15.10.2017 - 14:34 Uhr
RegensburgSport

Aktualisierung mit PK: Eiskalte Eiserne entführen drei Punkte aus Regensburg Union Berlin bestraft naiven SSV Jahn

9791 Zuschauer, sofern Oberpfälzer, erleben die nächste Enttäuschung: Der SSV Jahn beginnt wie gewohnt, spielt mutig nach vorne, offenbart aber erschreckende Schwächen bei den Tempogegenstößen der Berliner. Die entscheidende Szene schon nach 20 Minuten: Andi Geipl verschießt wieder einmal einen Elfer und Union kontert sich im Gegenzug zum 0:1. Am Ende steht es 0:2, und auch wenn Regensburg beste Chancen liegenlässt – der Sieg des Tabellendritten geht in Ordnung, denn auch Pentke muss im 1:1 etliche Konter entschärfen.

Berlins Sebastian Polter Berlin jubelt nach seinem Treffer zum 0:1 gegen Regensburg. Bild: Armin Weigel/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Was der Jahn kann: Das Eckenverhältnis dominieren – um daraus nichts, niente, nic, nothing, rien de rien zu machen. Man möchte meinen: Das müsste sich doch irgendwie lernen lassen, andere bringen die Kugel doch auch ab und an vom Eckpunkt torwertig in den Fünfer. Es sind die letzten Minuten der Partie, die gewaltig auf die Stimmung schlagen – kein Zugriff, kein Glaube, das Spiel noch umbiegen zu können.

In der Summe ist nicht nur das Ergebnis ernüchternd, die Euphorie ist zerronnen, die Überzeugung der Spieler, bei Rückstand etwas reißen zu können, fehlt. Das sieht schon jetzt nach Abstiegskampf aus – woran auch die letzte Ecke zum famosen 12:3 bei 0 Punkten und 0 Toren nichts ändert.

Jens Keller dankt Keeper Busk

„Wir müssen uns bei unserem Torwart bedanken“, setzt Union-Coach Jens Keller Keeper Jakob Busk rhetorisch den Siegerlorbeer auf, „der Elfmeter war eine ganz wichtige Situation, im Gegenzug machen wir sofort das 1:0.“ Die Fans seien hinter Union gestanden wie eine 1: „Große Klasse.“ Ansonsten habe man für seinen Geschmack zu viel zugelassen: „Wir waren im 16er zu weit von den Männern weg“, das habe Keller heute nicht gefallen.

Auf der anderen Seite: „In der Umschaltbewegung hätten wir heute deutlich mehr Tore machen müssen“, findet er, „wenn wir sauberer gespielt hätten, wenn wir genauer gespielt hätten“. Platz 3 sei toll, „bringt uns momentan aber nicht weiter“, sagt Keller. „Wir haben noch einige Spiele.“ Und habe bisher schon zu viele Punkte liegenlassen.

Beierlorzer: „Genauso weiterarbeiten“

Auch Achim Beierlorzer erlebt den Elfer als Schlüsselszene: „Wir sind super ins Spiel gekommen, die Mannschaft hat genau das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben, dass wir druckvoll unterwegs sind, dass wir aggressiv in die Zweikämpfe gehen, dass wir unsere Zuschauer mitnehmen – genau das ist in der Anfangsphase auch passiert.“ Dann der berechtigte Elfer: „Wir haben sowohl Schuss, als auch Nachschuss nicht verwertet, kriegen dann nach der Ecke, wo wir den Ball ein bisschen ordentlicher klären müssen, das 1:0.“ Beierlorzer kritisiert, dass man viel zu viele Konter durch leichte Fehler zugelassen habe.

Im Prinzip sei er aber mit der Art und Weise, wie sein Team gegen eine absolute Top-Mannschaft aufgetreten sei, sehr zufrieden: „Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, wir haben gefightet, alles reingeworfen, wir haben eine Vielzahl an Abschlüssen – ich denk‘ nur an den Schuss von Joshua Mees, den Busk auch nochmal überragend aus dem Winkel rausnimmt.“ Tor Nummer zwei sei klar abseits gewesen: „Aber das nützt ja alles nichts, wir müssen einfach Tore erzielen, effektiv werden und uns belohnen dafür – aber wir werden mit der Mannschaft genauso weiterarbeiten, es gibt keine Alternative dazu.“

Aus einem Joker eine Niete machen

Der Spielverlauf ist symptomatisch für die bisherigen Leistungen des Aufsteigers: Der SSV Jahn rennt mutig an, ohne die ganz großen Chancen rauszuspielen. Favorit Union Berlin streut mit gefährlichen Kontern Reißnägel unter die Sohlen der Gastgeber. Dann das unverhoffte Glück: Strafstoß für Regensburg nach einem Rempler bei der Ecke. Andi Geipl läuft an und … schlenzt die Kugel Keeper Jakob Busk in die Arme. Wie oft denn noch? Klar sagt man, jeder kann einen Elfer verschießen. Aber die Quote sollte dann doch nicht auf 50:50 sinken.

