23.08.2014 - 00:00 Uhr
RegensburgSport

Gegen Hansa Rostock verspielen die Regensburger ein 4:2 Jahn-Zirkus reicht für einen Punkt

Was war das nun: Beste Unterhaltung zum Vorabendprogramm? Slapstick? Jedenfalls bekamen 3807 Zuschauer – darunter gut 1000 aus Rostock – am Samstagnachmittag acht Tore zu sehen. Gerecht verteilt auf die beiden Mannschaften, vier für die Regensburger, vier für die Rostocker. Großer Staatszirkus im Sturm, Laientheater in der Abwehr.

Geburtstagskind Stephan Loboué stand öfter im Fokus, als im lieb sein konnte. Bilder: Herda/Göpel
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Jahn-Fans beim Turm punkten an diesem Spätsommertag mit Kultur: Eine Breitseite mit „Regensburg Originals – aufgewachsen im Schatten des Doms“ verhüllt die Gegengerade wie ein Denkmal, das mit dem Anpfiff enthüllt wird und den Blick freigibt auf Alex Schmids Aufstellung – jene Elf, die „noch am ehesten die Nerven für das Super-Stressspiel“ behalten sollte.

Im Tor beginnt Geburtstagskind Stephan Loboué, der sich laut Trainer nach der Denkpause im Training erholt und zupackend zeigte. Die Viererkette vom Pokalspiel in Hauzenberg mit Fabian Trettenbach, Gino Windmüller, Thomas Kurz und Matthias Dürmeyer soll ein Desaster wie in Dortmund verhindern. Andi Geipl und Oli Hein zentral bilden das Mittelfeld mit Jonas Erwig-Drüppel und Steininger auf den Außenbahnen. Die kleinen Wirbler Patrick Lienhard und Aias Aosman sollen die knapp zwei Meter Riesen in Rostocks Abwehrkette mit Steven Ruprecht und Christian Stuff zum Schwitzen bringen.

Flugeinlage des Geburtstagskinds

Aber zunächst einmal versucht Trettenbach mit halbherziger Klärung Keeper Loboué ins Spiel zu bringen: Kai Schwertfeger zieht von der Strafraumgrenze ab, der Ex-Burghausener fliegt und dreht die Kugel über die Latte (4.). Der Aufbau über Trettenbach auf Lienhard ist noch nicht das Ei des Kolumbus – der kleine 7er kann sich gegen massives Forechecking kaum durchsetzen. Jetzt mal Geipl und Daniel Steininger über rechts – geklärt. Auf der anderen Seite tritt Tempomonster Erwig-Drüppel zum ersten Mal über links an, nimmt Robin Krauße drei Meter auf zehn ab – aber der spitzelt den Ball noch seinem Keeper Jörg Hahnel zu (7.).

Nach 15 Minuten übernimmt Rostock mehr und mehr das Kommando. Der gute Bekannte aus Zweitliga-Tagen, Dennis Weidlich, zirkelt den Ball aus etwa 30 Metern Richtung Tor, Loboué verschätzt sich, der Ball springt vom Innenpfosten zurück (12.). Mal ein Konter über Geipl, der sich um Regiearbeit im Mittelfeld müht, aber etwas zu lange braucht – Steininger kann nur noch eine Ecke rausholen, die genau auf den Torwart kommt (17). Immerhin: Die zweite Ecke kommt gefährlich auf Windmüller, der erst mal verletzt liegen bleibt – zum Glück bleibt auch der Konter auf der Strecke und Gino rappelt sich wieder auf.

Fast ein Eigentor

Beim Jahn geht’s jetzt nur noch über Einzelaktionen: Trettenbach geht ab durch die Mitte, sein Schuss geht knapp rechts vorbei (17.). Noch besser macht‘s aber auf der anderen Seite Marcel Ziemer: Nach Einwurf Jahn auf der linken Seite, verdaddelt Kurz die Kugel, der Ex-Saarbrückener ist zur Stelle und verwandelt aus kurzer Distanz zum 0:1 (18.). Kurz darauf ist der Jahn dem Ausgleich nahe: Aosman dribbelt sich in den Strafraum und wird beim Ballwechsel von den Beinen geholt – Schiedsrichter Robert Schröder (Hannover) will davon nichts gesehen haben (23.).

