26.01.2018 - 19:37 Uhr
RegensburgSport

Aktualisiert mit PK: FC Ingolstadt verspielt in Regensburg eine 2:0 Führung SSV Jahn dreht das Derby-Drama

Ein Sieg, der noch einmal eine neue Seite der Regensburger zeigt: Sie können sogar nach einem 0:2 gewinnen, wenn eine Stunde scheinbar gar nichts geht. Der SSV Jahn erzwingt mit Moral und Glück erst das Eigentor und dann den Dreier. Unser Mann des Spiels: Marvin Knoll, der den Ball im Mittelfeld erobert, unaufhaltsam wie Dschingis-Khan durch die Ingolstädter Reihen rast und den eben eingewechselten Jonas Nietfeld exakt in die Gasse schickt – 3:2 im Derby-Drama vor 13.000 begeisterten Zuschauern.

Da kennt der Jubel keine Grenzen: Tänzchen und Kniefall gefällig? Der SSV Jahn dreht ein 0:2 gegen den Bundesligaabsteiger. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

„Für die Zuschauer war’s ein Wahnsinnsspiel“, schildert FCI-Trainer Stefan Leitl seine Eindrücke, „leider mit dem besseren Ende für den Jahn.“ Sein Team sei gut eingestellt in die Partie gekommen, habe sie in der ersten Halbzeit kontrolliert, und sei verdient mit zwei Toren in Führung gegangen. „Bis zur 70. Minute alles gut.“ Dann das Eigentor, zwei, drei verpasste Großchancen und schließlich habe ihn das turbulente Geschehen an die 2:4-Hinspielpleite in Ingolstadt erinnert.

Wäre Beierlorzer FCI-Trainer ...

„Wir waren nicht richtig im Spiel“, pflichtet Jahn-Coach Achim Beierlorzer indirekt dem Kollegen bei, „was definitiv an der gut eingestellten Ingolstädter Mannschaft liegt.“ Er habe seinem Team gesagt, wäre er Trainer in Ingolstadt, würde er seinen Jungs sagen: „Ihr müsst mindestens so spielen wie Regensburg, aggressiv in den Zweikämpfen, immer wieder doppeln – und das hat Ingolstadt hervorragend gemacht.“ Unsauberes Passspiel, bedingt durch den Druck des Gegners, habe es zusätzlich schwer gemacht.

„Gebt alles“, habe er in der Kabine ausgegeben. „Wir haben alles reingehaut und am Schluss ist es manchmal so, dass der Glücklichere gewinnt.“ Das Eigentor habe noch mal Kräfte freigesetzt. „Für uns brutal wichtig.“ Jetzt will Beierlorzer nicht nur Nürnberg, sondern auch Ingolstadt alle Daumen halten für deren Aufstiegsziele.

Ingolstadt mit Blitzstart

Jahn-Coach Achim Beierlorzer hat wenig Grund zum Experimentieren. Nur Sargis Adamyan kehrt nach abgesessener Gelbsperre zurück, Joshua Mees muss pausieren. Ansonsten sehen wir die Startelf von Nürnberg. Stefan Leitl hat da mehr zu kritteln und ändert sein Team nach dem torlosen Remis-Auftakt gegen Sandhausen auf mehreren Positionen.

Ja, so leicht sollte man es den Gästen nicht machen – indirekter Freistoß aus dem Halbfeld, Thomas Pledls Ball passiert ungerührt, möglicherweise ist der Scheitel von Alfredo Morales noch dran, und die Kugel rauscht ohne sichtbare Kurskorrektur ins untere lange Eck, auch wenn sich Keeper Philipp Pentke noch so reckt (3.). Ingolstadt schaltet in der Anfangsphase zu schnell für den Gastgeber – schneller Einwurf, Pledl fast allein im Strafraum, Knoll gerade noch so dazwischen (7.).

Das Schiri-Konzept

Erste schöne Aktion, Bene Sallers Antritt im Mittelfeld, Seitenwechsel, Jann Georges Flanke um einen Touch zu kurz für Marco Grüttner, Hauke Wahl hält den Schädel hin (9.). Fast das Gleiche nochmal über rechts, Sallers Hereingabe in Nylands Arme (11.). Kurze aber heftige Aufregung, als Nandzik bei seinem Flankenlauf links von Alfredo Morales abgeräumt wird. Schiedsrichter Timo Gerach hat ein merkwürdiges Konzept: kleinlich bei Kleinigkeiten, gelblos bei einem Foul ohne Ballkontakt. Kurz darauf wird George aus den Latschen gedroschen und der Schiri zeigt an, dass er Ballspiel gesehen hat (14.).

