15.04.2017 - 19:41 Uhr
RegensburgSport

Jahn Regensburg stürmt gegen Werder Bremen II auf Aufstiegsplatz 2 Herrlich empfiehlt Bodenhaftung

Das nennt man dann wohl antizyklisch: Je heftiger sich Jahn-Stratege Heiko Herrlich gegen Gedanken an einen Durchmarsch in die Zweite Bundesliga wehrt, desto weiter rückt Regensburg in der Tabelle nach vorne. Bereinigt um den Punktabzug gegen Aalen besetzt der SSV nach dem 3:1 gegen Bremen II bereits den direkten Aufstiegsplatz 2. 6324 Zuschauer feiern die rot-weiße Wundertüte.

Man of the Match: Kolja Pusch schießt Jahn Regensburg mit einem Freistoß und einem Zauberttor an den Rand der Zweiten Liga. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die prall gefüllte Hans-Jakob-Tribüne blickt auf eine leere Gäste-Ecke und singt „Rengschburg, wir woll’n dich siegen sehen, Rengschburg, wir werden zu dir stehen … Rot-Weiß shananana“. Wer könnte da widerstehen? Die stark dezimierten Oberpfälzer (2./53 Punkte) lassen sich auch von den Bremer Stadtfußballkanten (17./37) nicht aus der Spur werfen und überholen die Konkurrenten Kiel (3./52) und Magdeburg 4./52) – Aalen (?/53), denen trotz Protest ein Abzug von 9 minus X-Punkten bevorsteht nicht mitgerechnet.

Aber klar, auch am Karsamstag ist nicht alles Sonne, was da durch die Wolkendecke glänzt: Die Regensburger brauchen 20 Minuten, bis sie Wege durch die Fünferkette der Gäste finden, vergeben dann wie so oft hochkarätige Chancen: Bene Saller allein vor Keeper Michael Zetterer hat nicht die Nerven einzutüten und auch Jann George fehlt das Quäntchen Glück aus ähnlicher Position am Fünfereck.

Es ist die individuelle Klasse von Kolja Pusch, der nach langer Durststrecke wieder illustriert, warum er zur Winterpause Ansprüche an Zweitliga-Fußball anmeldete: ein Freistoß aus 25 Metern ins linke Eck und ein Zinédin-Zidan-Gedächtnistreffer machen heute den Unterschied zum spielerisch kaum schwächeren Gegner. Die zwei Gesichter des SSV Jahn dann in unmittelbarer Nachbarschaft:

  • Zwischen dem 2:0-Kopfballbrecher von Erik Thommy und der puschigen Vorentscheidung zaubern die Gastgeber, was das Zeug hält – sogar die Bremer Muppets-Show auf der Pressetribüne, die 90 Minuten übers vermeintliche Regensburger Schauspiel und die Schiedsrichterleistung mault, verstummt für einige Minuten: „Jetzt zaubern sie“, räumt der Werder-Chefkritiker zerknirscht ein, „wir haben sie stark gemacht.“
  • Nach dem Anschlusstreffer zum 1:3 aber, bei dem eine verkaterte Abwehr fünf junge Bremer bis zum Tor begleitet und bei Mannehs Abschluss allenfalls müde dem Linienrichter winkt, stellt der Gastgeber komplett das Pressing ein. Werder hat Räume, die man sonst nur in Sibirien vermutet. Den Bremern muss Angst und Bange werden, so weit weg wie die Regensburger Gegenspieler von ihnen stehen. Zwei, sagen wir mal, nicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Abseitsentscheidungen und ein prächtig gesundeter Philipp Pentke ersparen dem Jahn ein peinliches Erwachen.

So kann Werder-Coach Florian Kohfeldt „dem cleveren Gastgeber“ alles Gute im Aufstiegskampf wünschen: „Super eigestellt, variabel nach vorne – wäre sensationell hochzugehen, durchzugehen, aber auf Grund der Art und Weise, wie Regensburg spielt, 0,0 unverdient, das ist wirklich schöner Fußball, gegen den man da spielt.“ Aber genauso nachvollziehbar Herrlichs Skepsis – die letzten 20 Minuten erinnern daran, dass schon noch ein Stück Professionalität fehlt zu einer echten Spitzenmannschaft.

