19.07.2017 - 16:46 Uhr
RegensburgOberpfalz

Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller Der Papst ist auch nur ein Mensch

Nach dem überraschenden Verlust eines der wichtigsten Ämter im Vatikan spricht der deutsche Kardinal Müller über seine Sicht der Dinge. Ein Besuch bei einem, der sich noch nicht am Ende seiner Karriere sieht.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller (links) überragt Papst Franziskus. Auch der Ruf des Deutschen als Theologe ist bestechender als der des Oberhaupts der Katholischen Kirche. Bild: Claudio Peri/ANSA/dpa
von Agentur DPAProfil

Von Annette Reuther und Lena Klimkeit, dpa

Rom/Regensburg. Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat gerade seinen Posten als Leiter der mächtigen Glaubenskongregation im Vatikan verloren. In einem dpa-Interview spricht der 69-jährige ehemalige Regensburger Bischof über seine Enttäuschung, über Schmeichler im Vatikan, über Missbrauch und über die Ehe für alle. dpa fasst das Gespräch, das am 10. Juli geführt wurde, in Auszügen zusammen:

Wie haben Sie davon erfahren, dass Papst Franziskus ihre Amtszeit nicht verlängert?

Kardinal Müller: Es war eine normale Arbeitsaudienz, in der die Vorlagen aus den drei Abteilungen der Kongregation besprochen wurden. Und am Schluss wurde mir mitgeteilt, dass nach Ablauf der fünf Jahre, für die ich zum Präfekten bestellt worden war, mein bisheriger Stellvertreter mein Nachfolger sein wird.

Kennen Sie die Gründe für die Entscheidung?

Kardinal Müller: Von interessierten Seiten wurden angebliche Spannungen ins Gerede gebracht. Der Papst hat mir jedoch immer wieder versichert, dass er diesen Gerüchten keinen Glauben schenkt und mir voll vertraut. Es ist das Recht des Papstes, die hohen Kurienämter nach seinem Gutdünken zu besetzen.

Sie selbst wurden also nicht über die Gründe informiert?

Kardinal Müller: Ich weiß keinen Grund. Manche Zeitungen haben geschrieben, es sei die Softlinie, was sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker angeht. Die Kongregation hat jedoch trotz mancher Einmischungsversuche immer die Nulltoleranz-Linie vertreten, wie sie die letzten drei Päpste gemäß den Strafbestimmungen des Kirchenrechtes vorgegeben haben. Der Papst hat auf meinen Vorschlag hin Kardinal O'Malley, den Vorsitzenden der Päpstlichen Kommission für den Schutz Minderjähriger, als Mitglied in der Vollversammlung der Glaubenskongregation berufen.

Wie haben Sie die Entscheidung empfunden, waren Sie enttäuscht?

Kardinal Müller: Was das bedeutet, kann sich jeder denken. Ich habe auf eine pastoral sehr gut dastehende Diözese verzichtet. Ich bin von Papst Benedikt nur für dieses Amt nach Rom berufen worden. Davon kann man normalerweise ausgehen, dass das bis zum 75. Lebensjahr reicht. Aber es ist jetzt so verfügt worden. Für mich bricht nicht die Welt zusammen. Ich kann weiterhin vieles tun für die Kirche. Die Aufgabe der Kongregation, den katholischen Glauben in der ganzen Welt zu fördern und zu verteidigen, gilt für jeden Bischof und besonders für die Kardinäle der römischen Kirche.

(Müller spricht an dieser Stelle auch über die Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation)

Insgesamt muss man hier im Zuge der Kurienreform wirklich mal überlegen, wie man umgeht mit unseren Mitarbeitern der mittleren Ebene, vor allem mit den Priestern, was auch den Kündigungsschutz betrifft. Das ist sicher nicht nur ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis, aber deshalb gilt die Fürsorgepflicht umso mehr. Wir müssen hier Vorbild sein. Für die altgedienten Kurienmitarbeiter müsste man zum Beispiel ein Seniorenheim parat haben. Die soziale Absicherung und die Alters-, Kranken- und Pflegeversicherung sind ausbaufähig.

