„Tage Alter Musik“ in Regensburg: Bach und Händel
Offener Himmel über Regensburg

Das "Solomon's Knot Baroque Collectiv" mit seinem Chef Jonathan Sells (rechts). Bild: Tage Alter Musik Regensburg
Kultur
Regensburg
06.06.2017
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Zwei Konzerte der "Tage Alter Musik" kreisen am Samstag um die gleichaltrigen Barockmeister Bach und Händel. "Alia Mens" erringen mit ihrem Bach-Kantatenkonzert in der Alten Kapelle Achtung. Das "Solomon's Knot Baroque Collectiv" wirkt beim "Messiah" in der Dreieinigkeitskirche schier ein umjubeltes Wunder.

Olivier Spilmont (Lille) hat drei Kantaten ausgewählt: BWV 12 "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen", achtsam gestaltet die Schmerz- und Seufzer-Affekte. BWV 18 "Gleich wie der Schnee vom Himmel fällt", in still ergebenem Gottvertrauen. BWV 106 "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit", der "Actus Tragicus" wie eine gedankenschwere Meditation über den Tod als Tor zum Himmel. Bestechend die Perfektion und Transparenz von "Alia Mens", die lichtklare Sopranistin Maïlys de Villoutreys ragt heraus, Nachsicht dem eingesprungenen Tenor. Und dennoch: Spilmont - unprofessionell sein stummes Mitartikulieren bei Instrumentalpassagen - scheint Bach nur mit Samthandschuhen anzupacken, sein dämpfendes Dirigat lässt der Musizierfreude wenig Freiraum, sollte er das Ensemble nicht besser vom Cembalo aus leiten? Man möchte den Hut ziehen, aber nicht begeistert hochwerfen.

Charismatischer Appell

Ganz anders abends in der Dreieinigkeitskirche: Das "Solomon's Knot Baroque Collective" aus London setzt mit der Dubliner Fassung des "Messiah" von Händel (1742) überschäumende Begeisterung frei. Auf Details dieser Version kann hier nicht eingegangen werden, sie ist für kleine Besetzung modifiziert, die acht Sängerinnen und Sänger sind exzellente Solisten und Choristen in Personalunion, den Alt singen Frauenstimme und Countertenor. Sensationell: Sie musizieren in den zweieinhalb Stunden nicht nur ihre Soli, sondern auch alle Chorpartien auswendig.

Sie singen überirdisch schön A cappella ("And with His Stripes we are healed"), sie sprechen glasklar, ihre hochvirtuosen Koloraturen kommen mit nie gehörter konzentrierter Leichtigkeit daher und immer ist noch Raum für deren musikalische Gestaltung. Je nach Bedarf treten sie vor das hinreißend spielende Ensemble, man musiziert ohne Dirigent auf Blickkontakt. Spiritus Rector ist der Bassist Simon Robinson, mit "Thus saith the Lord" liefert er einen dramatischen Einstand mit beeindruckender Autorität.

Vom ersten Ton bis zum "Amen" rauben die exzeptionelle Musikalität, das Charisma, die dichte Kommunikation untereinander und mit dem Publikum, die Vitalität, die Sing- und Spielfreude der Engländer schier den Atem. Die spirituell erfüllte Aufführung rührt wie selten an die Substanz.

Licht- und Klangwunder

Stellvertretend seien zwei "Wunder" des Abends beleuchtet: Eine Magie des Zufalls - Jonathan Sells singt, wie das im Dunkeln wandelnde Volk ein Licht erblickt und eben da wird er durch ein Fenster von der untergehenden Sonne golden beleuchtet.

Und das "Halleluja"? Es jubiliert dynamisch überreich schattiert in erhabener Größe und aristokratischer Würde, doch ohne das hierzulande so beliebte "teutonische Triumphgeschrei". "Ich glaubte den Himmel offen zu sehen", soll Händel beim Komponieren geäußert haben. Nach dieser denkwürdigen Aufführung kann man das nachvollziehen. Tief bewegt, ja aufgewühlt das Publikum, tumultartige Ovationen.

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Weitere Informationen:

www.solomonsknotcollective.com
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