Jahn Regensburg muss 3-Punkte-Polster auf Platz 18 verteidigen
Starker Chemnitzer FC blickt in Finanz-Abgrund

Regensburger Erfolgserlebnis in Chemnitz 2014: 0:1 Jim-Patrick Müller (44., Linksschuss), 0:2 Abdenour Amachaibou (48., Linksschuss), 0:3 Jim-Patrick Müller (53., Kopfball). Bild: Göpel
Sport
Regensburg
09.12.2016
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Heiko Herrlich wartet nach vier Punkten aus sieben Spielen dringend auf ein Erfolgserlebnis. Bild: Göpel
 
Der Chemnitzer Trainer Sven Köhler hatte schon bessere Laune. (Foto: dpa)
Chemnitz: Community4you Arena |

Sportlich würde der SSV Jahn (15./21 Punkte) lieber dort stehen, wo der Chemnitzer FC gerade rangiert – auf Platz 6 (26 Punkte). Finanziell aber hat Regensburg hoffentlich hinter sich, was sich vor den Sachsen gerade auftut: ein Finanzloch von mehr als 3 Millionen Euro. War das überraschende 0:1 in Münster schon ein Indiz für die Verunsicherung der Himmelblauen? Wie wirkt sich das am Samstag, 14 Uhr, beim Gastspiel in der Community4you Arena aus?

Vom Schaden anderer zu profitieren, ist nicht die feine sportliche Art – bis zum letzten Korn um Punkte kämpfen, ja, auf die Depression des Gegners hoffen, nein! Schließlich ist die Bilanz beider Vereine perfekt ausgeglichen: 3 Siege stehen 3 Niederlagen gegenüber – nur ein Unentschieden fehlt bisher, und das wäre bei der augenblicklichen Tabellenkonstellation das Schlechteste nicht für die Oberpfälzer, die nach Heiko Herrlichs Beppo-Prinzip Schritt für Schritt zurück in die Erfolgsspur wollen.

Fanprojekt 10.000-Plus

Bei den Chemnitzern möchten die Fans dem von der Insolvenz bedrohten DDR-Meister von 1967 (1966 als Fußballclub Karl-Marx-Stadt gegründet) unter die Arme greifen. Mit dem Projekt „10.000 + X“ wollen die Anhänger gegen Regensburg vielleicht sogar das Stadion voll machen. „6700 Karten sind schon verkauft“, meldet Jahn-Pressesprecher Martin Koch den Zwischenstand, den die Kollegin aus Chemnitz Freitagmittag durchgegeben habe. Der bisherige Zuschauerschnitt liege bei 6200, den die Verantwortlichen als einen Grund für die Finanzkrise angeben. Damit könnte der SSV wohl momentan ganz gut leben.

Mitten im größten Chaos haben jetzt auch noch Vorstand und Aufsichtsrat das Handtuch geworfen. Am Mittwoch erklärten sie schriftlich: „Wir tragen Verantwortung für den Verein und die entstandene Situation und sehen uns in der Pflicht, unseren Teil beizutragen, dass der Chemnitzer FC eine Chance erhält.“ Als ersten Schritt zur Konsolidierung hat man den seit kurzem im Verein tätigen Dirk Kall, der mit der schonungslosen Offenlegung der Bücher die Misere ins Rollen brachte, zum Vorsitzenden der Geschäftsführung berufen.

CFC-Trainer: Fokus aufs Sportliche

„Der Verein ist in einer schwierigen Situation“, versucht CFC-Trainer Sven Köhler den Fokus aufs Sportliche zu lenken. „Wir als Mannschaft müssen das ausblenden und alles daran setzen, damit wir mit einer guten Ausgangsposition in die Rückrunde starten können.“ Regensburg sei ein besonderer Gegner, in dessen Reihen mit Torwart Philipp Pentke, Marc Lais, Markus Ziereis, Kolja Pusch und Alexander Nandzik fünf frühere Akteure mit an die alte Wirkungsstätte zurückkehrten – der sechste, Marcel Hofrath, fällt verletzungsbedingt aus.