Muss das Papst Franziskus durchsetzen?

Kardinal Müller: Papst Franziskus ist sozusagen nur an der obersten Stelle, aber es gibt auch noch andere Ebenen der Verantwortlichkeit. Brüderlichkeit ist mehr als eine schöne Floskel ohne praktische Konsequenzen. Ein Betriebsklima des Respekts und der Anerkennung schadet gewiss nicht der Effizienz und Zügigkeit der Arbeit.

Kommt für Sie eine Rückkehr nach Deutschland in Frage?

Kardinal Müller: Was soll ich jetzt in Deutschland, da habe ich alles aufgegeben für den Dienst an der Weltkirche in Rom. Ich habe in Rom meine Titelkirche und das ist für jetzt mein Standort.

Einerseits wurde als Grund der Umgang mit Missbrauch genannt, aber andererseits auch, dass Sie in Ihrer Amtszeit als konservativer Gegner von Franziskus beschrieben wurden.

Kardinal Müller: Ich glaube, ich war in meinem Leben nie konservativ oder ein Hardliner. Das geistige und religiöse Leben in konservativ und progressiv einzuteilen, ist ein Armutszeugnis und verrät nur die Aggression derer, die lieber andere diskriminieren, statt sich mit ihnen argumentativ auseinanderzusetzen. Das sind politische und ideologische Begriffe, die dann in die Kirche hineingetragen werden und ihre Natur verfälschen und ihre Sendung behindern. Glaubenswahrheiten sind wahr oder falsch und das sittliche Handeln des Menschen ist gut oder böse, aber nicht konservativ oder progressiv. Aber die Kirche ist eben kein politischer Verband, sie ist eine Gemeinschaft des Heils, von Jesus Christus gegründet als Sakrament, um die Menschen zum innersten Sinn ihres Lebens in Gott zu führen. Von daher ist das grundfalsch und auch schädlich für die Kirche, wenn alles das, was in der Kirche geschieht, mit politischen und ideologischen Kategorien beurteilt wird. Wir als Geistliche sollen uns nicht als Hilfspolitiker betätigen.

Es gibt innerhalb der Kirche strittige Themen wie "Amoris Laetitia", das Schreiben des Papstes zu Liebe und Familie, insbesondere über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.

Kardinal Müller: : Ich muss sehr bedauern, dass es in der Rezeption von "Amoris Laetitia" so gegensätzliche und dissonante Stimmen gibt, die die Einheit der Kirche bedrohen und die Wahrheit des Evangeliums verdunkeln.

Erfordert die Realität nicht manchmal mehr Pragmatismus als das, was die Kirche vorschreibt?

Kardinal Müller: : Gott ist das Maß der Realität. Und nicht einfach das, was faktisch ist. Was tatsächlich besteht, ist nicht automatisch gut. Christus ist gekommen, um uns von Selbstbezogenheit, Sünde und Tod zu befreien und eine neue Welt zu schaffen. Wenn Kinder allein gelassen werden von ihren Eltern, dann ist das eine Tatsache, aber eben eine traurige Tatsache, die Schmerz und Leiden bereitet. Die Glaubensrealität ist eben keine Theorie, sondern das innere Maß, und an dieses innere Maß müssen wir uns halten, weil das für uns gut ist. Leider gibt es die Situation, dass manche Eltern ihre Kinder grob vernachlässigen oder Ehepartner die Liebe verraten, die sie sich geschworen haben und wie viel Leid tun sich die Menschen überhaupt an. Gewiss müssen dann auch pragmatische Notlösungen gefunden werden, um Schlimmeres zu vermeiden. Aber deshalb kann man nicht die Unauflöslichkeit der Ehe, das Gebot der Nächstenliebe, die Fürsorgepflicht der Eltern für ihre Kinder und umgekehrt relativieren, sondern man muss in der Seelsorge und Verkündigung alles tun, damit sie von den Gläubigen verstanden und im Leben wirksam werden können.

