Jahn Regensburg schenkt Souterrain-Duell gegen Erfurt ab
Fahrig wie der verschossene Elfer

Erleichterung bei Rot-Weiß Erfurt, hängende Köpfe beim SSV Jahn. Die Heimniederlage im vorletzten Heimspiel vor der Winterpause bringt die Regensburger in arge Kalamitäten. Bild: Herda
Sport
Regensburg
02.12.2016
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Keeper Philipp Klewin kann die Gelbe für seine Psycho-Spielchen gut verkraften. Bild: Herda
 
Denn anschließend knallt Andi Geipl die Kugel an den Pfosten. Bild: Herda
 
Für die Zweite Liga war das definitiv zu wenig: Kolja Pusch zeigte allenfalls Durchschnitt. Bild: Herda
 
Carsten Kammlott hatte drei 100-Prozentige. Das Tor macht er aber mit einem Sonntagsschuss. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Es ist ja nicht so, dass die 4209 Zuschauer bei 0 Grad und Eisnebel am Freitagabend ins Stadion kommen, um sich mal so richtig ausärgern zu können: Nach dem völlig überflüssigen 0:1 gegen Rot-Weiß Erfurt und einem verschossenen Elfmeter in der 87. Minute ist die Stimmung jedenfalls unter dem Gefrierpunkt – Jahn Regensburg (15./21 Punkte) hat bei einem Spiel mehr nur noch 3 Punkte Abstand auf Paderborn und den ersten Abstiegsplatz.

Der erste Eindruck: Die Einstellung der Mannschaft stimmt, jeder ist extrascharf wie Senf auf die schnelle Balleroberung, und der Gegner beschränkt sich als Allzweckwaffe auf weitgehend harmlose Schüsse aus der zweiten Reihe. Was soll da schon groß schiefgehen? Doch je länger das Spiel dauert, desto mehr häufen sich die Stockfehler. Passen die Regensburger die Bälle zu Beginn noch souverän von hinten über viele Stationen nach vorne, löst schon bald der völlig aussichtslose Kick auf die einzige Spitze das spielerische Element ab.

Unkonzentriert wie mit ADHS

Die Folge: kein Spielfluss, kaum Chancen. Dazu haarsträubende Fehler, von denen Marvin Knolls zwei Ausrutscher nur deshalb besonders herausstechen, weil Carsten Kammlott allein auf den heute stärksten Regensburger zulaufen kann – und beide Male an Philipp Pentke scheitert, der die Gastgeber im Spiel hält. Und das nicht etwa, weil der Gast aus der Landeshauptstadt Thüringens so stark aufspielt – die Drangphase, die beide Trainer nach der Pause ausmachen, haben die Erfurter, die nun mit dem Jahn Plätze tauschen, einer Regensburger Mannschaft zu verdanken, die spielt, als ob sie kollektiv unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) litte.

Ein ums andere Mal bringt das Regensburger Mittelfeld die Gäste in die Offensive – Andi Geipl allein, den man sicher kein mangelndes Engagement vorwerfen kann, unterbricht in der zweiten Hälfte ein halbes Dutzend Mal den Spielaufbau durch Fehlpässe aus kürzester Distanz. Ob es dann klug ist, selbst zu einem so wichtigen Elfmeter anzutreten? Natürlich kann das jedem passieren und keiner sticht heute mit besonders konzentrierter Leistung heraus. Aber es könnte – Stichwort Selbstkritik – schon zu denken geben, wenn selbst Drei-Meter-Pässe am gegnerischen Schuh kleben bleiben.

Stefan Krämer: „Quäntchen Glück“

„Ich glaube, dass wir in der ersten Halbzeit ein sehr intensives, enges Spiel gesehen haben“, beschreibt RWE-Trainer Stefan Krämer seine Eindrücke, „wo beide Mannschaften eine ähnliche Strategie – schnelle Ballrückeroberungen, gut umschalten – verfolgt haben.“ Das Unentschieden zur Halbzeit gehe in Ordnung, „wobei wir eigentlich die größte Chance haben über Carsten Kammlott, der allein aufs Tor zuläuft“. In der zweiten Halbzeit sei sein Team vom Anpfiff weg sehr gut reingekommen: „Ich finde, dass wir uns festgesetzt haben in der Regensburger Hälfte, dass wir sehr viele sehr gute Ballgewinne hatten, und auch folgerichtig verdient in Führung gegangen sind.“

