08.02.2018 - 20:18 Uhr
Regensburg

Wohnungsbautagung der Regierungen von Niederbayern und der Oberpfalz Sozialer Wohnungsbau mit Nestwärme

Sozialer Wohnungsbau: Das klingt nach Plattenbau am Rande der Stadt, kalter Beton, wenig Grün, soziales Ghetto. Dass es anders auch geht, führen die Best-Practice-Beispiele der ersten gemeinsamen Wohnungsbautagung der Regierungen von Niederbayern und der Oberpfalz vor Augen.

Zeigen Lösungen für den Sozialen Wohnungsbau auf: (von rechts) Bürgermeister Ludwig Waas, Bürgermeister Peter Forstner, Bürgermeister Max Kollmannsberger, Architekt Norbert Dietzinger, Professor Sven Bienert und Sachgebietsleiter Manfred Ahles. Bilder: Herda (2)
von Jürgen Herda Kontakt Profil

So kann Politik auch funktionieren: Wenn Praktiker ohne Scheuklappen zusammensitzen, werden Lösungen greifbar. Fast unbemerkt flackert ein Konflikt am Rande auf - der ewige Widerspruch zwischen architektonischer Ästhetik und ökonomischem Sparzwang: Nach der Präsentation der Minimodelle sozialen Wohnungsbaus am Lande warnt Prof. Dr. Sven Bienert, Geschäftsführer des Instituts für Immobilienwirtschaft, vor "Sozialromantik": "Wir haben es mit einer Wanderungsbewegung in großem Stil zu tun - wir brauchen eine Fokussierung auf die Modulbauweise und für Investoren eine deutliche Beschleunigung des Verfahrens."

Klar, dass die Architekten hier eine andere Sichtweise an den Tag legen - und das nicht nur aus gestalterischen Gründen: "Qualität ist auch im Sozialen Wohnungsbau wichtig", postuliert Norbert Dietzinger. "Er darf nicht billig aussehen. Wir halten uns aufgrund des demografischen Wandels immer länger in den eigenen Räumen auf." Der Neumarkter Architekt präsentiert ein eigenes Projekt:

  • 27 Wohneinheiten am Deininger Weg in Neumarkt auf schwierigem städtischen Gelände: Ein typisches Handtuchgrundstück, im Grundriss ein Parallelogramm in Nord-Süd-Ausrichtung, im Westen die Bahnstrecke und ein Sportzentrum, im Osten die Regensburger Straße, alles zusammen eine erhebliche Lärmbelastung. Dietzingers Büro richtet die Wohnungen etwas verdreht aus, um den Schall abzuschirmen und auch eine östliche und westliche Belichtung zu erreichten. "Wir haben bei dem 65 Meter langen Komplex auf eine feingliedrige Gestaltung geachtet." So sei die Anmutung einer Reihenhaussiedlung mit Loggia in jeder Wohnung entstanden. Dazu habe man die Vorgaben des Förderprogramms eingehalten: Barrierefreiheit, drei rollstuhlgerechte Wohnungen mit Parkplätzen, Aufzüge können nachgerüstet werden. Fazit: "Individualität steht auch bei sozialen Projekten im Vordergrund."

Wer vermutet hätte, die Bürgermeister würden eher aufs Geld als auf die Optik achten, wird vom Tegernheimer Bürgermeister Max Kollmannsberger eines Besseren belehrt:

  • "Neuland in Sicht" nennt die 5500-Einwohner-Gemeinde - flächenmäßig durch die Stadtgrenze, Donau und Ausläufer des Bayerischen Waldes begrenzt - ein kombiniertes Projekt mit Sozialem Wohnungsbau, Eigenheimsiedlung und Fernwärmeanlage an der Jahnstraße. Im Westen der Bauhof, daneben ein ehemaliger Schrottplatz, im Norden der Friedhof: Ein Architektenwettbewerb zeigte Lösungen auf. "Es war ein steiniger Weg", sagt Kollmannsberger, "der sich lohnt - wir stehen vor der zweiten Auslegung des Bebauungsplans." Fazit: Schwierigkeiten macht die Parzellierung der ehemaligen Winzergemeinde: "Wir mussten mit 13 Grundstücksbesitzern verhandeln." Sein Wunsch begleitet vom Applaus der Teilnehmer: "Die Bauern haben die Grundstücke im Betriebsvermögen, obwohl sie die Landwirtschaft schon vor 20 Jahren aufgegeben haben - sie müssen viel Steuern zahlen, da könnte die Regierung helfen."

