25.02.2017 - 18:00 Uhr
RegensburgSport

Jahn Regensburg springt nach 2:1 beim VfR Aalen von Platz 9 auf 3: SSV stürmt auf den Relegationsplatz

Das geht nicht mehr mit rechten Dingen zu in dieser Dritten Liga: Da schaut der SSV Jahn wochenlang zurecht mit bangem Blick nach hinten – und kaum verliert er mal sieben Spiele nicht, schon steht er auf Platz 3! Sicher, das 2:1 beim finanziell angeschlagenen VfR Aalen war keine Glanzleistung der Regensburger – insgesamt geht der knappe Sieg aber in Ordnung, weil die Gäste mehr ins Spiel investierten.

Erik Thommy freut sich mit dem Torschützen wie ein Schnitzel - vielleicht kann man den Leih-Augsburger ja doch noch halten, ein Zweitliga-Aufstieg wäre ja kein schlechtes Argument. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

4281 Zuschauer – für Aalener Verhältnisse zweitgrößte Kulisse in dieser Saison – durften zur Halbzeit auf ein typisches schwäbisches Phänomen hoffen: Sparsamer Mitteleinsatz, zwei Chancen, eine Ecke und Innenverteidiger Robert Müller köpft zum bis dahin schmeichelhaften 1:0 (42.) für die Gastgeber ein. Und auch in der zweiten Hälfte scheint das effektive Rezept von VfR Trainer Peter Vollmann aufzugehen – bis Schiedsrichter Oliver Lossius (Sondershausen) nach einem schnell ausgeführten Freistoß das 2:0 wegen angeblicher Abseitsstellung nicht gibt.

Die Regensburger können sich zwar über weite Strecken im Ballbesitz sonnen, aber ab dem 16er ist meist Schluss mit lustig. Doch dann drehen die Oberpfälzer den Spieß um, machen aus der Not eine Tugend und aus ganz wenig sehr viel: Erst glänzt der eingewechselte Uwe Hesse mit einem Präzisionspass auf Marc Lais, der zum 1:1 (72.) einköpft. Und dann löst Urviech Marvin Knoll Leichtfuß Erik Thommy beim Freistoßmassenschießen ab – und dreht das Ding elegant zum 2:1-Endstand (78.) in die Maschen.

Herrlich: „Sehr glücklicher Sieg“

„Wir freuen uns natürlich riesig, dass wir hier gewonnen haben“, beginnt Jahn-Trainer Heiko Herrlich sein PK-Statement, „es war ein sehr glücklicher Sieg – ich kann jetzt noch nicht beurteilen, ob das Abseits war beim nicht gegebenen 2:0, dann wäre der Sack zu gewesen, dann wären wir schlecht noch mal rangekommen.“ Dazu der Kopfball, der kurz vor Schluss knapp vorbei gegangen sei – alles in allem also ein glücklicher Sieg.

„Ich denke, übers Spiel hinweg sind wir ganz gut hineingekommen“, fasst der Regensburger Übungsleiter zusammen, „wir haben eine erste gute Pressingsituation, wo wir den Ball dann vertändeln, in einen Konter laufen, da hatten wir Glück.“ Gegen Mitte der Halbzeit sei es wieder besser gelaufen mit zwei Abschlüssen von Erik Thommy. „In der zweiten Halbzeit haben wir mehr fürs Spiel gemacht, wollten den Ausgleich erzwingen“, erklärt Herrlich. „Umso schöner, dass Marvin Knoll das Spiel noch für uns entscheidet.“

Vollmann: „Unerklärliche Defizite“

„Wir hatten in den ersten Minuten die Riesenchance, wo wir hätten in Führung gehen können“, ärgert sich VfR-Trainer Peter Vollmann. „Aber insgesamt muss man einfach sagen, dass Regensburg die bessere Mannschaft war, spielerisch besser war.“ Vollmann sah zu viele für ihn unerklärliche Defizite bei seiner Mannschaft: „Wir haben teilweise nur mit acht, neun Mann richtig dagegen gehalten, das reicht dann natürlich nicht, wenn man gegen eine solche Mannschaft wie Regensburg spielt.“

Insgesamt sei es aber eher ein 0:0-Spiel mit Vorteilen für den Jahn gewesen, weil man selbst zu viel in der Defensive beschäftigt gewesen sei, zu wenig klare Bälle zustande gebracht, sich unglaublich viele Fehler geleistet habe. „Dazu zum Schluss noch ein dummes Foul in der Nähe des Strafraums, das den Siegtreffer möglich gemacht hat – da sind sehr viele Defizite zusammen gekommen.“ Wenn man die anderen Ergebnisse sehe, werde man mit der jungen Mannschaft noch gehörig unter Druck kommen.

