Thomas Hengelbrock und seine Hamburger Musiker faszinieren mit überragender Orchesterkultur
Elbphilharmoniker am Donaustrand

Ihre Heimat ist die 2017 eröffnete, schon heute legendäre Elbphilharmonie. Das NDR-Elbphilharmonie-Orchester zeigt sich außerordentlich stilsicher bei Mozart wie Mahler. Bild: Marcus Höhn
Kultur
Regensburg
06.03.2018
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Von Peter K. Donhauser

Regensburg . Das Genre "Symphonik" haben die Odeon Concerte in dieser Saison opulent bestückt. Am Montag war eines der bedeutenden Rundfunkensembles zu Gast: Das NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Thomas Hengelbrock. Sie spielten Mahlers 5. Sinfonie und Mozarts c-Moll-Konzert KV 491, am Klavier Piotr Anderszewski.

Die Karriere des Thomas Hengelbrock (59) ist nicht alltäglich: Als gelernter Violinist hat er im stilprägenden Concentus Musicus Wien beim großen Nikolaus Harnoncourt musiziert. Beeindruckend welch reiche Früchte historisch informiertes Spiel auch bei einem traditionellen Orchester tragen kann! Dank jahrelanger Partnerschaft verstehen sich Musiker und Dirigent wie traumwandlerisch. Hengelbrock hat mit feinster Detailarbeit jedes Motiv, jede Phrase selbst in der verborgensten Stimme heraus ziseliert. Ohne Stab dirigiert er schier mehr mit Augen als mit Händen - hierin Harnoncourt nicht unähnlich. Plastisch wie ein Relief gestaltet er Rhetorik und Artikulation, lässt Streicher wie Bläser in weich-österreichischem Dialekt sprechen, wunderbar deutlich zeichnet die mit Holzschlegeln bediente Pauke.

Mozart offenbart sich

Hengelbrock hat mit Piotr Anderszewski einen Seelen-Verwandten aufgespürt, dieser findet bei KV 491 eine überzeugende Balance zwischen weich singenden Steinway-Klavierfarben und hochsensibel artikulierter "Klangrede". Solist, Orchester, Dirigent musizieren in exemplarisch kammermusikalischem Teamplay. Sie loten die Tiefen dieses harmonisch zukunftsweisenden Werkes aus, mit dem sich Mozart von lediglich gefälliger "Unterhaltungsmusik" weg bewegte. Bestens angepasst an die Akustik im Audimax kommt die Musik klar, hochdramatisch, emotional berührend, verschattet, auch mit leidvollen, tragischen, fatalistischen Untertönen über die Rampe. Als Solo-Zugabe Beethovens Bagatelle G-Dur op. 126/1.

Fin de Siècle in Wien

Den wienerischen Ton treffen Hengelbrock und seine Hamburger Jungs und Mädels auch bei Mahlers monumentaler 5. Sinfonie (1901). Den sinnlichen cremig-weichen, nie scharfen Fonds liefern die vorzüglichen Streicher. Die perfekt integrierten Bläser beherrschen sowohl einen homogenen Ensembleklang wie auch die anspruchsvollen solistischen Herausforderungen (Trompete, Horn).

So erleben wir eine Art Bestandsaufnahme Wiener Kultur um die Jahrhundertwende: Düster-gespenstige Trauer, ironische Walzerseligkeit, authentische wie verfremdete Folklore verschiedener Kulturen, den Blick in dämonische Abgründe, große (nie larmoyant präsentierte) Gefühle im bekannten Adagietto. Eine Gratwanderung zwischen Klarheit, schwankender Tonalität und Chaos. Mit großer Souveränität steuert Hengelbrock sein "Hamburger Schiff" über alle Donau-Strudel, Ovationen für diese Symphonik der Extraklasse!
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