Sozialen Wohnungsbau en Miniature stellt Bürgermeister Peter Forstner aus Neufahrn vor:

  • "Mit wenig viel erreicht" nennt er den Umbau des Limmer-Anwesens an der Goldbachstraße 3 im kleinen Neufahrn mit 4400 Einwohnern: "Wir haben ein Zweifamilienhaus für vier Wohnungen umgebaut." Die Nachfrage sei groß, Anfragen gebe es sogar aus umliegenden Gemeinden. "Voraussetzung ist ein Wohnberechtigungsschein, bevorzugt werden Menschen mit Handicap, Alleinerziehende oder Familien mit Zuwachs." Ein Rollstuhlfahrer sei im Erdgeschoss untergebracht. Fazit: "Wir haben dazugelernt, etwa dass Unterstellplätze für Fahrräder fehlten." Jetzt versuche man weitere Häuser zu erwerben.

Ludwig Waas, Bürgermeister im 2700-Einwohner-Dorf Niederwinkling im Landkreis Straubing-Bogen, ermittelte mit dem Gemeinderat einen Bedarf an sozialem Wohnraum:

  • Auf dem ehemaligen Molkereigelände mit 12 000 Quadratmetern "in der Herzkammer des Ortes" entstehen: ein Gesundheitszentrum mit Apotheke, ein Mehrgenerationenhaus und sozialer Wohnungsbau - ein bunter Mix von Senioren und indischem IT-Manager. Am 1. Dezember waren die ersten sieben Wohnungen bezugsfertig - alle barrierenfrei. Viele Rentner seien früher Saisonarbeiter gewesen. "Wenn ein Arbeiter 1000 Euro Rente hat, können Sie sich vorstellen, wie die Witwe mit 60 Prozent leben soll." Das Projekt sei von der Bezirksregierung mit höchstem Engagement begleitet worden.

Altbürgermeister Fred Lehner präsentierte die Wohnraumförderung Marke Floß:

  • Die Laubenganghäuser des Landkreissiedlungswerkes Neustadt in Altenstadt/WN und der Baugenossenschaft "Eigenheim" in Floß: Ein von der Wohnzeile abgerückter Laubengang erschließt vier Wohnungen im Obergeschoss über Stege. Die mit flachem Satteldach eingedeckten Häuser entsprächen dem Erscheinungsbild von Reihenhäusern mit Balkonen und Gartenanteilen im Erdgeschoss. Bei Gesamtkosten von 1,8 Millionen Euro koste der Quadratmeter Wohnfläche 1700 Euro. Fazit: Mit der Aufwendungsorientierten Förderung (AOF) von Mietwohnraum sei es gelungen, Sozialwohnungen in Floß zu bauen. Die Genossenschaft habe ein Darlehen von 1,4 Millionen Euro erhalten.

    Millionenschwere Förderkulisse

    2017 stiegen die Fördersummen in beiden Regierungsbezirken deutlich an. Für den Mietwohnungsbau wurden in Niederbayern 32,8 Millionen, in der Oberpfalz 55 Millionen Euro von Bund, Land und Landesbodenkreditanstalt bereitgestellt. Die Regierungen förderten Neubau, Umbau und Modernisierung von 310 niederbayerischen und 420 oberpfälzischen Mietwohnungen. Darunter auch der Wohnungsbau, den Städte und Gemeinden mit Mitteln des kommunalen Förderprogramms initiierten. In Landshut bewilligte die Regierung Darlehen und Zuschüsse in Höhe von 4,2 Millionen Euro für den Neubau und Modernisierung von 83 Wohnungen in neun Kommunen. In Regensburg leitete die Regierung 6 Millionen Euro für 35 Gemeindewohnungen an sechs Projektstandorten weiter. (jrh)

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