Dafür sieht er im direkten Gegenzug das taktische Foul Andi Geipls im Mittelfeld genau und zückt dafür Gelb (23.). Immer wieder müht sich Geipl in der Mitte, aber ist noch eine Spur zu langsam, verliert den Ball und verursacht den Konter. Dann versucht’s der Jahn über Steininger, Lienhard und Aosman – Lienhard bleibt liegen (27.). Die 7 gibt aber nicht auf, mogelt sich in den Strafraum und bedient Aosman – Abseits (31.). Trettenbach geht über rechts, aber Keeper Hahnel fängt die Flanke runter (36.).

So bringt man sich in Bedrängnis

Rostock verwaltet jetzt das Ergebnis, aber der Jahn bringt sich immer wieder selbst in Bedrängnis: Trettenbach kommt nicht ganz an den langen Ball, Windmüller hat den Lupfer im 16er vor der Nase, bekommt aber keinen Zugriff – dann scheint die Situation bereinigt, aber schon kommt der nächste Pass flach vors Tor: Trettenbach drischt die Kugel vor Loboué weg. Jungs, man darf auch miteinander sprechen. Kurz darauf wird Aosman in Bedrängnis angespielt, der gibt zurück auf Trettenbach, welcher beeindruckt von zwei Angreifern ins Aus schießt (37.).

Jetzt sorgt zur Abwechslung die Jahn-Abwehr für Entlastung: Thomas Kurz kommt über rechts, bringt den Ball auf Windmüller, der aus spitzem Winkel ans Außennetz kickt (38.). Verkehrte Welt: Dafür holt sich Aosman den Ball im eigenen 16er und verhindert die Ecke (42.). Die Jungs versuchen es mit ihren Mitteln, aber Trettenbach haut von rechts haushoch drüber (46.). Ganz ehrlich: Wenn’s so weitergeht, wird das nichts – die Abwehr ist zu wacklig, der Sturm zu harmlos.

Mit Dressler ein völlig anderes Spiel

Endlich wieder Romas Dressler: Der lange verletzte Deutsch-Litauer macht sich für die zweite Halbzeit bereit – und sorgt auf Anhieb mit aggressiver Körpersprache und seiner Präsenz für ein völlig anderes Spiel. Ein erster Antritt des großen Blonden, seinen Schuss wehrt Hahnel zur Ecke ab – und dann ist Thomas Kurz zur Stelle und macht seinen Lapsus beim 0:1 wieder gut: Die lange 6 steigt am höchsten und köpft die Kugel mit der Wut des Schuldbewussten zum Ausgleich ins Dreieck – da schreit der leidgeplagte Rekonvaleszent die ganze Genugtuung heraus und reckt die Faust (49.).

Das sieht jetzt schon ganz gut aus: Steiniger setzt sich rechts durch, die Flanke nimmt Aosman trotz Manndecker an der Backe mit der Hacke, der verblüffte Hahnel steht genau richtig und bekommt gerade noch die Hände hoch (56.). Dann ein bemerkenswerter Antritt Trettenbachs über rechts, die Flanke kommt scharf, ein Rostocker schlägt über den Ball, Steininger knallt aus dem Rückraum knapp drüber (57.).

Unfassbar: Der Ball spaziert mit Loboué ins Tor

Der Jahn ist am Drücker, aber kleine Fehler bestraft der Fußballgott sofort: Nach viel zu scharfem Anspiel auf Aosman kontern die Rostocker erstmals vielversprechend in der zweiten Halbzeit und holen eine Ecke raus. Die Regensburger Abwehr guckt in den Himmel, die Kugel segelt Richtung langer Pfosten, Bogenlampe zurück, Ziemer kommt halbscharig mit dem Kopf dran, der Ball geht an den rechten Innenpfosten und ist wahrscheinlich schon hinter der Linie, als endlich auch Loboué mit ihm in den Armen im Rückwärtsgang ins Tor stolpert (61.) – so dämlich das aussieht, man kann ihm dabei nicht mal die Schuld geben.

Aber anders als nach dem 0:1 lassen die Jahn-Fohlen diesmal die Köpfe nicht hängen – sie halten dagegen. Ein starker Pass von Kapitän Oli Hein auf Aias Aosman setzt Kräfte frei, die überragende 10 ist von der Hansa-Abwehr nicht zu bremsen, im Strafraum knallt er das Ding von halbrechts links unten ins Netz (67.). Aber keine Zeit zum Durchschnaufen: Schon im Gegenzug eine mächtige Doppelchance für Rostock. Erst kracht der Schuss von David Blacha an die Latte, dann haut ein Hansa-Stürmer im Nachschuss drüber (68.).

