28.01.2017 - 19:29 Uhr
RegensburgSport

Jahn Regensburg lässt bei Hansa Rostock möglichen Dreier liegen: Eiskaltes Füßchen statt Killerinstinkt

Bei schattigen Null Grad scheinen den Regensburger Stürmern die Schussbeine eingefroren zu sein – vor allem Marco Grüttner und Benedikt Saller vergeben beste Möglichkeiten, um den ersten Auswärtssieg in Rostock einzutüten. So bleibt es im gespenstisch leeren Ostsee-Stadion bei einer letztlich leistungsgerechten Nullnummer.

Friedlich-schiedliche Verabschiedung nach dem 0:0 im Ostseestadion. Bilder: Göpel
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ist das noch Fußball? Was hatten sich die Fans in der bayerischen Regionalliga über die ungeliebten Dorfplätze echauffiert – im Vergleich zum riesigen leeren hallenden Rund in Rostock aber waren die Sportanlagen von Schalding-Heining und vor allem Buchbach richtige Hexenkessel – was hätten die bibbernden Pressevertreter für einen erwärmenden Tusch der oberbayerischen Kult-Vereinskapelle gegeben! Einziger Vorteil: Man kann die Zurufe von Spielern und Trainern wohl noch im Rostocker Hafen hören.

Zu hören gibt es einiges, wie etwa Heiko Herrlichs Appell: „Schieß doch mal“, gerichtet an Erik Thommy, der sich heute zu selten ein Herz fasst und wenn, dann schafft er es wie mit Eisblöcken an den Stollen kaum, dem Ball etwas Drive zu verleihen. Von den anderen Scharfschützen ganz zu schweigen: Jann George bleibt blass und kommt außer einem Kopfball-Lattenknaller über harmlose Kullerbälle nicht hinaus. Und die richtig guten Chancen in Hälfte zwei lassen dann die Sportsfreunde Benedikt Saller und Marco Grüttner achtlos liegen wie vergessene Regenschirme.

Herrlich: „Nach der Halbzeit klar dominiert“

„Ich freue mich“, beginnt Heiko Herrlich seine Ansprache, „dass wir hier zu Null gespielt und einen Punkt mitgenommen haben.“ Vom Spielverlauf her habe der Jahn-Trainer in der ersten Hälfte zwar ein leichtes Übergewicht seiner Mannschaft wahrgenommen, aber im letzten Drittel habe die Genauigkeit gefehlt.

„Nach der Halbzeit, denke ich, waren wir die klar dominierende Mannschaft mit zahlreichen Torchancen, haben es aber nicht geschafft, mit den Möglichkeiten was Zählbares zu erzwingen.“ Die beiden Chancen, die Hansa gehabt habe, resultierten aus Fehlpässen seiner Mannschaft. Mit der Leistung seiner Jungs könne er aber dennoch zufrieden sein.

Brand: „Hansa in der ersten Hälfte aktiver“

Hansa-Coach Christian Brand hat natürlich einen anderen Blick auf die Partie: „In der ersten Halbzeit waren wir ein bisschen aktiver und auch aggressiver in den Zweikämpfen, sind ganz gut ins Spiel gekommen – haben auch eine Chance durch Christopher Quirin, wo der Philipp Pentke gut mitspielt, und treffen das leere Tor nicht.“ In der ersten Halbzeit habe Rostock nichts zugelassen.