„Natürlich freue ich mich auf dieses Spiel“, freut sich der frühere Publikumsliebling Philipp Pentke, der als Freiberger nicht ganz freiwillig die sächsischen Segel gestrichen hatte. „Mit der halben Mannschaft habe ich sicher noch zusammengespielt.“ Gänzlich ohne Rachegelüste kündigt er aber auch Widerstand an: „Ich fahre da nicht hin, um nur freundlich Hallo zu sagen, ich will natürlich gewinnen.“

Herrlich lobt tollen CFC-Kader

Über die Situation der Gastgeber macht sich Jahn-Trainer Heiko Herrlich keinen Kopf. Spekulationen haben noch kein Spiel gewonnen. Der Mannheimer muss mit dem Gelb gesperrten Andi Geipl auf eine seiner Konstanten verzichten. Eine Umstellung ist damit Fakt: „Benedikt Saller wird für ihn auf der 6er-Position spielen.“ Daneben seien noch zwei Positionen offen, die nach den letzten Trainingsleistungen vergeben würden. Im Sturm setze er weiter auf Marco Grüttner – zumindest in der Startelf.

Herrlich ist sich bewusst, dass er in Chemnitz auf ein Team trifft, das Zweitliga-Potenzial hat: „Ein toller Kader, Anton Fink, seine Torgefahr, oder Dennis Grote, den hatte ich in Bochum in der ersten Liga – ein U-21-Europameister.“ Trotzdem, man fahre da mit dem gleichen Selbstbewusstsein hin wie nach Osnabrück, wo man einen Dreier eingefahren habe – „ob‘s jetzt für drei Punkte reicht, das weiß ich nicht.“

Rothammer: Schlechtester Aufritt bisher


Präsident Hans Rothammer hat sich nach der 0:1-Pleite gegen Erfurt gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung not amused geäußert: „Der schlechteste Aufritt bisher zu Hause.“ Herrlich sieht es differenzierter. Nicht alles sei schlecht gewesen: „Die erste Halbzeit war ordentlich, die zweite Halbzeit, vor allem die Anfangsphase, da hatten wir einen Hänger und viele einfache Ballverluste.“ Ein von Unsicherheit geprägtes Match sei es gewesen: „Es macht einen natürlich auch nicht sicherer, wenn du Bälle eroberst und dann direkt wieder wegspielst.“

„Natürlich war die Mannschaft deprimiert“, gewährt er Einblicke ins jahnsinnige Seelenleben. „Das ist auch ein gutes Zeichen, wenn man verliert.“ Nach sieben Spielen mit nur vier Punkten müsse man nichts schönreden. „Es ist ganz klar, dass das dünn ist, dass es hätte mehr sein müssen.“ Da stünde das Team in der Verantwortung, „dass wir alles möglich machen, um das zu drehen“. Die Trainingswoche sei sehr konzentriert verlaufen: „Ich habe schon das Gefühl, dass die Spieler unbedingt zeigen wollen, dass wir da was holen.“ Er habe viele kleine Spielformen trainieren lassen: „2 gegen 2, 3 gegen 3, um den Fokus daraufzulegen, in der Defensive Zweikämpfe zu gewinnen – die Basis, um in Chemnitz was zu holen.“

Keine Mikrofone in der Kabine

Die Lage – mit drei Punkten Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz 18 sei ernst, aber kein Grund zur Panik: „Wir haben bewiesen in diesem Jahr, dass der Kader stark genug ist für die Dritte Liga.“ Das Potenzial sei da, und jetzt gehe es darum, das wieder zu heben. „Daran arbeiten wir.“ Das Ziel bleibe das gleiche: 45 Punkte und damit die Klasse so schnell wie möglich zu halten. „Wir haben auch in Phasen, wo es gut lief, nicht angefangen zu spinnen.“ Deshalb könne man jetzt auch Ruhe bewahren.

Debatten um verlorene Stammplätze habe es zumindest offen keine gegeben: „Ich habe keine Mikrofone in der Kabine versteckt oder Kameras, so dass ich permanent mitbekomme, was da los ist und was da gesprochen wird – aber daran, wie sie arbeiten, sehe ich, dass sie sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren.“

Stärken: Ball am Fuß oder in der Tiefe

Warum der zuletzt so engagierte André Luge gegen Erfurt pausieren musste? „Wir haben es letzte Woche mit einem Gegner zu tun gehabt, der eher tief stand, der nicht rausgekommen ist – und Andi Lugé hat eher seine Stärken, wenn er Raum hat mit seiner Schnelligkeit.“ Deshalb habe er sich für Kolja Pusch entschieden, der seine Stärken „mit dem Ball am Fuß“ habe und nicht so in die Tiefe gehe.

Die Hundertschaft an Regensburger Gästen erwartet in Chemnitz nicht nur ein potenziell volles Stadion, sondern im Vergleich zur Kühlschrank-Atmosphäre vom Freitagabendspiel gegen Erfurt angenehme 9 Grad bei Sonnenschein – zumindest, wenn die Wettervorhersage eintritt.
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