03.10.2006 - 00:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Sehenswerte Premiere von Dürrenmatts "Die Physiker" im Regensburger Velodrom Drei Verrückte wollen an die Macht

von Susanne WolkeProfil

Wieder einmal stehen sich Newton, Einstein und Möbius gegenüber: Mit Friedrich Dürrenmatts Tragikkomödie "Die Physiker" greift das Velodrom in Regensburg eines der meistgespielten Stücke des 20. Jahrhunderts auf: Zu Zeiten des Kalten Krieges leben in einer gehobenen psychiatrischen Anstalt "die Physiker", drei vermeintlich Verrückte, bei denen es sich in Wirklichkeit um hochrangige Wissenschaftler handelt.

Die Inszenierung von Michael Bleiziffer hält sich streng an die Vorgaben Dürrenmatts. Da ist Johann Wilhelm Möbius (Oliver Severin). Der Physiker hat Formeln entdeckt, die in falschen Händen die Welt vernichten könnten. Um diese Katastrophe abzulenken, will er das Gefahrenpotential - Formeln samt sich selbst - im Irrenhaus vor der Welt wegsperren. Also spielt er den Geistesgestörten und behauptet, dass ihm König Salomo erscheine.

Westen gegen Osten

Auf der anderen Seite stehen sich Alec Jasper Kilton (Michael Haake) und Joseph Eisler (Hubert Schedlbauer) gegenüber. Der eine arbeitet für einen westlichen Geheimdienst, der andere steht im Dienst des östlichen Machtblocks. Jeder von beiden hat den Auftrag, Möbius für sein Lager zu gewinnen.

Um inkognito auftreten zu können, haben sich die beiden ebenfalls die Fassade von Verrückten zugelegt: Kilton gibt vor, sich für Newton zu halten. Ein vergilbtes barockes Kostüm samt Perücke über seine grellblauen Jogginghosen geworfen, schlurft er in Hausschuhen durch die Anstalt. Eisler dagegen tritt als Einstein auf und kopiert diesen völlig - von der wirren Frisur bis zur herausgestreckten Zunge.

Die einzig wirklich Irre in der Anstalt ist allerdings deren Leiterin, Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Sie wird von Doris Dubiel als herrschsüchtiges Mannweib gegeben. Gerade als Möbius die beiden anderen Physiker davon überzeugt hat, zur Vermeidung einer globalen Katastrophe weiterhin in der Psychiatrie zu bleiben, stellt sich heraus, dass das Fräulein dessen entscheidende Formeln kopiert hat.

Nun ist die Anstaltsleiterin in Begriff, ein bedrohliches Imperium aufzubauen. Unterstützt wird sie dabei von ihren Wärtern - treudoof dreinblickenden Muskelpaketen, die entweder breitbeinig dastehend auf Befehle warten oder in James-Bond-Manier mittels Funkgeräten die Ergreifung der Weltherrschaft vorbereiten.

Dürrenmatts Stück ist eine Groteske, die den Kalten Krieg mit Humor behandelt. "Die Sprache der Freiheit in unserer Zeit ist der Humor", hat der Dichter einmal gesagt. "Und sei es auch nur der Galgenhumor, denn diese Sprache setzt eine Überlegenheit voraus auch da, wo der Mensch, der sie spricht, unterlegen ist."

Witz und Ironie

Der Humor kommt auch in der Regensburger Inszenierung nicht zu kurz. Vor allem in Randszenen nehmen sich die Schauspieler gewisse Freiheiten für Witz und Ironie. So überzeugt Martin Hofer als Kriminalinspektor Richard Voß mit einwandfreiem Schweizerdeutsch. Publikumsapplaus erntet auch die im graubraunen Häkellook auftretende Familie Möbius: Die von Silke Heise als biedere Exgattin gemimte Lina Rose besucht Möbius in der Anstalt. Im Schlepptau führt sie ihren neuen Mann, den schmächtigen Missionar Oskar Rose (Heinz Müller) und - in Karohemd, Pullunder und Bügelfaltenhose der Größe nach geordnet und hauptsächlich im Chor sprechend - die drei Söhne.

Das Bühnenbild Schwankt zwischen moderner Inszenierung und altertümlichen Requisiten. So kontrastiert die durch Lichtprojektion in Szene gesetzte Schweizer Landschaft im Hintergrund mit zwei Stufen aus imitiertem Tuffstein und Plastikpflanzen im Vordergrund. Insgesamt garantiert das Stück eine kurzweilige Abendunterhaltung.

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