„In der zweiten Halbzeit war Regensburg richtig gut, da gab’s viele brenzlige Situationen für uns, wo Marcel Schuhen richtig gut gehalten hat.“ Dann aber hätte Hansa noch zwei richtig gute Möglichkeiten durch Tobi Jänicke und Stefan Andres. „Das war so eine Phase im Spiel, wo’s auf beide Seiten hätte kippen können – keine Mannschaft hat einen Treffer erzielt und von daher, glaube ich, dass es leistungsgerecht 0:0 ausgegangen ist.“

Jahn-Kader vom Club-Test beginnt

Der SSV Jahn beginnt in Rostock trotz der neuen Enge im großen 22er-Kader ohne die ganz große Überraschung: Philipp Pentke natürlich im Kasten, Oliver Hein, Sebastian Nachreiner, Marvin Knoll und Alexander Nandzik gruppieren sich zur Viererkette. Für Kolja Pusch hat es noch nicht mal zur Anreise gereicht, weshalb der in der PK hochgelobte Bene Saller seine Startchance bekommt. Marco Grüttner bekommt den Vorrang vor Hyseni – damit tritt die torwütige Formation vom 8:2 im Testspiel gegen Nürnberg II an.

Bei Hansa Rostock sitzt Topscorer Stephan Andrist (7 Treffer) zunächst auf der Bank. Mit von der Partie allerdings ist Marcel Ziemer, der beim legendären 4:4 der Rostocker in Regensburg alle vier Hansa-Tore eingenetzt hatte. Das muss man nicht noch mal haben.

Engagiert, aber schlampig

Das gefällt: Der SSV Jahn beginnt couragiert, steht hoch und ärgert Hansa von Beginn an in deren eigenen Hälfte. Das gefällt deutlich weniger. Nach Ballgewinn folgt schnell auch wieder der Ballverlust – mit verschmerzbaren Folgen: Nachreiner muss zum ersten Eckball klären. Und Oli Hein ist gleich mit dem hohen Bein gegen Christian Dorda zur Stelle und sieht zurecht Gelb (2.).

Das alte Lied: Philipp Pentke, der Riese auf der Linie, erreicht beim Spiel mit dem Ball kein Gardemaß – nach gutem Stellungsspiel klärt er auf den Fuß von Dennis Erdmann (7.). Engagierter Einsatz von Lais gegen letzteren, Weitergabe an George, der flankt von ganz rechts außen – da fehlt der Abnehmer (8.). Basti Nachreiner auf der anderen Seite etwas ungelenk gegen Quiring, aber mit etwas unkonventionellem Ganzkörpereinsatz bringt er die Situation wieder unter Kontrolle – der irritierte Rostocker gibt den Ball freiwillig her (10.).

Williger Geist, schwache Füße

Man sieht den Jahn-Aktionen den Willen an, es diesmal trotz Geisterstimmung nicht zu verpatzen: Der Geist ist willig, aber die Füße sind heute schwach: Grüttner und George spielen sich die Kugel zu, doch die 9 verheddert sich. Dennoch wirken die Regensburger Aktionen planvoller als der Kick und Rush der Gastgeber. Man hat schon mal darauf hingewiesen: Pentkes langer Ball ins Toraus ist keine Bereicherung für den Spielaufbau (14.).

Jedes Foul begleiten markerschütternde Schreie – schwer zu beurteilen, ob vor Schmerz oder damit Schiri Patrick Schult (Hamburg) auch sicher kein Foul übersieht. Nach Ziemers ungeziemendem gestreckten Bein gegen George, schallt dessen „Auuu“ durch Mecklenburg-Vorpommern. Der schlimme Bube sieht Gelb (15.). Saller macht im Mittelfeld als Antreiber eine ganz gute Figur, sein Abschluss vom Sechzehner freilich kann Schuhen nicht wirklich schocken (16.).

Distanzexperimente zum Warmmachen

Auch Edeltechniker Erik Thommy zieht elegante Kreise meist über links zur Mitte, sein Schüsschen aber verhungert in den Armen von Hansas Keeper (17.). Mal ein guter Einfall von Andi Geipl, der Grüttner schickt, seine Flanke aus der Drehung segelt ins Seitenaus (20.). Das sieht nicht so gut aus: Basti Nachreiner bleibt nach einem ruppigen Zweikampf liegen – nach kurzer Behandlungspause kann der Innenverteidiger mit neuem Trikot weitermachen (21.).