Sensationelle Knollgrätsche, der das Solo von Morales blitzsauber unterbindet (19.). Und das war hübsch anzuschauen: Nach Einwurf nahe Eckfahne kommt Sargis Adamyan künstlerisch wertvoll zum Seitfallzieher am Elfmeterpunkt – leider genau in Nylands Torwarthandschuhe (21.). Schnell ausgeführter Freistoß auf Alex Nandzik, scharfer Pass, starker Kopfball Adamyan, Zentimeter am linken Pfosten vorbei (23.). Gute Freistoßposition für Marvin Knoll, 25 Meter zentral, aber Nymans Hände sind magnetisch (24.).

Immer wieder Lezcano

Fehlerstafette in der Abwehr, zum Schluss steht Dario Lezcano zum Glück für Regensburg im Abseits (28.). Die erste Regensburger Ecke ist noch kein Kunstgenuss (30.). Nandzik muss sich für Lais die Gelbe abholen, weil ersterer den Ball verdaddelt (33.).

Ingolstadts lange Freistöße sind so gar nicht nach Regensburgs Geschmack, Pentke im dritten Nachgreifen (33.). Und dann das: Wieder ein Loch in der Jahn-Abwehr, Pentke muss ins 1:1 mit den Beinen voraus, Elfer und Gelb: Und Leczano kaspert den Ball mit zwei Ballett-Stopps am reglosen Keeper vorbei unten rechts ins Netz (37.). Dann ist etwas die Luft raus: Bis zur Pause kaum mehr Torgefahr.

Ingolstadt zieht sich zurück

Das hätte das spiegelverkehrte Pendant zur ersten Halbzeit sein können: Freistoß Knoll in den Strafraum, Grüttner zieht ab – knapp rechts vorbei (47.). Auf der anderen Seite muss man ständig mit dem tödlichen Konter rechnen: Der für George eingewechselte Joshua Mees stoppt Tobias Levels gerade noch vor der Flanke (51.), Pentke muss zweimal Hals und Knie riskieren, erst gegen Pledl (58), dann gegen Robert Leipertz (60.).

Ingolstadt steht jetzt stabil da hinten drin und kann in aller Seelenruhe auf Konter lauern. Der SSV findet kaum Rezepte, um den Audi-Riegel aufzubrechen. Immer wieder rennen sich Adamyan und Vrenezi fest, der jetzt Sebastian Stolze weichen muss – munterer Rundlauf, Stolze übernimmt Adamyans Position, der besetzt die frei gewordene Vrenezi-Stelle. Kleiner Aufreger, Lais fällt im Gewusel, der Schiri, gut 20 Meter vom Geschehen weg, winkt weiter (65.).

Eigentor und Kittel-Pech

Wenigstens kommt der FCI mal etwas außer Tritt: Nach Antritt Nandzik scharfer Pass nach außen, Lais tritt den zweiten Ball von der Strafraumkante unglücklich, bekommt aber die Ecke (68.). Wenn nichts geht, geht’s mit Gewalt, wieder die unplatzierte Flanke von Stolze, Wahl will am Fünfer klären und stolpert das Ding zum 1:2 ins Netz (73.). Beierlorzer versucht noch einmal nachzujustieren: Jonas Nietfeld darf für Nandzik ran. Aber erst einmal läuft Morales in eines der schwarzen Jahn-Löcher, Flanke auf Sonny Kittel, der sich am Fünfer schwindelig dreht und dabei den Ball liegenlässt.

Nochmal Kittel, Rückpass zu Pentke – und Kittel die Dritte, er geht allein auf Pentke zu und schießt den Keeper an (75.). Dann wird’s kurios in Regensburg, Ingolstadt lässt sich einschnüren, ganz weite Flanke von links, Grüttner verlängert und Stolze zimmert die Kugel unter die Latte, 2:2 (79.). Leitl will’s nicht glauben und bringt Moritz Hartmann. Schon wieder brennt’s im Jahn-Strafraum, Pentke haut die Hacken zusammen, aber Abseits (81.). Der Jahn versucht’s jetzt ruhiger anzugehen, ein Punkt nach diesem Spielverlauf ist ja auch nicht zu verachten. Oder?

Rammbock Knoll

Von wegen: Knoll mit spektakulärer Balleroberung im Mittelfeld, läuft wie ein Rammbock durch die gegnerischen Reihen, spielt blitzsauber auf Nietfeld, und der macht das Ding rein, 3:2, (88.). Noch mal durchatmen, Hartmann mit dem Abschluss von der Fünferecke – Außennetz (92.). Und dann ist’s vorbei. Zwei Dreier gegen Ingolstadt (4.) und der SSV ist punktgleich mit dem Aufstiegsaspiranten auf Platz 5.

Im anspruchsvollen Auftaktprogramm der Rückrunde steht nächste Woche am Samstag, 13 Uhr, das von Jahn Regensburg so gar nicht geliebte Holstein Kiel (3./34 Punkte) auf dem Spielplan.

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