Aktualiusiert mit PK: Regensburg beendet schwarze Serie gegen Kiel
Jahn powert sich bei Holstein zum Remis

Gnadenloses Powerplay auf beiden Seiten: Kiels Kingsley Schindler (links) und David Kinsombi nehmen Regensburgs Joshua Mees in die Zange. Bilder: Axel Heimken/dpa
Sport
Regensburg
03.02.2018
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In Hälfte 2 nicht mehr ganz so glücklich: Regensburgs Trainer Achim Beierlorzer schreit sich die Seele aus dem Leib.
 
Flaute beendet: Kiels Marvin Ducksch feiert seinen Treffer zum 1:0.
 
Regensburgs Marco Grüttner (links) und Bene Saller feiern den Ausgleich zum 1:1.
Kiel: Holstein-Arena |

Null Grad an der Ostseeküste, aber was für ein heißes Spiel – das zur Überraschung der 10.000 Zuschauer nicht der Tabellendritte dominiert, sondern der Siebte aus Regensburg: Der SSV Jahn powert nach dem frühen Freistoßtor von Marvin Duksch (3.) mit 65 Prozent Ballbesitz und 15:3 Torschüssen, als wollten die Oberpfälzer alle Niederlagen gegen Angstgegner Kiel vergessen machen. Der verdiente Lohn: Marco Grüttners Ausgleich (29.). In der zweiten Hälfte lassen die Kräfte nach, es bleibt beim leistungsgerechten Remis.

Man sehe und staune: Da schafft der SSV Jahn nach dem scheibchenweisen Abstieg in die Regionalliga den Durchmarsch mit dem Hardcore derselben Mannschaft – und man fragt sich zwangsläufig. Wann ist für diese Jungs Endstation? Wie kann man im 3000-Einwohner-Dorf Buchbach verlieren und dann zum Auftakt der Rückrunde in der Zweiten Liga gegen alle Spitzenmannschaften punkten?

Wie man es dreht und wendet: Tiefe Verneigung vor Achim Beierlorzer, der vor der Saison versprach, noch Potenziale bei seinen Schützlingen freilegen zu können. Und was der fränkische Pädagoge hier bisher freigesetzt hat, ist schon elektrisierend: Einer der wohl günstigsten Kader der Liga tritt giftig auf wie Leipzig. Wenn die Oberpfälzer dieses rasante Tempo bis zum Saisonfinish durchhalten, hat trotz nach wie vor enger Tabellenkonstellation das Abstiegsgespenst in Regensburg keine Zukunft.

Jahns Inbrunst begeistert Beierlorzer

„Ein tolles Zweitligaspiel“, hat SSV-Trainer Achim Beierlorzer gesehen, „hohe Intensität, zwei Mannschaften, die beide den Sieg wollten.“ Der SSV sei schlecht ins Spiel reingekommen, habe ein unnötiges Foul verursacht, einen „wunderschönen Freistoßtreffer von Marvin Duksch kassiert und deshalb dem Rückstand hinterher laufen müssen. „Wie das allerdings meine Mannschaft in der ersten Halbzeit gemacht hat, mit welcher Dynamik, mit welcher Inbrunst, das hat mich schon begeistert.“ Der Ausgleich in dieser Phase sei mehr als verdient gefallen: „Wir hatten auch noch die ein oder andere Chance – der herrliche Freistoß von Marvin Knoll.“

In der zweiten Halbzeit hätten beide Mannschaften wieder mit offenem Visier begonnen, ein intensiver Fight: „Ich glaube für den Zuschauer macht genau diese Art von Fußball richtig Spaß, diese 22 plus sechs Wechsler zu beobachten, wie sie alles investieren.“ Der Punkt sei hochverdient. „Tolle Arbeit hier in Kiel, klasse, was hier passiert, dass zwei Aufsteiger so unterwegs sind, finde ich klasse.“

Anfang: „Heute nicht alle auf Topniveau“

„Kompliment zurück“, revanchiert sich Kiels Coach Markus Anfang umgehend, „beide Aufsteiger haben gezeigt, dass sie in der Zweiten Liga mitspielen können.“ Spiegelverkehrt bewertet er logisch den Beginn mit Vorteilen für seine Holsteiner. „Wir haben dann so nach und nach die Spielanteile abgegeben, Regensburg war in der Phase die klar bessere Mannschaft.“ Sein Team habe sehr viele kleine Fehler produziert. „Wir hatten richtig viele Möglichkeiten nach vorne, da hat’s dann auch an der Ballsicherheit gefehlt, wir sind nicht richtig vorne reingekommen.“