Aber manchmal ist eine Scheidung eine bessere Lösung.

Kardinal Müller: Ja, eine Trennung vielleicht, aber eben nicht eine zweite kirchliche Ehe, solange der legitime Ehepartner noch lebt. Das ist eben nicht möglich, wenn wir die Worte Jesu zugrunde legen. Jesus sagt, dass wir ihm nachfolgen sollen. Nicht er muss uns nachfolgen und alles so anerkennen, wie wir es uns eingerichtet haben. Der breite Weg ist der bequeme Weg, aber es gibt auch den schmalen Weg und dem sollen wir folgen. Der christliche Glaube ist nicht nur ein Sinnangebot und die Gebote Gottes sind nicht schöne Ideale, denen keiner gerecht werden kann. Christwerden durch Glaube und Taufe bedeutet auch Änderung des Lebens, gleichförmig werden mit Jesus Christus in seinem Leiden, seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Und wenn ein Mann seiner Frau, die er liebt, das Ja-Wort gibt, umfasst das eben auch das ganze Leben in seiner Leiblichkeit und Geschichte. Das Ja-Wort ist nicht funktional gemeint, solange wir etwas voneinander haben.

Es gibt ja auch Situationen, in denen Männer ihre Frauen schlagen. Da sollte es doch möglich sein, sich von diesem Mann zu trennen ohne eine Sünde zu begehen.

Kardinal Müller : Es gibt schreckliche Situationen, die menschlich gesehen ausweglos sind. Es könnte und sollte auch sein, dass der Mann, der seine Frau seelisch und körperlich traktiert, auf einmal versteht, wie furchtbar er gegen die Liebe sündigt und versucht das wieder gut zu machen und sein Verhalten zu ändern. Der Mensch hat auch die Fähigkeit mithilfe der Gnade, seine negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen zu überwinden. Das muss in der Ehevorbereitung deutlich gemacht werden, dass das nicht nur so ein bisschen frommer Schein ist und ein schöner Orgelklang mit ausgestreuten Blümchen, sondern dass die Hochzeit ein herausforderndes Ereignis ist, dass ich zu einem anderen Menschen wirklich Du sage, nicht nur ins Gesicht lächle, sondern seine ganze Person umfasse und dass ich sage: "Ich binde mich ganz an dich, wir bilden jetzt eine Schicksalsgemeinschaft.

In Deutschland wurde gerade die Ehe für alle vom Bundestag beschlossen. Was ist ihre Meinung dazu?

Kardinal Müller : Ehe für alle ist ein Etikettenschwindel. Es gibt die spezifische Verbindung von Mann und Frau, die man die Ehe nennt. ... Eine Begriffsverwirrung entsteht, wenn man zwei verschiedene Sachverhalte mit dem gleichen Namen bezeichnet. Nicht nur im christlichen Bereich, sondern auch in anderen Religionen und Kulturen nennt man diese spezifische Form der lebenslangen Bindung von Mann und Frau mit der Polarität der Geschlechter und der Offenheit auf Kinder hin die Ehe, aus der die Familie entsteht. Und wenn eines der Charakteristika nicht gegeben ist, dann kann man das nicht Ehe nennen. Leibliche Brüder und Schwestern bleiben sich auch ein Leben lang treu, und die Eltern haben zu ihren Kindern auch eine lebenslange Bindung, aber das kann ich doch nicht Ehe nennen. Und Personen gleichen Geschlechts können keine Ehe eingehen, weil dem Begriff nach die Beziehung von Mann und Frau für die Ehe wesentlich ist.

Was bedeutet es, dass es unter der CDU-Kanzlerin Angela Merkel dann zu so einer Gesetzgebung kommt. Weicht das C für Christlich in der CDU auf?

