18.04.2009 - 00:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Bayernfeldzug Napoleons vor 200 Jahren hinterließ in Regensburg deutliche Spuren Streifschuss trifft den Kaiser

Napoleon vor Regensburg, dargestellt von Albrecht Adam. Repros: Wolke (3)
von Susanne WolkeProfil

Bezeichnenderweise hat Franz Niedermayer keinen Orden von Napoleon III. erhalten. Als der bayerische Major im Jahre 1855 den so genannten Napoleonstein im Süden der Stadt Regensburg aufstellen ließ, würdigte Frankreich dies lediglich mit einem Dankschreiben aus der Feder eines untergeordneten Beamten. Der Grund für die mangelnde Begeisterung: Mit dem gut gemeinten Denkmal traf Niedermayer die Grande Nation an einer empfindlichen Stelle.

Dass der eigentliche Napoleon vor den Toren Regensburgs verletzt wurde, konnte nicht geheim gehalten werden. Zu viele Zeitzeugen haben dieses denkwürdige Ereignis, das die Unverwundbarkeit des Feldherrngenies widerlegte, gesehen und bildlich und schriftlich festgehalten. Mit langer Fürsorge durch seine Leibärzte hat sich der durch einen Streifschuss am Fuß getroffene Kaiser aber nicht aufgehalten - und schon gar nicht auf dem Napoleonstein sitzend, dessen Gedenktafel dies fälschlicherweise behauptet. "Cela ne fait rien! - Das macht nichts !", soll Napoleon gerufen haben, bevor er notdürftig verbunden erneut in den Sattel sprang, um seinen Soldaten beizustehen.
Am 23. April 1809 beobachtete Napoleon von der Anhöhe südlich der Stadt aus die Schlacht um Regensburg. Seit einigen Tagen führte er einen Krieg gegen Österreich, der auf bayrischem Boden ausgetragen wurde. Die Hintergründe: In der Hoffnung, den durch politische Fehlentscheidungen geschwächten Napoleon schlagen zu können, muckte Österreich nach einer Reihe von Konflikten erneut auf. Kaiser Franz, den Napoleon drei Jahre zuvor um die Krone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gebracht hatte, rüstete zum Krieg.

Doch in Bayern waren die Österreicher mindestens ebenso unbeliebt wie die Franzosen in Österreich. Schon 1805 hatte sich Bayern mit Frankreich verbündet, war daraufhin von Napoleon mit der Königskrone belohnt worden und hatte durch den Volksmund bekannt: "Ich glaube an den Kaiser Napoleon, mächtiger Schöpfer der Republiken und Königreiche und an Maximilian Joseph, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn". Auch im fünften Koalitionskrieg zwischen Österreich und den Truppen des Rheinbundes hielt Bayern seinem neuen Gott die Treue.
Als Napoleon vor Regensburg stand, hatte er die Österreicher bereits bei Abensberg, Landshut und Eggmühl siegreich geschlagen. Nun galt es, den Feind aus der Donaustadt zu vertreiben, wo er sich mit fast 4000 Mann verschanzt hatte. Einfach war dies nicht. Denn die mittelalterliche Wehranlage, die der reichsstädtische Magistrat erst kurz zuvor für unbrauchbar erklärt hatte, belehrte sowohl die voreiligen Gutachter als auch die Franzosen eines besseren: Die mittlerweile mit Spazierwegen ausgestatteten Wallanlagen und der als Gemüsegarten genutzte Stadtgraben stellten für die französischen Truppen ein ernsthaftes Hindernis dar. Mangels Sturmleitern mussten zunächst Leitern aus den umliegenden Dörfern beschafft und zu solchen umfunktioniert werden.

Erst als bayrische Kanoniere eine Lücke in die Stadtmauer geschossen hatten - etwa dort, wo heute das Gebäude der Industrie- und Handelskammer steht - drangen französische Adjutanten in die Stadt ein. Sie sprengten das nahe gelegene Peterstor, ließen die Zugbrücke herab - und kurz vor Anbruch der Dunkelheit ritt das 85. Regiment unter Marschall Lannes in Regensburg ein.

Frei für Plünderung

Für die Einwohner der Stadt bedeutete dies keine Besserung. Stadtamhof und Steinweg standen in Flammen, die Stadt wurde zur Plünderung freigegeben. In der Feuerhölle ereigneten sich zahlreiche Einzelschicksale. Wie das des verängstigten Buchbinderlehrlings, den sein Meister fortgeschickt hatte, und der mit einem Laib Brot an die Brust gedrückt durch die brennende Stadt irrte - Friedrich Pustet entkam dem Inferno und wurde später zum bedeutenden Verlagsgründer. Französische Offiziere legten sich in fremde Betten und gaben den Befehl, erst dann geweckt zu werden, wenn der Brand das Nachbarhaus erreicht habe. Währenddessen wurde der Nordturm der Steinernen Brücke so sehr beschädigt, dass er ein Jahr später abgebrochen werden musste.

Dass damals nicht die ganze Stadt niedergebannt ist, ist vielleicht dem Grafen Rechberg zu verdanken. Der bayrische Diplomat, der in dieser Nacht Vater eines gesunden Knaben wurde, soll sich kurzerhand den Hut eines bayrischen Generals aufgesetzt und eine alte Paradeuniform angezogen haben. Die französischen Soldaten hielten ihn in dieser Verkleidung für Kronprinz Ludwig und ließen sich von ihm zum Löscheinsatz führen. So zumindest beschreibt es der Domherr Graf Sternberg in seinen Erinnerungen.
Napoleon versprach der schwer geschädigten Stadt später eine Entschädigung in Höhe von zwei Millionen Franken. Bezahlt wurde diese Summe nie, auch nicht nach dem Frieden von Schönbrunn, der dem Krieg am 14. Oktober 1809 ein Ende setzte. Nichtsdestotrotz erinnern zahlreiche Gedenkstätten in Regensburg an Napoleon Bonaparte: neben dem Napoleonstein auch eine Gedenktafel in Karthaus-Prüll, wo der Feldherr am 23. April 1809 sein Hauptquartier bezog. Ein Erker über dieser Tafel wird "Napoleon-Erker" genannt, das Zimmer, in dem der Kaiser einst nächtigte, "Napoleon-Zimmer".

Eine Tafel hängt auch an der ehemaligen Dalberg-Residenz am Domplatz, wo Napoleon nach seinem Einzug in Regensburg vom 24. auf den 26. April residierte. Ferner gibt es den im Empirestil errichteten Napoleons-Saal in der Neuen Waag am Haidplatz. An die Beschießung von Steinweg und Stadtamhof gemahnt ein kleines Denkmal auf den Winzerer Höhen.

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