Kohfeldt: „Haben uns hochschaukeln lassen“

„Glückwunsch zu dem Sieg“, sagt Bremens Trainer Florian Kohfeldt in der Pressekonferenz, „Glückwunsch zu der überragenden Saison, die die bisher spielen – ich finde, eine der offensiv stärksten und variabelsten Mannschaften, gegen die wir in dieser Saison überhaupt gespielt haben.“ Er sei mit dem Spiel seiner Mannschaft „so komisch es sich anhört nach dem 1:3“ nur bedingt unzufrieden. „Unzufrieden bin ich damit, dass wir uns von einer – völlig legitim – ja, sehr cleveren Spielweise von Jahn Regensburg hochschaukeln haben lassen.“

Und Kohfeldt ist mit der Schiedsrichterleistung überhaupt nicht einverstanden: „Das war eine Unverteilung von Gelben Karten, da müssen meine Jungs halt einfach lernen, mit so was umzugehen.“ Deshalb habe es Phasen gegeben, wo sie nicht so konzentriert gespielt hätten. „Das hat Regensburg ausgenutzt, auch schön herausgespielte Tore, ein Traumtor.“ Man habe in der ersten Halbzeit versucht, etwas höher zu pressen: „Das hat nicht funktioniert, weil wir im zentralen Mittelfeld nicht gut nachgeschoben haben.“

„Kein Abseits“

Dann habe Kohfeldt Mitte der zweiten Halbzeit nach dem 1:3 nochmal das Gefühl gehabt, dass man herankommen könnte: „Ich glaube nicht, dass es Abseits war“, beurteilt er die strittige Szene beim nicht gegebenen Treffer für Bremen. „Dann schießen wir vielleicht das 2:3, so mache ich meiner Mannschaft den Vorwurf, dass sie in den entscheidenden Situationen, nicht die Ruhe gehabt haben, nicht diszipliniert genug gespielt haben.“

Aber er sage auch, dass sie sich phasenweise spielerisch Chancen herausgearbeitet habe. „Man hat gesehen, zu was wir in der Lage sind, aber wir müssen es jetzt dringend mal wieder in Punkte ummünzen und da wollen wir am Mittwoch damit anfangen in Wiesbaden.“

Bitterer Tribut: Nandziks Verletzung

Jahn-Trainer Heiko Herrlich kann sich trotz der Hymnen seines Kollegen nicht ungetrübt freuen: „Erst einmal ist es ärgerlich, dass wir wieder einmal einen Spieler verloren haben“, ärgert er sich über den Ausfall von Alex Nandzik. „Wenn du nicht mehr gehen kannst, ist es wahrscheinlich mehr als ein Faserriss, dann ist es ein Bündelriss eher.“ Die ersten 20 Minuten sei Bremen sehr gut eingestellt gewesen, habe sehr gut verteidigt, man habe sich schwer getan. „Erst dann haben wir den Dreh heraus gehabt, wie wir ins letzte Drittel kommen, dann gleich zwei Großchancen.“ Auf dem Chancenzettel habe er ein 4:1 notiert. „Die erste Halbzeit geht ganz klar an uns.“

Kurz nach der Halbzeit müsse man auf 2:0 erhöhen: „Da haben wir zwei Großchancen.“ Dennoch mache man das 2:0 und 3:0, müsse den Sack dann zumachen, bekomme aber direkt im Gegenzug das 1:3. „Danach hatte man das Gefühl, dass man den Schalter umlegt in der Mannschaft und sich sagt, jetzt reicht’s mit 80 Prozent – dann kam die Phase, wo Bremen richtig stark wurde.“ Werder habe gespürt, dass noch etwas gehe: „Das ärgert mich maßlos, wir haben das ja schon mehrmals erlebt, ob zu Hause gegen Zwickau, wo wir in Führung sind, oder Osnabrück.“

Pentkes Wunderheilung

Da hat’s doch noch einige Wunderheilungen gegeben, Virus-Pentke steht als Kapitän im Tor, Marc Lais bereichert das Mittelfeld. „Philipp Pentke wollte am Freitag unbedingt trainieren“, erklärt Herrlich. Der Mannschaftsarzt habe kein Veto eingelegt und der Kapitän habe ihn überzeugt, dass er fit sei. Die Viererkette läuft mit Alex Nandzik, Ali Odabas, Wastl Nachreiner und Bene Saller auf – Marvin Knoll darf mal wieder im Mittelfeld, falls er das noch kennt.