Kardinal Müller : Es ist die Frage, ob Politiker oder die Politik über ethische Grundfragen eine Abstimmung machen können. Ich glaube, dass sie da ihre Kompetenz überschreiten. Genauso wenig wie man die Menschenrechte politisch zur Disposition stellen kann, weil sie in die Natur des Menschen eingezeichnet sind, so wenig kann die Politik eine grundsätzliche Aussage machen über das, was die Ehe ist. Man kann darüber diskutieren, welche Handlungen unter Strafe gestellt werden oder auch nicht. Das ist eine politische oder eine rechtliche Frage. Aber die geistig-leibliche und sittliche Natur des Menschen können Menschen nicht definieren oder umdefinieren. Der Staat hat pragmatisch das Gemeinschaftsleben zu regulieren, aber nicht normativ in das sittliche Gewissen oder den religiösen Glauben der Menschen einzugreifen."

Um nochmal auf ihre Beziehung zu Papst Franziskus zurückzukommen, wie würden Sie diese beschreiben?

Kardinal Müller : Die war von Anfang an, glaube ich, gut, er hat immer wieder betont, dass er volles Vertrauen hat zu mir. Besonders hat ihn mein langjähriges Engagement in Lateinamerika gefreut. Und gerne hat er zu einem Buch von Gustavo Gutiérrez und mir mit dem Thema "Arme Kirche für die Armen" ein Vorwort geschrieben. Er war auch sehr dankbar, dass ich für die Seligsprechung von Oscar Romero letzte Hürden aus dem Weg geräumt habe. (...) Der Papst ist natürlich nicht nur allein. Wir sehen das manchmal so ein bisschen durch die Medien herausgestellt, dass der Papst so eine isolierte Figur ist, der erscheint am Fenster, und jeder denkt: Unten ist das Volk, er ist oben allein. Aber der Papst ist zusammen mit den Bischöfen und Priestern der gute Hirte, der inmitten des Volkes Gottes, mit der pilgernden Kirche den Weg geht bis zur himmlischen Heimat. Da sollte auch kein Personenkult entstehen und ein Papst-zum-Anfassen-Tourismus. Das ist im Zeitalter der Massenmedien etwas gefährlich, dass die Leute jetzt nur dem Papst zujubeln oder dass man aus Sensationslust nach Rom fährt. Um dann sagen zu können, ich habe den Papst gesehen in der ersten Reihe ganz nah bei ihm, und das ist der Inhalt des Rom-Erlebnisses. Nach Rom geht man eigentlich, weil man zu den Gräben der Apostel Petrus und Paulus pilgert und dort um ihre Fürbitte für die Kirche nachsucht und sich an ihrem apostolischen Leben und Wirken ein Beispiel nimmt.

Fördert Franziskus diesen Personenkult mehr als Benedikt?

Kardinal Müller : Jeder ist auf seine Weise Mensch und Christ: Benedikt eine feine, ziselierte, deutsche Gelehrtengestalt, Franziskus mehr so der volkstümliche Seelsorger, den die Medien lieben. Aber das ist seit jeher bei jedem Papst verschieden. Keiner soll seine persönliche Lebensgeschichte verbergen, das geht gar nicht. Keiner braucht in die Fußstapfen des anderen hineinzutreten, das will der liebe Gott gar nicht. Es hat ihm ja nicht genügt, einen Menschen zu schaffen, sondern viele Millionen und jede einzelne Persönlichkeit hat ihr volles, absolutes Recht. Es ist auch wichtig, dass man niemanden auf eine einzelne seiner herausragenden Eigenschaften reduziert und somit zu einer Schablone macht. Jeder Mensch ist ein Geheimnis ist, das nur Gott allein ausloten kann. Deshalb sollen wir im Beurteilen anderer sehr zurückhaltend sein und am besten gleich Gott allein das Urteil überlassen. Ob Bischof oder Papst - man muss sich immer überlegen, ob man instrumentalisiert wird für bestimmte Interessen. Gegen die Karrieristen, die dann durch Schmeicheleien versuchen, irgendwelche Pöstchen oder mediale Vorteile zu bekommen, hat Papst Franziskus oft gesprochen. In jedem dieser hohen Ämter muss man sich immer selbstkritisch fragen: Diene ich dem Gemeinwohl und wie kann ich diesen menschlichen Grundversuchungen entgehen. Jeder möchte natürlich immer Worte hören, die dem Ego gut tun. Ein wahrer Freund wagt auch ein kritisches Wort.