Zehn stürmische Jahn-Minuten

Ein sensationeller Alleingang von Trettenbach scheint das Spiel endgültig zu drehen: Als ob noch keiner gemerkt hätte, dass dieser Nachwuchs-Rooney auch schießen kann, lassen ihn die Gäste ziehen – sein Flachschuss mit dem schwächeren Fuß prallt unhaltbar vom linken Innenpfosten zum 3:2 in den Kasten (75.). Zwei Minuten später bedankt sich Aosman bei Hein für dessen Torvorlage, Oli geht aufs Tor zu und wird an der Strafraumkante umgerissen – Hein wäre durch gewesen, das riecht nach Rot, ist dem Schiri aber nur Gelb Wert (77.). Den umständlich zelebrierten Freistoß haut dann aber Dressler vom 16er auf die Nordtribüne.

Wechselt Schmidt jetzt defensiv? Für den fleißigen Angreifer Steininger kommt Andi Güntner. Bei Rostock wirft sich Markus Gröger ins Getümmel (80.). Als wieder Aias auf und davon ist und sich durch den Strafraum wurstelt, wartet das ganze Stadion auf den Elfermeterpfiff, nachdem der Edeltechniker zum zweiten Mal gelegt wird – doch Dressler macht allen einen Strich durch die Rechnung und haut die Kugel selbst zum 4:2 unter die Latte (82.). Das sollte es also gewesen sein. Noch einmal ein klasse Konter, Güntner trifft den Innenpfosten, abermals ist Dressler zur Stelle, drischt das Kunstleder in die Maschen – nur leider aus einer Abseitsposition (84.).

Die Ecken-Dilettanten

Wenn’s dem Esel zu wohl wird, begibt er sich aufs Glatteis. Beim Jahn reicht es dagegen, wenn er eine Ecke zulässt. Erst klatscht Loboué einen Ball, der einen halben Meter danebengegangen wäre, zur Ecke ab. Wieder schauen die Regensburger den Ball verträumt hinterher, Sportfreund Weidlich bringt den Ball zurück in die Gefahrenzone, Ziemer, von dem wohl keiner ahnte, dass er torgefährlich sein könnte, hat Zeit und Raum um per Seitfallzieher aus acht Metern einzulochen (86.) – via rechter Innenpfosten.

So, zittern die vor Scham rot-weißen Jungs das jetzt über die Zeit? Der Jahn versucht’s nochmal mit einem Konter über Aias, der aus 20 Metern Meter zentral selbst abzieht – einen guten Meter daneben. Dann pariert Loboué einen Kopfball von Stuff auf der Linie (88.). Und dann beteiligt sich auch noch der Schiri an der Ergebniskorrektur: Ein Rostocker köpft unbedrängt ins Aus, der Hannoveraner deutet zum Eckpunkt. Und natürlich kennt keiner den Ziemer, weshalb der zum vierten Mal völlig frei seinen Viererpack schnürt (88.) – Prost Mahlzeit, der Jahn hat so viele Punkte, er kann sie sogar verschenken!

Am Samstag kommt Cottbus

Auf der Tribüne hellen sich nun sogar die Gesichter der vier Rostocker Hünen wieder auf, die nach anfänglicher Stimmhoheit ab Minute 82 nur noch mit in die Hände gestützten Köpfen auf der Tribüne lümmelten – vielleicht auch den vier Promille geschuldet, die sie zuvor getankt hatten. Thomas Kurz war als erster mit Erklärungsversuchen zur Stelle, um das verrückte Spiel zu deuten: „Ich denke, heute war positiv, dass wir uns nicht hängen ließen, das Spiel drehten und lange dominierten.“ Jetzt muss es nur noch mit dem Siegen klappen.

Zum Beispiel am kommenden Mittwoch, 19 Uhr, bei der U23 des VFB Stuttgart (19./3 Punkte) – immerhin eine von zwei Mannschaften, die hinter dem Jahn rangieren. Und am nächsten Samstag, 14 Uhr, reist die nächste mittelostdeutsche Mannschaft aus der Oberlausitz an – Energie Cottbus (8./8), im DFB-Pokal erst im Elfmeterschießen dem HSV unterlegen.

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