Werder-Coach Kohfeldt stellt sein Team gegenüber dem 0:0 gegen Chemnitz auf vier Positionen um: Dominic Volkmer, Jesper Verlaat, Philipp Eggersglüß und Ole Käuper ersetzten Leon Jensen, Zander, Jacobsen und Yatabaré (Rotsperre).

Zwei Schrecksekunden

Kann man versuchen: Kolja Pusch sieht, dass Keeper Michael Zetterer zu weit vorm Kasten steht, der Lupfer aber drüber (2.). Nachreiner rumpelt an der Außenlinie mit einem Grünen zusammen und wird seitdem behandelt. Marco Grüttner eifert da ein wenig Andi Geipl nach, gestrecktes Bein an der Mittelinie, erste und letzte Ermahnung (4.). Was ist denn da los? Jetzt versucht Nandzik den zu weiten Ball noch auf der Seitenlinie zu bekommen und rutscht in die Bande – es kann weiter gehen.

Nach Fehlpassfestival ein Verlegenheitsschuss von Volkmer, Pentke steht subotimal, muss die Kugel zur ersten Ecke boxen (9.). Erster Ansatz einer Kombination, Flanke George, Verlaat aber mit dem Kopf zur Stelle. Philipp! Abstoß flach in die Mitte, Abpraller landet zum Glück bei Regensburg (12.). Erik Thommy setzt sich rechts außen prima durch, schickt George fast an der Grundlinie in den Strafraum, aber der verstolpert den Ball (13.).

Pusch mit Gefühl

Bene Saller hat heute noch keine Freundschaft mit dem Ball geschlossen, dritter Fehlpass in fünf Minuten (15.). Freistoß aus dem Halbfeld, der Bremer kann von der Fünferkante frei nach innen köpfen, da steht ein Jahn-Spieler (18.). Schwacher Ausschuss direkt auf George, aber seine Flanke genau so direkt zurück auf den Bremer.

Die ganz große Konterchance, die die Bremer zum Kochen bringt: Zweikampf im Mittelfeld, ein Grüner und ein Rot-Weißer bleiben liegen, Nandzik auf den freien Saller, der schießt Zetterer aus spitzem Winkel an, erste Jahn-Ecke (23.). Schiri Tim Skorczyk meint es gut mit dem Jahn, zweimal Freistoß nach ziemlich normalem Zweikampf, Freistoß 25 Meter zentral, Pusch mit Gefühl in den rechten Torwinkel, 1:0 (28.).

Zetterer in Sepp-Maier-Manier

Sensationeller Kraftakt Nandzik links außen, Ball über zwei Stationen zu George, der läuft von rechts in den 16er, Zetterer dreht im Rückwärtsfallen die Kugel in Sepp-Maier-Manier zur Ecke (30.). Und nachdem Ousman Manneh den Ball vorm 16er leichtsinnig vertändelt, legt Odabas für Grüttner auf, der freistehend nochmal querlegen will, Ball futsch (31.).

Da nesteln Uwe Schmidt und Marvin Knoll beim Lauf aufs Regensburger Tor gegenseitig an ihren Trikots, der Schiri lässt weiterspielen, Pentke einen Schritt vor Manneh am Ball (38.). Schöner Pass von Saller auf Grüttner, der den Ball klasse runterholt und Thommy rechts schickt, der läuft in den 16er, Pass auf Verlaat, den letzten Mann vor Grüttner (44.). Auf der anderen Seite verschätzt sich Nandzik, Schmidt läuft in den Strafraum, Nandzik klärt gerade noch zur Ecke (46.).