Sie kennen den Vatikan ja so gut wie wenige andere ...

Kardinal Müller : Ich bin nicht in Rom aufgewachsen, ich bin kein Kurialer, darauf lege ich großen Wert. Ich bin ein Bischof, der von außen reingekommen ist. Vielleicht wird man als Nordländer immer ein Fremdkörper im System sein, was dadurch auch zum Ausdruck kam, dass mir oft gesagt wird: Typisch deutscher Theologieprofessor, der nicht versteht, dass man auch mal nach Bedarf 2 + 2 =5 sein lassen kann. Es gab am Anfang solche Bemerkungen aus romanischer Perspektive. Aber ich glaube, dass wir ganz gut fahren mit der Devise: Tu recht und scheue niemand. Gerechtigkeit und Wahrheit stehen für sich und können nicht nach Klientelbindungen flexibel angewendet werden. Lieber einen Nachteil in Kauf nehmen als das Gewissen zu verbiegen.

Gibt es denn diese Opposition gegen Franziskus, von der immer wieder die Rede ist?

Kardinal Müller : Das ist eine Legende, die jeden sachlichen Beitrag disqualifizieren will, der nicht in den kleinen Horizont von Höflingen passt. Reale Opposition gegen das Lehr- und Hirtenamt des Papstes, widerspricht auch dem katholischen Glauben. Der Papst steht im Verhältnis zu den Kardinälen und Bischöfen nicht wie ein Chef zu seinen Mitarbeitern. Er ist Bruder unter Brüdern, auch wenn ihm eine besondere Verantwortung für die Einheit der Kirche und ihre Gemeinschaft im Glauben zukommt. Und jeder Katholik, besonders jeder Bischof und jeder Kardinal hat ein positives und konstruktives Verhältnis zum Papst. Aber das ist alles andere als höfisches Gehabe und subalternes Getue, gegen das sich Papst Franziskus immer ausgesprochen hat. Bis am Schluss ein Lehrdokument herauskommt, muss viel Vorarbeit geleistet werden. Das ist Aufgabe der Kongregation. In der Kirchenkonstitution des II. Vatikanischen Konzils kann man das gut nachstudieren. Manche meinen dann auch, die ganz beflissen sind und so eine scheinheilige Papstdevotion pflegen: Der Heilige Vater hat eine Idee und wir folgen dem bedingungslos und alle sind voller Bewunderung. Der Papst ist auch nur ein Mensch. Das heißt, dass nicht alles, was er macht und sagt, von vornherein schon vollkommen und unüberbietbar ist. Der Heilige Geist steht dem Lehramt bei, aber er ersetzt nicht die wissenschaftliche Zu-Arbeit der Theologie.

Papst Franziskus hat ja selbst von Widerständen gesprochen.

Kardinal Müller : Es gibt die allgemeine Idee, dass der Papst die Kurie reformieren muss. Dann gibt es auf der anderen Seite die Vorurteile, dass das hier irgendwie so ein Verein von verstockten Reaktionären ist, die nur um Macht und Vorteil kämpfen. Das ist alles Unsinn, auch wenn es in Tendenzromanen noch so oft verarbeitet und zu Geld gemacht wurde. Das sind qualifizierte Priester oder Laien, die hier mitarbeiten wollen. Die Kurienämter bestehen nicht für sich, um eigenen Interessen zu folgen, sondern um dem Papst zu dienen. Ein sachlicher Beitrag kann vom Autoritätsträger vielleicht auch missverstanden werden als persönliche Kritik. Man muss sich - je höher das Amt ist - der menschlichen Grenzen bewusst sein. Nur mit qualifizierten Mitarbeitern kann das eigene Werk gut gelingen. Früher hat man immer gesagt, ein guter Herrscher hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass er die besten, auch unbequemen Berater sich an die Seite geholt hat, nicht die Opportunisten und Mediokritäten, die schon zu allen Zeiten zur Macht hindrängten.