Erste brenzlige Situation für Pentke: Auge in Auge mit Quiring behält der Sachse die Nerven – aber wieder hapert’s mit dem zweiten Ball: Sein Befreiungsschlag landet beim Gegner, der versucht’s mit dem Kunstschuss aus 40 Metern auf den halbwegs leeren Kasten … drüber (25.). Und auch Geipls Distanzexperiment wird Hansas Schuhen heute Nacht nicht um den Schlaf bringen (26.).

Flanken-Dreschen um die Wette

Auch das ist einen Versuch wert: Thommy und Nandzik tippen den Ball an der Eckfahne um die Wette, dann kommt doch noch die Flanke, Ziemers Kopf ist Endstation für diese Torannäherung (29.). Auch nicht preisverdächtig: Jänickes Flanke kann Pentke mit dem Fernglas verfolgen (30.). Ist da eine Wette am Laufen? Denn jetzt drischt auch Hein die Kugel mit für seine überschaubaren Maße erstaunlicher Vehemenz in die leeren Ränge (31.). Und wenn’s dann doch mal feinmotorisch wird, fehlt die letzte Konsequenz: Grüttner verlängert Sallers Flankenwechsel per Hacke auf Thommy – der zögert zu lange und kann dann nur noch ins Aus kicken (35.).

Wenn Hansa halbwegs Gefahr ausstrahlt, dann erging zuvor eine schriftliche Einladung der Jahn-Abwehr: Marvin Knoll köpft bei einem Klärungsversuch seinen Gegner an, aber was macht der mit dem unerwarteten Ballgewinn? Ein Schusser verzogen wie nasses Holz (37.). Es fehlt bei allen Aktionen das Feingefühl: Grüttner will Hein an der Linie schicken, hat aber einen Zentner zu viel Wucht aufgelegt (39.). Und als sich Tim Väyrynen durch die gesamte Regensburger Verteidigung wühlt, vergisst er den Abschluss – die erzwungene Ecke verhallt unbejubelt (46.).

Jahn-Power-Playchen nach der Pause

Neue Halbzeit, neues Glück: Marco Grüttner ist offensichtlich torgamsig und zwingt Markus Hoffmann durch sein aggressives Forchecking fast zum Eigentor (46.). Langsam streift der SSV seine Winterstarre ab. Das sieht jetzt schon richtig nach Fußball aus: Thommy mit präziser Vorarbeit für Lais, der lässt sich nicht lange bitten, verlängert per Hacke auf Grüttner – doch das Tormonster der späten Vorrunde ist so überrumpelt, dass er das Ding in Rückenlage zu den Wolken schickt (47.).

Der SSV entdeckt die Außenbahn neu, Hein mit Elan in die Mitte, Lais steigt zum Fallrückzieher, der durchaus Richtung Tor segelt (50.). Dann bemerkt der aufmerksame Saller die Gasse zwischen den zwei Abwehrpommern, aber der dadurch in Szene gesetzte Grüttner scheitert an Schuhens Reflex (51.). Auch George versucht jetzt sein Glück im 16er, sein Schuss aber flattert wie in Zeitlupe abgefälscht in Schuhens Arme. Und noch ein George, das sieht schon dynamischer aus, Drehschuss von der Strafraumkante, Schuhen greift rechts unten nach dem Kunstleder (53.).

Jahn versemmelt beste Chancen

Rostock stolpert jetzt von einer Verlegenheit in die nächste. Saller darf aus 8 Metern erneut die Reaktion von Schuhen testen – nur Ecke. Entlastung für Rostock kommt nur noch, wenn sich der SSV besonders dämlich anstellt. Regensburg lässt den Konteransatz gewähren, langer Ball auf Stephan Andrist, Knoll reißt den Schweizer mit einem originellen Judo-Griff um – dafür gibt’s zwar keinen Gürtel, aber immerhin Gelb.