Zetterer verdirbt es sich mit dem Publikum

Das ist jetzt nicht wahr! Thommy unstoppable in den Strafraum, drei Jahnler bringen die Kugel frei vor Zetterer nicht über die Linie (47.). Dann stürmt Grüttner in den Strafraum, fällt spektakulär, und die halbe Mannschaft versammelt sich um Schiri Skorczyk, der keinen Elfer gesehen hat. Oh, nein, bei einem Solo verletzt sich Nandzik, deutet sofort an, dass das keine Lappalie ist, bleibt liegen. Zetterer hat nichts anderes zu tun, als Zeitspiel zu vermuten, will den verletzten Spieler wegscheuchen und sieht Gelb für Leichenschändung (50.) – fortan begleitet den Mann in Gelb bei jeder Ballberührung ein Pfeifkonzert.

Marcel Hofrath kommt für den verletzten Nandzik (51.). Ganz stark, George passt von rechts auf Thommy, der köpft unhaltbar ein, 2:0 (54.). Gleich die nächste Möglichkeit, Pusch schickt Hofrath links in die Gasse, Flanke naxh innen, Zetterer fischt sich die Kugel (55.). Der Jahn schnürt Bremen ein – und zaubert, Pusch mit Tänzchen, dreht sich um zwei Bremer und die eigene Achse und zirkelt das Ding in den linken Winkel, 3:0 (60.).

1:3 gegen den Torrausch

Im Gegenzug der stark abseitsverdächtige Anschlusstreffer: Fünf Bremer kombinieren sich gegen die im Torrausch noch unsortierte Jahn-Abwehr, Manneh über rechts, Pentke winkt dem Linienrichter, die 47 schiebt ein, 1:3 (63). Thommy könnte erneut erhöhen, legt sich den Ball frei im 16er auf und ihn in Zetterers Arme (65.) Der neue Mann, Bremens Melvyn Lorenzen, prüft Pentke, der macht sich lang, Ecke (67.).

Bremen mit der nächsten Auswechslung, Leon Jensen für Björn Rother und Werder wird stärker, weil der SSV jetzt überhaupt nicht mehr am Mann steht. Ole Käuper zieht ab, Pentke hechtet das Ding zur Ecke (74.). Pech für Bremen, da ist der Ball nach einem weiten Freistoß wieder im Netz, Abseits (74.). Zeit für einen Wechsel, bevor der Jahn endgültig den Zugriff verliert, Markus Palionis für Odabas, der doch hin und wieder noch wackelt (77.).

Das geht jetzt immer wieder zu leicht für die jungen Gäste, drei Stationen, Pass auf Manneh, der die Kugel am Elfer runterholt, wieder abseits (79.). Marcel Hofrath ist und bleibt ein Optimist, erst ein Flatterball in Zetterers Arme, dann aus 30 Metern in den bewölkten Osterhimmel. Und schon wieder muss Pentke ein unangenehmes Ding von Manneh über die Latte heben – nein, nein, macht das nicht so spannend, ein kleines Ecken-Festival (83.).

Nandzik huckepack zur Siegesfeier

Der nächste Wechsel, Haris Hyseni bekommt die 3-Minuten-Chance aufs zweite Saisontor, Pusch wackelt vom Platz (88.). Noch ein Freistoß für Bremen von links außen, Pentke pflückt ihn runter, Feierabend. Herrliche Szene: Alex Nandzik wird geschultert zu den Fans getragen und gefeiert „Alex Nandzik, Alex Nandzik …“.

Fünf Spieltage vor dem Saisonende steht der SSV Jahn auf Platz 2 der bereinigten Tabelle. Dennoch, SSV-Realist Heiko Herrlich bleibt dabei: „Wenn ich mir die nächsten Spieltage anschaue, glaube ich nicht, dass uns jemand etwas schenkt.“ Man könne im schlechtesten Fall auch alle fünf Spiele verlieren. „Wir konzentrieren uns nur auf das nächste Spiel“, bleibt Herrlich bei seinem Beppo-Motto, „das wird schwer genug in Wehen-Wiesbaden, die haben noch etwas gutzumachen, um hinten rauszukommen.“ Gerade aufgrund der letzten 20 Minuten solle man auf dem Boden bleiben. Also, Jungs, Rasenhaftung bis zum Schluss!

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