Ein zentraler Aufgabenbereich der Glaubenskongregation liegt bei der Aufklärung von Kindesmissbrauch. Ihnen wurde auch von dem ehemaligen Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, Marie Collins, vorgeworfen, die Aufklärung zu behindern.

Kardinal Müller :: Dem ganzen Medienhype liegt eine Verwechslung der ganz verschiedenen Aufgabenstellung der Kinderschutzkommission und der Kongregation für die Glaubenslehre vor. Unsere Leute mit einer soliden kanonistischen Ausbildung arbeiten hervorragend in der Vorbereitung eines kanonischen Strafprozesses. Aber es trifft einfach nicht zu, dass wir in irgendeiner Weise bei der Verfolgung solcher Straftaten nachlässig gewesen sind oder aus mangelndem Arbeitseinsatz den Abschluss eines Prozesses verschleppt hätten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Frau Collins erhob den Vorwurf, wir hätten die Umsetzung von in sich durchaus guten Ideen verhindert. Aber die Glaubenskongregation handelt als Tribunal nach den Strafbestimmungen des Kirchenrechtes im Rahmen ihrer Kompetenz, solange der Papst das Reglement nicht ändert. Die Aufgabenstellung der Kinderschutzkommission ist anderer Natur, wenn auch ein informeller Erfahrungsaustausch sehr zu begrüßen ist.

Wird die katholische Kirche beim Thema Missbrauch härter verurteilt?

Antwort: Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche bei dem Thema härter angegangen wird, dass Priester a priori verdächtigt werden. Es gibt Geistliche - Gott sei es geklagt - die solche Verbrechen begangen haben. Aber deshalb kann man nicht die anderen, nur weil sie auch Priester sind, kollektiv verdächtigen. Prozentual gesehen ist das mit Blick auf die Gesamtzahl der Geistlichen in der Welt sogar weniger als bei vergleichbaren pädagogischen Berufsgruppen - was die Straftat natürlich in keinster Weise entschuldigt und das Leiden der Opfer mindert.

Woran liegt das Ihrer Meinung?

Kardinal Müller : Gegenüber den katholischen Geistlichen gibt es wegen des Zölibats einfach diese Vorurteile. Da wird gedacht, wenn jemand freiwillig enthaltsam lebt, muss er irgendwo seine Gefühle loswerden. Selbst wenn das stimmen würde, würde ein normaler Mensch die Beziehung zu einer Frau suchen und nicht zu einem Kind. Das ist ein Defekt auf der Ebene der Psyche. Das hat nicht das Geringste mit der geistlichen Berufung zu tun. Wenn klar ist, dass jemand diese Schwäche hat, dann darf er gar nicht geweiht werden. Das setzt aber voraus, dass er selbst oder andere vorher darum wissen.

Wie viele Anzeigen wegen Missbrauchs laufen denn bei der Kongregation ein?

Kardinal Müller : Etwa 600 Prozesse werden jedes Jahr bei der Glaubenskongregation durchgeführt. Das sind Verdachtsfälle, noch nicht der Tatfall. Sehr viele Fälle gehen 40, 50 Jahre zurück, da kann man sich vorstellen, wie schwierig das ist, den Tatbestand aufzuklären. Ich war der, der sich dafür eingesetzt hat, dass die kanonische Strafe bis zur Entlassung aus dem Klerikerstand geht. Da habe ich auch gegen Widerstände kämpfen müssen. Die Sünden oder Straftaten wiegen bei Priestern doppelt, weil der Priester Christus repräsentiert und Vorbild sein muss für die Gläubigen.

Bräuchte die Kongregation mehr Mitarbeiter, um die Fälle schneller zu bearbeiten?

