine Vision: Er wollte die Bevölkerung Jugoslawiens in ein selbstbestimmtes Leben führen. Er ist dann wirklich Staatschef geworden. Sie kennen ihn unter seinem Kampfnamen Tito. Und Sie wissen, welche Folgen seine Vision und deren Scheitern am Ende auch für den Westen hatten.

Ulf Brunnbauer, Klaus Buchenau: Geschichte Südosteuropas, 511 Seiten, 7 Karten, gebundene Ausgabe, ist erschienen bei Reclam und kostet 34 Euro.
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