Danach habe seine Mannschaft die guten Kontermöglichkeiten nicht bis zum Ende ausgespielt. „Und dann haben wir mit allem, was wir hatten, verteidigt – es gibt einen Elfmeter und natürlich, wenn du in der 87. Minuten einen gegen dich kriegst und der geht nicht rein, ist auch ein Quäntchen Glück dabei, da muss man nicht rumreden.“ Trotzdem hätten sich seine Jungs den 1:0-Sieg verdient, nachdem sie gegen Chemnitz das Glück nicht auf ihrer Seite gehabt hätten. „Andernfalls hätten wir uns aber an die eigene Nase fassen müssen, weil wir beste Chancen hatten.“

HH: „Uns hat die Präzision gefehlt“

„Die erste Halbzeit sind wir ganz gut ins Spiel gekommen, hatten auch ein paar ganz gute Möglichkeiten“, sagt Jahn-Trainer Heiko Herrlich, „nach eigenen Balleroberungen hat uns die Präzision gefehlt, da haben wir die Bälle viel zu schnell wieder verloren, sind nicht gut ins letzte Drittel gekommen, hatten da keine Abschlüsse – in der ersten Halbzeit kein einziger Schuss aufs Tor, bei dem der gegnerische Torwart ernsthaft geprüft worden ist.“ Kammlott habe seine Großchance Marvin Knoll zu verdanken, der ausgerutscht sei.

Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit sieht Herrlich noch eine Großchance von Erik Thommy. „Zwischen der 46. und 60. Minute hat das Spiel dann ganz klar Erfurt gehört, die haben uns da richtig unter Druck gesetzt, und wir sind da nicht mehr hinten rausgekommen.“ Dann sei folgerichtig das 0:1 gefallen. „Wir hatten direkt danach die Großchance von Marco Grüttner – der Ball muss dann halt auch mal rein, das ist nicht passiert.“ An den Umstellungen – Alex Nandzik, Marc Lais, Uwe Hesse und Kolja Pusch anstelle von Marcel Hofrath (Muskelfaserriss), Benedikt Saller, Jann George und André Luge habe es nicht gelegen.

4 Punkte in 7 Spielen: „Wie ein Absteiger“

„Wir haben in den letzten sieben Spielen vier Punkte geholt – das ist wie ein Absteiger.“ Dass Herrlich da auch mal durchtausche, Spieler eine Chance gebe, die sich im Training vollreinhauen, und anderen eine Pause geben, die nicht mehr so gut gespielt hätten, müsse man ihm zugestehen. Uwe Hesse sei sehr bemüht gewesen, habe ab und zu die falsche Entscheidung getroffen, sich aber vollreingehauen. Das Problem sei: „Wenn man nicht auf den Pfad des Dienens zurückkehrt, sich immer nur damit beschäftigt, ,warum spielt der und nicht ich‘, kann man sich nicht aufs Wesentliche konzentrieren.“ So eine Negativspirale könne auch noch weiter nach unten gehen.

Herrlich habe nach dem Rückstand auf Dreierkette umgestellt, zwei frische Leute eingewechselt, versucht, alles nach vorne zu werfen. „Dadurch sind noch Chancen für Erfurt entstanden, wo sie den Sack früher hätten zumachen können – das haben sie verpasst.“ Den Elfmeter nach Foul an Haris Hyseni habe Andi Geipl leider verschossen: „Kein Vorwurf, den wichtigsten Elfmeter in diesem Jahr hat er reingemacht – sonst wären wir gar nicht hier.“ Vielleicht hätte man einen Punkt verdient gehabt, dafür, alles versucht zu haben. „Aber das Glück ist gerade nicht auf unserer Seite.“

Gegenseitige Giftigkeit neutralisiert

Es ist so eine Sache mit der Giftigkeit, wenn sie beide an den Tag legen. Da bringen sich zwei Mannschaften erst einmal gegenseitig in Verlegenheit. Erste Großchance nach schnellem Ballgewinn: Kolja Pusch schickt Oli Hein rechts, Keeper Philipp Klewin unterläuft die Flanke, ein Blauer köpft vor Marco Grüttner neben das leere Tor – die fällige Ecke fällt aus (7.). Stattdessen führt Erfurts erste Ecke zum Konter über Wiesel Uwe Hesse, vier gegen drei, rechts raus auf Thommy, verunglückte Flanke, verschenkt (10.). Erfurt hat den offensichtlichen Auftrag, aus jeder Lage zu schießen, wie Liridon Vocaj oder Sebastian Tyrala – gefährlich wie eine Blindschleiche (11./12.).