Kardinal Müller : Es gibt auch zu wenig Sachbearbeiter. Leider sind dann auch diejenigen in der Disziplinarabteilung, die hochqualifiziert waren, entlassen worden. Deshalb rege ich mich auch auf. Einerseits sagt man, es muss schneller gehen, andererseits nimmt man ohne jeden sachlichen Grund die besten Mitarbeiter weg. Die zehn Sachbearbeiter sind höchst effizient und hochmotiviert. Ich bin sehr stolz auf sie, weil sie so hervorragend für die Kirche und den Papst gearbeitet haben. Ein Prozess braucht von Natur aus Zeit, es geht hier um die ganze Welt, es muss aus sechs Sprachen übersetzt werden, da tröpfeln Informationen manchmal nur nach und nach ein. Die Dokumente dazu sind ein Konvolut von bis zu 1000 Seiten. Manche denken, sie schreiben einen Brief und bekommen gleich eine Antwort mit dem Urteil über einen Angeklagten. Das ist einfach nicht möglich, weil der Prozessablauf eine Struktur hat und nach objektiven Kriterien durchgeführt werden muss.

Gerade erst wurde der australische Kardinal George Pell beurlaubt, weil er sich Vorwürfen des Kindesmissbrauchs stellen muss. Er sagt, er sei unschuldig ...

Kardinal Müller : Ich sehe keinen Grund, an den Aussagen von Kardinal Pell zu zweifeln. Es gibt ja die Royal Commission, die vom Parlament aus eingesetzt worden ist und die Fälle von Missbrauch in allen Institutionen aufklären soll. Es ist auffällig, dass man sich da nur auf die katholische Kirche konzentriert. Es geht darum, dass den Opfern Gerechtigkeit zuteil wird, aber nicht, dass ganze gesellschaftliche Gruppen an den Pranger gestellt werden. Weltliche wie kirchliche Gerichte sind nicht unfehlbar, sie sind auch aus Menschen zusammengesetzt.

(Müller schwenkt von sich aus zu Anschuldigungen in Deutschland, dass er als damaliger Regensburger Bischof zu wenig gegen die Aufarbeitung von Missbrauch unter anderem bei den Regensburger Domspatzen getan habe.)

Bei meinem Amtsantritt in Regensburg hatte ich einen schon gerichtlich und kirchenrechtlich behandelten Fall "geerbt". Nach einer neuerlichen Straftat habe ich dann den Laisierungsprozess eingeleitet und den Täter, der dann auch zum zweiten mal vom weltlichen Gericht verurteilt wurde, aus dem Klerikerstand entlassen. Ansonsten gab es erst ab 2010 Meldungen von Straftaten, die schon Jahrzehnte vor meinem Amtsantritt Ende 2002 begangen wurden. Die meisten Täter waren schon lange zuvor gestorben. Um den Opfern zu helfen, wurden Diözesanbeauftragte bestellt, die mit einer Kommission von Experten den Anzeigen sorgfältig nachgehen. Auch Fälle von sexuellem Missbrauch und Körperverletzung bei einzelnen Einrichtungen der "Domspatzen" (in Vorschule und Internat) wurden einbezogen. In einem eigenen Hirtenbrief habe ich die Geschädigten aufgerufen, sich dort zu melden. Eine "Chronologie der diözesanen Aufarbeitung von 2010-2016" gibt detaillierte Auskunft über die Tatsachen, die oft weit von verbreiteten Fehlurteilen abweichen.

Wie sieht Ihre Zukunft nun aus?

Kardinal Müller :: Ich bin alleine für dieses Amt nach Rom gegangen. Und es ist nicht so wie wenn man bei einer Regierung berufen wird oder bei internationalen Organisationen, wo alles bezahlt wird. Da hat sich niemand um mich gekümmert. Ich bin drei Mal umgezogen, bis ich hier in die jetzige Wohnung einziehen konnte, dann die Renovierung, Klimaanlage, das alles auf eigene Kosten. Auch das Büro und den Sitzungsraum habe ich möbliert, weil nichts da war. Die Kurie ist auf Hilfe aus der Weltkirche angewiesen. Wenn man aus Deutschland kommt, ist das selbstverständlich, dass die Diözesen helfen. Wir Deutschen kriegen die Wohnungen, in die man am meisten investieren muss. Mehr will ich dazu nicht sagen.

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