Schlippenbach-Trio im Leeren Beutel
Geboren aus dem Augenblick

Drei Herren im Rentenalter: Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lytton (von links). Ihre Musik wirkt noch immer jung, unverbraucht und spannend wie am ersten Tag. Bild: Reitz
Kultur
Regensburg
14.12.2016
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Alexander von Schlippenbach hat einen eigenen und unverkennbaren Klavier-Stil entwickelt und ein wichtiges Kapitel des europäischen Jazz mitgeschrieben. In den 70er Jahren galt er als Enfant Terrible der europäischen Jazzszene, seit 45 Jahren bürgt sein Trio für freie Musik aus erster Hand.

Die Finger huschen forschend über die Klaviertasten, das Schlagzeug gesellt sich mit pulsierende Rhythmen vorsichtig dazu. Die Lautstärke schwillt an und das Saxofon klinkt sich ein. Melodien und Rhythmen verzahnen sich zu einem energetisch geladenen Klanggebilde, nähern sich an und gehen wieder auseinander, laufen parallel oder versickern in der Stille. Vom lautstarken Powerplay bis zum intimen Dialog oder Selbstgespräch wechselt das Klangerlebnis. Musik, die ihren eigenen Dynamik folgt, unvorhersehbar, faszinierend und zeitlos.

Pionier des Freejazz

Alexander von Schlippenbach gehört zu den Pionieren des Freejazz in Europa. Mit atonaler und provokanter Musik erkämpfte man sich in den 1960er Jahren ein Stück Freiheit in der etablierten Musikszene. Als "Totengräber des Jazz" wurden er und seine Mitstreiter beschimpft. "Als ich damals das erste Konzert mit Schlippenbach veranstaltete, hatte ich Angst um unser neues Klavier, aber das Klavier lebt noch heute", stellt Winfried Freisleben, Vorsitzender vom Jazzclub Regensburg, den exzentrischen Musiker im "Leeren Beutel" vor.

Die Zeiten haben sich geändert. Freie Ausdrucksformen und Spieltechniken sind in allen Bereichen der Musik hoffähig geworden. Der Hörer braucht keinen durchgehenden Beat oder starre Liedformen, keine immer wiederkehrenden Melodien oder festgefügte Kompositionen. Die Musik entsteht aus dem Augenblick und aus der Historie der Musiker.

Seit 45 Jahren ist das Trio Schlippenbach-Parker-Lovens ein Synonym für Kollektivimprovisation auf höchstem Niveau. Der Schlagzeuger Paul Lovens ist zwar nicht dabei, aber Paul Lytton ist mehr als ein Ersatz. Es ist ein langjähriger Weggefährte und spielte schon in den 70er Jahren im Duo mit Evan Parker oder auch neben Paul Lovens in Schlippenbachs "Globe Unity Orchestra". Neben dem konventionellen Drumset kommen auch unorthodoxe Klangerzeuger wie Holzblöcke oder Dosen zum Einsatz, sein Spiel ist durchsichtig und lässt viel Freiraum. Mit viel Gespür für Dynamik und Strukturen hält er die Spannung aufrecht, ein "Teamplayer" erster Güte.

Evan Parker ist ein charismatischer Instrumentalist. Er bläst sein Horn konzentriert und setzt Überblastechniken, Zirkularatmung oder Klappengeräusche kontrolliert ein. Wie selbstverständlich entwickeln sich Melodien und Klanggebilde, da blitzen auch mal Melodiefetzen von Thelonious Monk oder Wayne Shorter auf, eher zufällig oder beiläufig. In leisen, unbegleiteten Passagen kommt der volle, runde Klang seines Instruments voll zur Geltung.

Keine Verstärkung

80 Minuten dauert der Auftritt. Ohne Zwischenapplaus oder Pausen vergeht die Zeit wie im Flug, vom ersten bis zum letzten Ton wird die Spannung aufrecht erhalten. Ruhige Solopassagen wechseln mit rasenden Bassfiguren der linken Hand, es darf auch mal so richtig "swingen". Das Trio verzichtet auf jegliche elektrische Verstärkung, Mischpult, Lautsprecher und Mikrofone sind nicht nötig. Der natürliche Klang der Instrumente ist ein Erlebnis der besonderen Art, und auch leiseste Passagen kommen voll zur Geltung. Kammermusik im besten Sinn.

Eine kurze Zugabe beendet das herausragende Konzert mit drei faszinierenden Persönlichkeiten der freien Szene. Das Schreckgespenst "Freejazz" hat seine Schrecken verloren.
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