Andi Geipl geht zentral immer wieder mal aufreizend lässig zur Sache – die Folge: Ballverlust im Mittelfeld. Der Jahn spielt sich aber immer wieder schön, wenn auch riskant hinten raus, eine enge Sache. Leider ist dann der letzte Pass in die Spitze zu ungenau (11.). Grüttner zieht nach gewonnenem Kopfballduell ab, da fehlt nicht viel (13.). Nächste starke Aktion über rechts, der Pass diesmal von Geipl – da hätte der Erfurter fast den Fuß zum Eigentor hingehalten (15.). Dann steckt Thommy schön für Lais durch – Schiri Marcel Schütz entscheidet auf Abseits (16.).

Marvins blauer Bock

Durch dumme Fehler bringt sich der Jahn gegen bislang harmlose Erfurter selbst in Kalamitäten – wieder Ballverlust im Mittelfeld, aber die Thüringer spielen die Konter schwach aus. Schon wieder ist die Kugel weg, und Regensburg hat Glück, dass die Blauen foulen (21). Ein unglaublicher Bock von Marvin Knoll: Als letzter Mann rutscht er weg, Kammlott läuft allein auf Pentke zu, der gewinnt den Krimi (23.). Da war mal ein Zweitliga-tauglicher Pass von Pusch in die Tiefe, Pustekuchen, abseits (28.).

Zu viel Hektik, zu oft auf die einsame Spitze, zu wenig durchdacht. Wieder ein optimistisches Ding weit nach links vorne, Pusch ohne Chance auf den Ball, denkt aber an mögliche Beobachter auf den Rängen und rutscht von hinten rein, Gelb (37.). Wenn’s konventionell nicht geht, dann vielleicht artistisch: Thommy nach Hein-Einwurf mit Fallrückzieher aus 16 Metern, nicht übel (40.). Geipl hat den Ball und hat ihn nicht mehr, Nachreiner mit nervösem Outkick (42.), ein Fehlerfestival. Chancen sind nicht nur Mangelware, sondern Zufallsprodukte wie Puschens schöner Schlenzer vom Strafraum nach erneutem Einwurf (44.).

Gefrorene Hax‘n

Die zweite Hälfte beginnt mit Geipls Halluzinationen: Die 8 knallt die Kugel rechts raus, wo so was von keiner steht – hat der Jahn so viele Bälle, dass er sie verschenken kann (48.)? Das wird jetzt fast zur fixen Idee: Durch das Opernglas sieht man klar Geipls nächsten Fehlpass (52.). Offensichtlich sind den Spielern die Hax‘n eingefroren: Erst ein ordentlicher Ballgewinn am gegnerischen Strafraum, dann ein Heber ins Nichts (54.). Nur Einzelaktionen sorgen halbwegs für Hingucker: Alex Nandzik läuft Slalom, aber der letzte Pass kommt nicht – dasselbe Spiel bei Thommy (56.).

Dafür testen die Erfurter Pentkes Aufmerksamkeit: ein Heber aus 30 Metern, der Keeper muss ihn über die Latte heben (60.). Und das ist dann bei aller Brillanz von Carsten Kammlotts Sonntagsschuss frei nach Kant schon auch selbstverschuldete Unmündigkeit: Nach einer Ecke kommt der Erfurter Stürmer zwischen drei Regensburgern zum unbehinderten Drehschuss in den Winkel – 0:1 (61.). Auf der Gegenseite dann gleich die galaktische Gelegenheit für Marco Grüttner zum Gegenschlag, aber Keeper Klewin ist dran (64.). Der erste überfällige Wechsel: Jann George kommt für Hesse (66.).