In der Zweiten Bundesliga, wo der doppelte Aufsteiger immer an die Leistungsgrenze gehen muss, ist das Verschießen eines Elfers kein Lapsus – das ist die Verwandlung eines Jokers in eine Niete. Und das wird brutal bestraft. Der Gegenangriff nach einer geklauten Ecke gleicht einer Lafontaine-Fabel über Igel und Hase: Berlin kontert, die Regensburger Abwehr in der Rückwärtsbewegung zu langsam, Sebastian Polter verwertet den zweiten Ball zum 0:1 (21.). Der Rest des Spiels: Der Jahn bemüht, Berlin geduldig – im dritten Anlauf verwertet Akaki Gogia den finalen Konter, 0:2 (57.).

Beherzter Auftakt

Dabei hatte alles so gut begonnen: Der SSV Jahn mit Sebastian Freis und Sebastian Stolze in der Startelf, will dem favorisierten Gast aus Berlin Ost signalisieren, dass man sich vor der eisernen Attitüde nicht einschüchtern lässt. Der quirlige Adamyan holt sich den Ball selbst im Mittelfeld, marschiert Richtung Strafraum, bedient Jann George 15 Meter halbrechts vor dem Union-Tor – ein Verteidiger wirft sich in dessen Schuss (5.).

Auf der anderen Seite packt Union zunächst einige freche Fernschüsse aus: Marcel Hartel mit dem Auftakt aus 20 Metern – Pentke lässt den Ball zur Seite prallen, bei Gogias Nachschuss packt er zu (9.). Bastian Nachreiner bringt die eigene Abwehr in Nöten, sein Pass landet am Fuß eines Berliners, Pass auf Gogia, der versucht’s mit der 30-Meter-Bogenlampe, ein Raunen geht durch den Berliner Block, als sich das Ding näher beim Tor senkt, als Pentke vermutet (14.). Bei Adamyans Abzug von der Strafraumkante muss sich auch Busk strecken (18.).

Elfer, Ecke, Konter

Nach einer Knoll-Ecke fällt ein Regensburger, Schiri Benedikt Kempkes zeigt auf den Elfmeterpunkt – Andi Geipl läuft an, schwacher Schlenzer in die rechte Ecke, weggeboxt, auch den Nachschuss pariert, nur Ecke. Welche Chancen braucht denn der Jahn noch? Wie’s einfach und schnörkellos geht, zeigen die Berliner im Gegenzug: Ecke abgefangen, den anschließenden Konter vollendet Sebastian Polter nach Hereingabe von rechts am langen Pfosten, 0:1 (21.). Ja, ja, der Jahn versucht’s weiter, aber das wirkt halt alles hektisch, da wuselt man sich mit Gewalt durch die vollbesetzte Strafraummitte, da ist kein Durchkommen.

Dem Schiri sitzt die Pfeife locker im Mund: Freistoß Berlin an der Strafraumgrenze, nach eigentlich fairem Tackling: Felix Kroos zieht knapp drüber. Was ist mit Sebastian Freis los? Achim Beierlorzer wechselt – Verletzung oder Höchststrafe? Für ihn kommt Joshua Mees (36.). Fast spiegelsymmetrisch der Freistoß jetzt vor dem Berliner Tor – Knoll knallt deutlich drüber (37.).

Ecke direkt ins Aus

Lernfähigkeit ist ein hohes Gut: Die Jahn-Abwehr lässt den Angreifer laufen, Pentke klärt Polters Schuss mit Mühe zur Ecke (39.). Ein Konter nach dem anderen läuft jetzt aufs Jahn-Tor zu, erst unterläuft Nandzik einen Ball, dann klärt Stolze gerade eben noch zur Ecke – Pentke boxt mit einer Faust zur Seite (42.).

Regensburg ist kaum noch in der Lage, konstruktiv nach vorne zu spielen. Vielleicht mit einem Standard aus dem Mittelfeld – immerhin schraubt der SSV damit das Eckenverhältnis auf 6:2. Geipl mit der Bogenlampe direkt ins Aus (43.), so gewinnt man keinen Blumentopf.