Flagge zeigen für den Verein

Nicht nur die Aalener zeigen heute für ihren insolventen Verein Flagge, auch rund 200 Jahnanhänger unterstützen ihr Team auf der Schwäbischen Alm. Wie angekündigt muss der SSV-Trainer die Position des verletzten Oliver Hein neu besetzen – Robin Urban übernimmt erwartungsgemäß diesen Job. Jann George rückt für die Regensburger – im roten Trikot und mit roten Hosen – nach seiner Vorlage für den Siegtreffer gegen Frankfurt in die Startelf.

Philipp Pentke übernimmt Verantwortung als Kapitän – hoffentlich schließt er sich nicht wie Markus Palionis und Oli Hein auch noch dem Lazarett an. Der SSV übernimmt zunächst die Regie im Schwabenland, Jann George lässt einen Gegenspieler stehen, die Flanke auf Erik Thommy geht aber ins Seitenaus (2.). George macht seinen Fehler wett, zwingt einen Aalener zum Fehlpass (3.). Aber die Hausherren in Schwarz-Weiß kontern über Matthias Morys – die Flanke des Stürmers, der in Regensburg die Führung erzielte, ist um ein Mückenbein zu weit für Gerrit Wegkamp (4.).

Aalen versucht’s mit Kontern

Im Ansatz kann man erkennen, wie Aalens Trainer Peter Vollmann seine Parole vor dem Spiel verstanden wissen will: „Wir müssen uns im Spiel mit und gegen den Ball einen guten Gegenentwurf zu Regensburg einfallen lassen.“ Auf dem Platz sieht man das Bemühen, schnell umzuschalten, aber Pentke hat aufgepasst, und klärt zehn Meter vor der Mittellinie (9.). Jetzt probiert’s der VfR mit dem langen Einwurf an den Fünfmeterraum, Nachreiner ist mit dem Kopf zur Stelle (12.).

Auf der anderen Seite sichert Marco Grüttner die Kugel am Aalener Sechzehner ab, schickt George über rechts, dessen Pass aber ins Toraus geht (14.). Freistoß Aalen, Pentke klärt mit den Fäusten (14.) – und kegelt dabei ein Offensivquartett um (16.). Nachreiner blockt Morys, Schiedsrichter Oliver Lossius lässt weiterlaufen (18.).

Jahns Standard-Schwäche

Es ist nicht die große Stärke der Gäste, auch wenn Erik Thommy das eigentlich kann: Seine Freistoßflanke aus 40 Metern flattert in Aalens 16er, aber weit und breit ist da kein Roter, der damit was anfangen könnte (23.). Das kann er besser: Thommy erzwingt sich durch zwei Schwarz-Weiße eine Gasse in den Strafraum, die Bogenlampe kommt nicht mehr auf Lattenhöhe runter (28.). Urban muss auf der anderen Seite die Kugel vor Morys wegdreschen (29.). George mit dem dritten kleinen Foul: Pentke hat keine Probleme, den schwachen Freistoß runterzupflücken (30.).

Aalen trötet zur letzten Viertelstunde, der Jahn wertet das als Signal: Freistoß aus 25 Metern … wieder nur Ecke, vor der sich bislang nur die Eckfahne fürchten muss – und auch diesmal nutzt der SSV den Standard nur zum Üben. Morys setzt sich gegen zwei Regensburger durch, der Schiri pfeift den Vorteil zurück, das Stadion zürnt (35.). Achtung, Menig und Morys doppelpassen sich in den Sechzehner, Urban und George stürzen sich erfolgreich auf die Kugel (39.).

Minimalistisch zur Führung

Schneller Einwurf von Nandzik auf Thommy, der kann Maß nehmen für seine Flanke, trifft aber doch erst mal nur ein Aalener Bein. Der Abpraller landet bei George, der beim Schussversuch über die eigenen Füße stolpert und gerade mal eine Rückgabe zu Keeper Daniel Bernhardt zustandebringt (41.).

Wie man’s besser macht, zeigen die Gastgeber: Erste Ecke für Aalen, Robert Müller steigt am Elfmeterpunkt unbedrängt zum Kopfball hoch und stempelt die Kugel zum 1:0 ins Netz (42.) – Marco Grüttner ist viel zu weit weg vom Mann. Was für ein Kontrast: der VfR minimalistisch, der Jahn umständlich.

Herrlich setzt auf Risiko

Heiko Herrlich setzt wie in Halle auf Risiko – erleichtert wird ihm die Entscheidung dadurch, dass Hein-Ersatz Robin Urban offenbar angeschlagen ist. Uwe Hesse darf sein Kämpferherz in die Waagschale werfen, vielleicht kommt heute ja auch mal etwas mehr Präzision beim letzten Pass dazu. Erst einmal aber sieht Haris Hyseni nach einer Nickligkeit an Fabian Menig Gelb (47.).