In der zweiten Halbzeit sei man wieder besser reingekommen, habe gut nach vorne gespielt: „Die Jungs haben sich gewehrt.“ Das Mentalitätsspiel sei manchmal etwas hektisch gewesen. Regensburg habe einige gefährliche Situationen gehabt, sei aber nie richtig zum Abschluss gekommen: „Bis auf den einen von der Mittellinie.“ Im Nachgang sei es ärgerlich, dass eine Elfmeter- Situation nicht erkannt worden sei und beim nicht gegebenen Treffer wohl kein Abseits vorgelegen habe. „Insgesamt waren bei uns nicht alle Spieler auf Topniveau – beide Mannschaften haben sich den Punkt redlich verdient.“

Gastgeschenk zum Einstand

Chef-Trainer Achim Beierlorzer hat zwei Veränderungen in der Startaufstellung vorgenommen. Für den gelbgesperrten Alex Nandzik darf Marcel Hofrath erstmals in die Startelf. Joshua Mees ist für den verletzten Albion Vrenezi mit von der Partie. Und Sargis Adamyan stürmt deshalb neben Marco Grüttner.

Nach 15 Sekunden schickt Bene Gimber den ersten Schuss Richtung Tor, falsche Etage. Aaron Seydel, Leihgabe von Mainz, hält Hofrath und kickt den Ball weg – muss nicht sein. Die erste Verteidigungslinie der Regensburger attackiert am gegnerischen Strafraum, das gibt im Gegenzug Räume im Mittelfeld, Gimber hält mit beiden Händen – Freistoß aus 18 Metern, Marvin Duksch hält sein Versprechen, SSV-Keeper Philipp Pentke rührt sich kaum vom Fleck, was für ein Gastgeschenk zum 1:0, (3.).

Schöne Kombination, diagonal raus auf Jann George, gute Ballannahme, Flanke auf Sargis Adamyan, Kopfball flach in Keeper Kronholms Hände (7.). Und die nächste Chance, Flanke Knoll, George Volley, Parade Kronholm, Ecke Fehlanzeige (9.). Da muss der Jahn aufpassen, wenn sich die Kieler um ihren Strafraum formieren, lauern sie auf den Konter – und Regensburg hat Glück, dass Schiri Dr. Martin Thomsen (Kleve) fälschlicherweise ein Abseits zurückpfeift (12.).

Grüttner eiskalt

Und da ist einer dieser Konter, Knolls Fehlpass im Aufbau, 2:2, Duksch legt in die Mitte, Gimber drängelt, so dass Lewerenz knapp vorbeizielt (17.). Fast im Gegenzug nach einem Kieler Missverständnis George im Strafraum, Rückgabe zu ungenau (18.) – und der nächste Kieler Konter, abseits, rasant, aber halt auch brandgefährlich, wie der Jahn hier anrennt. Das kann man besser lösen, Lais beim Konteransatz, weiß nicht, was er tun soll, wartet auf Hofrath, der den ganz langen Weg gehen muss, dann ist alles dicht und Lais verstolpert die Kugel (24.).

Gimber mit gestreckten Beinen von vorne: Auch wenn er den Ball trifft, ist Gelb vertretbar (25.). Und Mühling sieht dieselbe Farbe nach taktischem Foul an Lais (26.). Das Tor fällt dann eher unbemerkt: Ein langer Ball auf Marco Grüttner im Kieler Strafraum, der dreht sich, geht einen Schritt zurück und verwandelt aus acht Metern eiskalt zum 1:1 (28.). Und dann wiederholt Knoll fast sein Kunststück vom Hinspiel: Freistoß aus 18 Metern an den Außenpfosten (32.). Duksch drischt beim Fallrückzieherversuch am Mann Nachreiner den Schuh ins Gesicht, Gelb für den Torschützen (36.).