Andi Geipl hätte ja genug Gefühl im Fußgelenk – als er die Kugel von George am Fünfer serviert bekommt, möchte er aber nicht unsportlich sein und gibt dem Rostocker Keeper eine faire Chance: Schuhen dreht den Drehschuss seinerseits um den rechten Pfosten. Und wieder hat Bene Saller die Führung auf der Bauernspitze, möchte sich aber nicht durch seinen ersten Treffer in den Vordergrund drängen (62.).

Thommy zu altrusitisch

Damit es den gefühlten zehn Zuschauern – Kollegen, Techniker, Hausmeister – nicht langweilig wird, streut der SSV immer wieder mal aufreizende Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung ein. Andrist setzt sich gegen Nachreiner und Knoll durch, sein Schuss streicht über den Querbalken (65.). Endlich mal wieder ein Thommy-Alleingang auf der linken Seite, Zug nach innen, freie Schussbahn – und was macht der Leih-Augsburger? Altruistisch reicht er den Gral aller Fußballer an Saller weiter, als hätte der nicht schon genug geübt heute (66.) – „schieß doch mal“, hallt Herrlichs verzweifelter Ruf lange nach.

Ein weiteres Chancen-Triple für den SSV Jahn: Saller, Thommy und Grüttner finden keine Lücke in der etwa 18 Quadratmeter großen, unsichtbaren Mauer zwischen den beiden Pfosten und der Latte (72.). An der rechten Strafraumkante bekommt Thommy den Freistoß (75.): Da kann man mehr draus machen als eine indifferente Flanke ins Getümmel – immerhin Ecke: Georges wuchtigster Kopfball des Spiels bringt die Latte zum Wanken, aber sie hält stand. Und der geforderte Handelfmeter danach bleibt wohl zurecht ungepfiffen.

Rostocks Hallo-wach-Aktionen

Rostock streut in dieser Phase vereinzelte Hallo-wach-Aktionen ein: Ein schläfriger Oli Hein lässt Jänicke passieren und auch schießen, Pentke reißt die Fäuste hoch (76.). Die anschließende Konterchance verpatzt Thommy, der mit seinem Zuspiel unbedrängt das einzige Bein weit und breit zwischen ihm und dem bereits gestarteten George touchiert (77.). Zeit für eine Blutauffrischung: André Luge kommt für George (78.) – der blond-gefärbte Mähnenträger setzt sich gleich gegen drei Mann durch, ohne freilich dadurch den Jahn einem Sieg näherbringen zu können.

Damit wenigstens nach hinten keine Katastrophen mehr über Regensburg hereinbrechen, springt Lais in die Bresche und verhindert mit dem ganz langen Bein Hansas Tempogegenstoß (82.). Hein kurbelt noch mal über rechts, sein schwacher Pass aber wird geblockt (86.). Was Erik Thommy mit ungewohnter Hartnäckigkeit gegen drei Gegenspieler vor dem 16er aufbaut, reißt Geipl mit dem Arsch wieder ein, indem er sich die Kugel blind um drei Meter zu weit vorlegt (87.).

Gegen Großaspach: Sprung nach vorne?

Und auch Regensburgs linke Abwehrseite dämmert jetzt in den Schlussminuten so ein wenig vor sich hin: Amaury Bischoffs einziger nennenswerter Pass trudelt gelangweilt in den Strafraum, Pentke ist einen Schritt aus dem Kasten und zuerst am Ball, lässt dann aber abprallen – Nandzik hält noch den Fuß dazwischen (88.). Schiri Schult hat 40 Sekunden nach 90 Minuten bereits genug gesehen für heute und pfeift überpünktlich ab.

Jahn Regensburg (11./28 Punkte) hält somit Rostock (13./27) hauchdünn auf Abstand und kann am kommenden Samstag, 14 Uhr, gegen Sonnenhof Großaspach (8./29) mit einer gelungenen Rückrunden-Heimpremiere einen kühnen Sprung nach vorne machen – in der besten aller Jahn-Welten sogar bis auf Fortuna Kölns Platz 5 (31 Punkte/minus 7 Tore).

 

 

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