Rauf und runter

Der Jahn versucht, sich wieder dem Berliner Tor anzunähern, und macht das mit Ziehharmonika: Ausgangspunkt Stolze am gegnerischen 16er, zurück zu Nachreiner am Mittelkreis, zurück zu Pentke, der hoch in die Mitte schießt – der Ball ist weg, so wird’s nichts (48.). Wenn der Polter unterwegs ist, rudert der grundsätzlich mit den Armen am Trikot des Gegenspielers – gut gesehen, Stürmerfoul (50.).

Erste schön herausgespielte Regensburger Chance in Hälfte 2 – ab durch die Mitte, Nandzik schickt Adamyan, der verzieht aus zwölf Metern freistehend knapp (53). Im direkten Gegenzug die noch klarere Chance für Berlin zur Vorentscheidung. Es geht jetzt rauf und runter, Adamyan mit Fernschuss, den Busk pariert.

Todesstoß im dritten Anlauf

Die Jahn-Abwehr ist diesen Kontern einfach nicht gewachsen: Pentke hält noch stark im 1:1 gegen Polter, aber der dritte Ball zappelt dann im Netz, 0:2 (57.), Akaki Gogia mit dem vermutlichen Todesstoß. Stolze mit dem nächsten Fehler: Beim Versuch nach vorne zu spielen, peilt er den einzigen Berliner an, der im Weg steht an, Knoll klärt per Kopf zur Ecke (60.). Der Einsatz ist vorbildlich, aber was bringt’s – Stolze holt Ecke Nummer 8:3 – Knoll auf Nandzik, Kunstschuss in den Altweibersommerhimmel. Beierlorzer bringt Bene Saller für Stolze (64.).

Nach klasse Vorarbeit von Adamyan knallt Mees das Runde an den Pfosten, der Nachschuss bringt die nächste Ecke, Grüttner köpft vorbei (66.). Jetzt hat der Jahn auch noch richtig fettes Pech – Mees behauptet den Ball, den Geipl fast schon abgegeben hat, Busk dreht die Kugel um den Pfosten (67.). Schöne Kombi über Knoll und Mees, da ist noch eine Schuhspitze dazwischen. Du meine Güte, Saller in aussichtreicher Schussposition, denkt so laut nach, dass man seine Zweifel bis auf die Tribüne hören kann und schießt dann unterirdisch ins Nichts (72.).

Kein Zugriff bis zum Schlusspfiff

Das macht’s nicht besser: Tempogegenstoß des SSV, statt die drei mitgelaufenen Kollegen zu bedienen, lässt Alex Nandzik die Kugel aus 25 Metern über den Kasten flattern (74.). Jonas Nietfeld darf jetzt noch sein Glück für den ausgepumpten Adamyan versuchen (78.). Marc Lais mit dem nächsten leichten Fehler, aus dem unmittelbar Berlin die nächste große Konterchance generiert – Union ist satt, die Schwarzen verwerten nicht mehr so konsequent (79.).

Der Rest des Schlachtfestes verraucht jetzt, ohne dass Regensburg noch irgendwie Zugriff auf die Partie bekommt. Drei Siege in zehn Partien, sieben Niederlagen, zweitschwächstes Heimteam der Saison (3 Punkte), zum vierten Mal in den letzten fünf Spielen ohne Tor – Zeit für eine kritische Zwischenbilanz, ob das mit diesen Mitteln wirklich zu schaffen ist. Am kommenden Sonntag, 13.30 Uhr, muss der SSV Jahn (14./9 Punkte) bei Erzgebirge Aue einen direkten Konkurrenten (10./13) bekämpfen.

Flauten bei den besten Top-Stürmern

Am Personal zweifelt der Jahn Trainer jedenfalls noch nicht: Ob Gomez oder Müller, Flauten kämen bei den besten Topstürmern vor: „Sargis ist überragend drin, hat immer die richtige Lösung“, nimmt Achim Beierlorzer Stürmer Adamyan in Schutz, „entweder es hält der Torwart, oder er geht knapp daneben – aber er hat diese Situationen.“ Kein Vorwurf auch wegen des verschossenen Strafstoßes – beim Elfmeter sei es wichtig, dass der hingeht, der hundert prozentig überzeugt ist, dass er ihn reinmacht: „Andi Geipl hat schon so viele Elfmeter verwandelt."

In der Abwehr habe man entschieden, dass Sebastian Nachreiner der Mannschaft in der rechten Innenverteidigung am besten helfen könne. Zur frühen Auswechslung von Sebastian Freis: „Ich war mit der Leistung nicht zufrieden, und Joshua Mees hat gezeigt, dass er da ganz knapp dran war, deshalb haben wir das revidiert.“ Den Unterschied heute hätten Spieler wie Sebastian Polter ausgemacht: „Das ist eine Qualitätsfrage, ich hätte auch gerne Polter vorne drin.“

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