Spielaufbau in des Gegners Beine

Selbst Sebastian Nachreiner ist nicht frei von Stockfehlern, auch wenn der Ball vorm Fünfer aufspringt – mit dem Bauernspitz zur nächsten Ecke (67.). Oli Hein beackert seine rechte Seite beachtlich, Flügellauf bis zur Strafraumkante, scharfer Pass, Thommy kann den Ball nicht kontrollieren (68.). Dann spielt Hein steil für George, die flache Flanke kommt genau auf den Abwehrspieler (70.). Jetzt gibt Herrlich ALLES. Markus Ziereis und Haris Hyseni kommen für Pusch und Grüttner. Erfurt bringt Daniel Brückner für den Vielläufer Samir Benamar (73.).

Auf dem Platz aber ist der nächste Ballverlust von Andi Geipl zu bestaunen. Und wenn der mal den Fehlpass verpasst, springt Marc Lais in die Presche: unbedrängt in des Gegners Beine beim Spielaufbau (75.). Und dann ist er wieder zur Stelle: Andis Fehlpass aus drei Metern – was hat man den Jungs in den Tee getan? Offensichtlich zu wenig. Ein Trauerspiel: Kammlott darf wie das Gespenst von Canterville durch drei Regensburger marschieren, Pfosten (79.). Dann verschätzt sich Philipp Pentke ein Stückweit und muss einen Allerweltsheber noch rausfischen (80.). Sein Pendant Klewin hat sich dagegen voll auf das Spiel mit der Zeit versteift – jeder Abstoß wird zelebriert, als ob er der letzte wäre. Rossberg lässt grüßen.

Klewins gelungene Psycho-Spielchen

Gut, eine unübersichtliche Situation ist das schon. Haris Hyseni versucht sich im Strafraum durch die generische Mauer zu stehlen und fällt – war da wirklich ein Fuß an seiner Wade? Keeper Klewin gefällt sich in Psycho-Spielchen, streitet sich mit Andi Geipl um die Kugel, die bereits auf dem Punkt liegt, und nimmt sie wieder weg. Der Schiri schreitet mit warnender Körpersprache dazu. Ein Schelm, der Zweifel an Andis heutiger Verfassung hätte – Geipl läuft an, es kracht, der Ball springt vom Pfosten, nachvollziehbares Erfurter Triumphgeheul.

Danach die in puncto Spannung beste Phase des Spiels: ein offener Schlagabtausch, Powerplay rund um den Erfurter Strafraum, hohe Bälle, die schlecht verteidigt werden, mal ist Hyseni noch dran, mal Thommy, mal Nachreiner – es ist eng, aber keiner bringt das vermaledeite Runde ins Eckige. Auf der anderen Seite kann, nein muss Erfurt die Kiste zunageln: Knoll verliert den Ball erneut slapstickartig gegen Kammlott, der allein wie beim Penalty auf Pentke zuläuft und am langen Bein des Keepers scheitert (92.). Gleiches Spiel, neues Glück: Sebastian Tyrala auf und davon kann sich allein vor Pentke die Ecke aussuchen – auch ihn hypnotisiert der Regensburger Keeper (93.). Es bleibt beim 0:1.

Zen oder die Kunst des Toreschießens

Der eine Punkt, der gegen einen Gegner mit überschaubarem Spielwitz, verdient gewesen wäre, hätte die Kellerkinder zumindest auf Abstand gehalten. Jetzt müssen die Oberpfälzer in den nächsten zwei Wochen vor der Winterpause in weit schwierigeren Situationen Nervenstärke beweisen. Man kann über Jürgen Klinsmanns – here we go – Buddha lachen. Aber langsam sollte neben das Hohelied der Gier auch einmal eine Hommage an die Konzentrationsfähigkeit der Spieler treten.

Zen oder die Kunst des Toreschießens: Dass es kein böser Wille von den Jungs ist, gefühlte 80 Prozent der Bälle den jeweiligen Gegnern an die Stutzen zu knallen, wollen wir gerne glauben. Und auch Marco Grüttner, der ja bei der Vorwärtsverteidigung tolle Moral beweist, wird nicht freiwillig beste Chancen vergeben – alles was hilft, die Konzentration in Stresssituationen zu verbessern, wäre da willkommen. Auch Yoga, Bogenschießen oder Synchronschwimmen – gewissermaßen „back to the roots“ des Schwimm- und Sportvereins. Denn am kommenden Samstag, 14 Uhr in Chemnitz (3./26), und die Woche darauf gegen das punktgleiche Preußen Münster (14./21) müssen Punkte her.
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