10.10.2006 - 00:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Regensburger Theater am Haidplatz inszeniert Peter Turrinis "Alpenglühen" gelungen und ... Zwischen Wirklichkeit, Täuschung und Illusion

von Susanne WolkeProfil

Wer sind wir? Wo kommen wir her? Machen wir anderen und uns selber nur etwas vor? Um die Frage nach Wirklichkeit oder Illusion geht es derzeit im Regensburger Theater am Haidplatz. Am Samstag hatte dort Peter Turrinis "Alpenglühen" Premiere. Drei Hauptpersonen gibt es in dem Stück - und dabei eine stattliche Anzahl verschiedener Identitäten.

Bedürfnis nach Gesellschaft

Da ist zunächst "Der Blinde", ein alter, einsamer, gebildeter Mann - grandios gespielt von Florian Münzer. Hoch in den österreichischen Alpen muss er seinen Lebensunterhalt damit verdienen, dass er für Touristen Tierstimmen imitiert. Die einzige Bezugsperson des Alten ist "Der Junge" (Valentin Stroh), der ihn mit Lebensmitteln versorgt. Geistig zurückgeblieben und zu keiner Unterhaltung fähig, erfüllt dieser nicht das Bedürfnis des Blinden nach anregender Gesellschaft. Daher hat der Alte auch einen Antrag an den Blindenverband gestellt: Eine Frau wünscht er sich hier oben in seiner Einsamkeit. Und zwar "eine wie ich, die die Literatur liebt - eine Studentin vielleicht -, und mit der geistreiche Gespräche zu führen sind". Eine Frau taucht schließlich auch auf. Allerdings keine literarisch versierte Studentin, sondern die etwa 50-jährige grell geschminkte Prostituierte Jasmine (Silvia Rhode), die den Blinden zunächst mit anzüglichen Bemerkungen schockiert.

Dennoch zeigt sich dieser nach anfänglicher Irritation durchaus angetan und will die Dame sogar vom Fleck weg heiraten. Dabei kommt es zu Querelen mit dem Jungen, der sich ebenfalls zu der weiblichen Erscheinung inmitten der einsamen Bergwelt hingezogen führt.

So weit, so gut. Doch Peter Turrini, als Skandalautor bekannt, dessen Themen sich auf Selbstentfremdung, Vereinsamung, Liebesunfähigkeit und Liebessehnsucht zentrieren, und der keine Mittel auslässt, um das Publikum zu schockieren, belässt es nicht bei solch locker-amüsanter Unterhaltung. Das Stück bleibt nicht bei seinem komödienhaften Ansatz. Kaum scheinen die Fronten geklärt - einsamer Alter, der sich in eine Hure verliebt und dabei mit einem Bauernbub konkurriert - stellt sich alles als großer Irrtum heraus.

Zunächst gibt Jasmine ihre wahre Identität als frustrierte, vom Leben gelangweilte Sekretärin preis. Doch auch der Alte hat ihr etwas vorgespielt: Er gibt zu, sein Augenlicht nicht, wie vorher behauptet, als junger Journalist beim Beobachten einer Atombombenexplosion verloren zu haben, sondern bei einem Anschlag, den er - in Wahrheit ein ehemaliger Nazi - einst verübt hat.

Aber auch die beiden neuen, nun vermeintlich wahren Charaktere der beiden Hauptdarsteller erweisen sich als falsch: Jasmine outet sich schließlich als erfolglose Schauspielerin, die ihre letzte Chance bei dem Alten sieht, der, wie sich nun herausstellt, in Wirklichkeit Regisseur ist.

Wer sind der Mann und die Frau wirklich? Wo kommen sie her? Was machen sie dem Publikum und sich selber vor? Wirklichkeit oder Illusion? Sowohl der Blinde - oder ist er vielleicht gar nicht blind? - als auch Jasmine verwischen hier die Grenzen. An ihren Träumen gescheitert, verbergen sie ihre Fehler und unerfüllten Sehnsüchte hinter einer Fassade, die sie letztendlich doch nicht halten können.

Weiße Wandschirme

Im wahrsten Sinne des Wortes verstecken können sich die Akteure bei der überaus gelungenen Regensburger Inszenierung hinter den "Fassaden" des Bühnenbildes: große weiße Wandschirme, die es im Übrigen dem Zuschauer selbst überlassen, seine Vorstellungen von der Szenerie darauf zu projizieren. Auch hier ersetzt die Illusion die Wirklichkeit.

Zwischen Sein und Schein schwanken mitunter auch die Dialoge zwischen dem Blinden und Jasmine. Wenn die beiden sich gegenseitig aus "Romeo und Julia" zitieren, sind die Übergänge zwischen Poesie und eigenen Gedanken stellenweise fließend. Andererseits scheint Shakespeares Dichtung das einzig Wahrhafte und Ehrliche zu sein in dieser Welt der Fassaden und Täuschungen, die doch auch sehr an die Realität erinnert.

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