Philipp Hercher kurbelt den Konter an, Geipl keucht hinterher und holt sich die Kugel (51). Es bleibt beim Stückwerk: Thommy versucht Grüttner in Szene zu setzen, der verpasst die Flanke (52.). Nach seinem vierten Foul sieht Jann George die Mengenrabatt-Karte in Gelb (56.) Herrlich ist offenbar mit der Leistung von Hyseni nicht einverstanden, der keine Bindung zum Spiel findet – André Luge (57.) soll’s besser machen. Und auch Aalen will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern bringt mit Sebastian Vasiliadis, Schütze des 2:0 in Regensburg, und Mika Ojala zwei frische Kräfte (57.).

Spiel gedreht statt Vorentscheidung

Es bleibt dabei, der SSV findet keine Lücke: Hesse mit der Flanke Richtung Fünfer, Grüttner verpasst (59.). Thommy visiert Lais an, der kann den Ball nicht stoppen (59.). Dann versucht’s Thommy mit dem Fernschuss aus 25 Metern selbst, kein Problem für Bernhardt (66.). Auf der anderen Seite bekommt der VfR einen Freistoß 20 Meter halblinks – unübersichtliche Szene vor Pentke, ein Aalener steht im Abseits, die Kugel trudelt aber von Uwe Hesses Schienbein ins Tor, der Treffer hätte zählen müssen. Die Fahne ist dennoch oben, Glück für Regensburg (68.).

Grüttner und Luge stehen sich im Strafraum gegenseitig im Weg, Grüttners Schuss harmlos (70.). Thommy mit seinem gefühlt 20. Anlauf über links, wieder ein Fuß dazwischen, Hesse bekommt den Abpraller, seine Flanke landet punktgenau auf Marc Lais Birne im Fünfer, Bernhardt lenkt das Leder noch an den Innenpfosten und von da springt der Ball ins rechte Eck, 1:1 (71.). Ja, was ist das denn? Andi Geipl holt den Freistoß 20 Meter zentral vor dem VfR-Tor. Nach 79 vergeblichen Versuchen lässt Thommy Marvin Knoll ran und der weiß nichts besseres, als das Leder aus 20 Metern ins Netz zu dreschen, 2:1 (77.). „Der Papi durfte mal ran“, lacht er danach, „und da hab' ich ihn halt reingemacht.“

Spannende Schlussphase

Aalen ist stocksauer, versucht’s mit wütenden Gegenangriffen, Luge hält das Bein rein, tut sich selbst weh dabei. Der Aalener schiebt die Kugel fair raus, Luge meckert und sieht Gelb – geht’s noch, André (78.)? Grüttner schickt Hesse in den Strafraum, im Duell gegen Bernhardt fällt er, das Spiel läuft natürlich weiter (81.). Wieder ein 1:1-Duell, Grüttner gegen den Keeper, der bleibt wieder Sieger – Nachreiner erobert den Ball zurück, Luge steht im Abseits (82.). Von wegen U21: Sven Kopp bekommt gleich eine Übungseinheit unter Vollstress – Verteidigung des knappen Vorsprungs hier in Aalen (83.).

Da war sie wieder, die „Sack-zu-Chance“: Grüttner legt für Thommy zurück, volley auf Bernhardt, der erneut blendend pariert, Nandzik vertändelt den zweiten Ball. Auf der anderen Seite bewährt sich Kopp mit einer wichtigen Rettungstat (86.). Wieder das probate Mittel der Gastgeber, der lange Einwurf, Nachreiner rettet zur Ecke – die dritte kommt genauso gefährlich wie die zwei Vorgänger, Kopfball um Zentimeter am Pfosten vorbei (88.).

Von Platz 9 auf den Relegationsplatz

So, jetzt holt sich auch noch Andi Geipl eine Gelbe wegen Meckerns ab, da ist mal eine Ansprache von Heiko Herrlich fällig – man muss sich nicht durch dummes Gerede selbst dezimieren. Aalen mit der vierten Ecke, jede dieser Fähnchenflanken ist brandgefährlich, der SSV braucht drei Stoßdämpfer, um das Ding wieder aus dem Strafraum raus zu bringen (90.) – und dann ist es überstanden, wieder dreht der SSV ein Spiel.

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, verteidigt Jahn Regensburg (3./36 Punkte) gegen die kuriosen Sportfreunde aus Lotte (7./34) nicht nur den sensationellen dritten Platz – sondern ganz nebenbei auch noch den Orden für den besten Aufsteiger. Klar, die Tabelle ist noch unbereinigt, Chemnitz (6./34) hat ein Spiel, Kiel (10./33) und Lotte haben sogar zwei Spiele weniger auf dem Konto. Dennoch, der Sprung von Platz 9 auf den Relegationsplatz darf schon motivieren – die Ausgangslage der Würzburger im vergangenen Jahr war ähnlich.

 

 

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