Powerplay vor der Pause

Die nächste exzellente Chance für die Gäste, Saller zieht ab, Kronholm muss sich strecken, Grüttner legt den Ball quer vors leere Tor, da ist keiner – aber schon geht’s weiter, Hofrath lässt’s krachen, wieder muss Kronholm alles geben, das Kieler Publikum macht jetzt seinem Team, das mächtig unter Druck steht, Mut (39.). Das gibt’s doch nicht, Flanke Lais, Grüttner springt in den Ball, Kronholm hat den Ball (42.).

Bisher fiel er nur mit Gegrapsche am Gegner auf, jetzt mal ein Kunstschuss aus 20 Metern, bei dem Pentke wieder nur hinterherschauen kann – Aaron Seydels Ding senkt sich knapp über die Latte (44.). Und dann ist Pause.

Kiel munterer aus der Kabine

Jetzt mal Konter für Regensburg, Mees schickt Grüttner in den Strafraum, da wartet er einen Tick zu lang, so dass der Schuss im Spagat des Kielers hängen bleibt (4.). Knoll mit dem langen Schlag aus 40 Metern, Adamyan hält den Kopf hin, der Ball spukt durch den Strafraum, aber wieder ist Kronholm am Posten (49.).

Bei Standards ist Kiel gefährlich: Erst ein zweifelhafter Freistoß – einer stolpert über Nachreiners Fuß – Duksch zirkelt den Ball ins rechte Eck, Pentke zur Stelle (54.). Die Ecke verfehlt Seydel um Zentimeter – und dann auch noch der vermeintliche Führungstreffer Schindlers aus Abseitsposition (60.). Der Jahn befreit sich wieder etwas besser, Grüttner über rechts im Strafraum, legt quer, keine freie Schussbahn für Mees, zum Schluss nestelt Saller am gegnerischen Trikot, Stürmerfoul (63.).

Seydels Kungfu-Sprung

Jetzt häufen sich die Ungenauigkeiten auf beiden Seiten, Kiel profitiert, Konter über Schindler, weiter Ball auf den freien Seydel, der mit Kungfu-Sprung die Kugel vorm leeren Tor wieder um Zehlänge verfehlt (66.). Modellhafter Ballgewinn im Mittelfeld, Mees geht durch, legt links raus für Hofrath, gerade noch ein Kieler Bein dazwischen (70.). Dann läuft der Regensburger Konter, 4:4, aber da ist der Mees zu eigensinnig, versucht den Abschluss am Kieler Fuß (72.).

Wechselphase: Asger Sörensen kommt für Gimber. Der eingewechselte Amara Condé darf über links völlig unbedrängt durchstarten, starker Pass auf Schindler, dessen wuchtigen Kopfball Pentke an der Linie festkrallt (78.). Für den ausgepowerten George kommt jetzt Sebastian Stolze (81.). Und Beierlorzer schreit sich einen Wolf nach Jonaaaas Nietfeld, der sich wohl beim Aufwärmen die Mütze zu fest über die Ohren gezogen hat – jetzt hat er’s realisiert und darf für Mees ins Schlussgetümmel.

Der Trend spricht für den Jahn

Auch Markus Anfang hat noch eine Idee: Tom Weilandt kommt für Seydel (87.). Nietfeld mit Auge für Adamyan, der versucht’s von halblinks, nicht ungefährlich (87.). Stolze steckt den Ball schön für Adamyan durch, Kronholm unten (90.) – und nach einem Kunstfehler der Kieler im Aufbau die letzte Konterchance, aber da fehlt jetzt die Kraft, weiter Ball auf Grüttner, die Bogenlampe fängt der Keeper runter (92.) – Feierabend.

Die Körpersprache sagt alles: Nicht etwa enttäuscht, denn dazu gibt es keinen Anlass, aber erschöpft beugen sich die Akteure nach Atem ringend nach vorne, gestützt auf die Knie. Wer hat mehr von diesem Punkt? Immerhin, der SSV beendet die schwarze Serie gegen Kiel und hat von den letzten zehn Spielen nur eines verloren. Holstein wartet dagegen seit acht Spielen auf einen Sieg. Am kommenden Samstag, 13 Uhr, kann der Jahn (6./30 Punkte) gegen Heidenheim (9./29) seine Pokal-Schlappe wettmachen.
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