04.02.2017 - 19:53 Uhr
RegensburgSport

Jahn Regensburg und Großaspach trennen sich nach geschenkten Treffern 1:1 Torwart-Bock und Schiri-Präsent

Es läuft nicht alles rund am heutigen Samstag in der nebligen Continental-Arena: 3783 Zuschauer können sich nur an wenigen packenden Strafraumszenen erwärmen. Meistens beharken sich der SSV Jahn (11./29 Punkte) und die SG Sonnenhof Großaspach (9./30) im Mittelfeld. Die Gäste gefallen in der ersten Hälfte durch schnelle Konter, die Regensburger investieren mehr ins Spiel. Die logische Folge: ein 1:1 mit zwei Toren, bei denen das jeweils andere Team kräftig mithilft.

Eine spielentscheidende Szene: Andi Geipl und Marvin Knoll echauffieren sich lautstark, dass Schiri Patrick Alt ein Foul zuvor an Marco Grüttner weiterlaufen ließ. Der Freistoß für Großaspach führt zu 0:1 der Gäste. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Kult-Trainer a.D. des Ostens sitzt heute nicht auf der Bank, sondern auf der Pressetribüne. Gerd Schädlich (63), mit Erzgebirge Aue in die 2. Liga und mit dem Chemnitzer FC in die 3. Liga aufgestiegen, ist hauptamtlicher Chef-Scout des Halleschen FC, dem nächsten Gegner der Regensburger. Ob sich das Frieren im Kühlschrank an der A3 rentiert hat, werden wir kommenden Samstag erfahren – der Trainerfuchs mit der Erfahrung von 583 Spielen hat jedenfalls reichlich mitnotiert.

Zapel: „Sehr gutes Drittligaspiel“

„Wir haben heute ein sehr intensives, in Teilen auch sehr emotionales, aber aus meiner Sicht angesichts der Platzverhältnisse auch sehr gutes Drittligaspiel gesehen“, findet SG-Cheftrainer Oliver Zapel, „das aus meiner Sicht auch mit dem Unentschieden genau den richtigen Ausgang gefunden hat.“ Donnerwetter, der Mann aus dem niedersächsischen Georgsmarienhütte formuliert druckreif.

Zwei Mannschaften habe er beobachtet, die mit offenem Visier gespielt, die richtig Bock gehabt hätten, offensiven Fußball anzubieten. „Ich habe uns in der ersten Halbzeit einen Tick vorne gesehen, dafür den Jahn in der zweiten Halbzeit. Insofern seien die Gäste mit dem Ergebnis nicht unglücklich. Allerdings: „Wir sind natürlich ein wenig traurig ob des Zustandekommens dieses Gegentreffers, der einen unserer Spieler leider wieder sehr hart trifft.“

Aufbauarbeit nach Brolls Bock

Das furchtbare an solchen Fehlern, sei, dass sie so offensichtlich sind. „Wenn ein Torwart sich einen solchen Bock leistet, weiß die ganze Welt sofort, wer es gewesen ist“, dauert er den jungen Keeper Kevin Broll, der eine Ecke verhindern wollte und dadurch ein Tor ermöglichte. „Insofern haben wir in dieser Woche einmal mehr viel Aufbauarbeit zu leisten – das tut mir für diesen Jungen jetzt unwahrscheinlich leid, dass es ihm zwei Wochen hintereinander passiert ist.“
Es tue ihm aber natürlich auch für seine Mannschaft leid, die mit solchen Rückschlägen zurechtkommen müsse. „Das ist nicht so einfach, wir haben viele junge Spieler, die sitzen etwas desillusioniert in der Kabine und fragen sich, warum es das Schicksal so hart mit ihnen meint.“ Aber da müsse man sie jetzt eben „ein bisschen streicheln und ein bisschen kuscheln“, dann werde das wieder.

Herrlich: Fehlentscheidung und Geschenke

„Ich sehe es eigentlich genauso wie mein Kollege“, stimmt Jahn-Coach Heiko Herrlich zu, „das war ein gerechtes Unentschieden unterm Strich.“ In der ersten Halbzeit habe er vor dem 0:1 ein klares Foulspiel an Marco Grüttner wahrgenommen. Anschließend habe seine Mannschaft Ball gespielt, der Schiri aber habe gegen den Jahn entschieden: „Dann stellen wir uns richtig dämlich an bei dem Freistoß, den wir besser verteidigen müssen.“ Man habe eigentlich eine klare Zuteilung besprochen. „Da hatten wir auch ein Geschenk gemacht – wohlwissend, dass wir das größere Geschenk vom Gegner bekommen haben.“ Man habe in dieser Saison aber schon genügend Geschenke verteilt, jetzt halt auch mal eines bekommen.

„Ich seh’s genauso, dass wir eine sehr gute Partie gesehen haben“, beurteilt Herrlich das Geschehen, „ein Kampfspiel, in dem beide Mannschaften dennoch versucht haben, Fußball zu spielen.“ In der zweiten Halbzeit habe sein Team mehr für das Spiel getan, habe jedem im Stadion gezeigt, dass man unbedingt gewinnen wolle. „Wir haben es aber gegen eine taktisch sehr gut aufgestellte Mannschaft nicht geschafft, so ins letzte Drittel zu kommen, dass wir uns hundertprozentige Torchancen erspielen konnten.“

Aufreger: Eigenwillige Schiri-Entscheidungen

Mit kleineren Überraschungen bei der Aufstellung des SSV Jahn geht es los in der Regensburger Nebel-Arena: Robin Urban ergänzt die Viererkette und André Luge läuft für den verletzten Benedikt Saller auf. Der Gastgeber versucht gleich, den politischen Druck fußballerisch an Großaspach weiterzugeben – die erste Jahn-Ecke im nordirischen Stil kommt allerdings auf den einzig frei stehenden Abwehrspieler (9.). Auf der anderen Seite versucht’s Jeremias Lorch aus 25 Metern halblinks mit einem Distanzschuss, Pentke muss abklatschen (10.). Im Anschluss kann sich der Jahn einige Minuten kaum mehr freispielen, auch wenn der Gast noch nicht gefährlich vors Tor kommt.

Eigenwillige Entscheidungen von Schiri Patrick Alt (Heusweiler) sind der Aufreger auf Tribüne und Feld: Erst verweigert er dem SSV eine klare Ecke, einen heftigen Zweikampf lässt Alt dann zugunsten des Gastes laufen. Dafür pfeift er bei Andi Geipls hartem aber fairem Zweikampf gegen den Jahn – daraus resultiert die Führung der Württemberger: Alle Mann in Rot-Weiß orientieren sich zur Mitte, Kapitän Julian Hägele schickt Osei „Mani“ Kwadwo auf der von Robin Urban verlassenen linken Außenbahn, die Flanke in die Mitte kommt zu schnell für Regensburgs schläfrige Abwehr, Julian Leist braucht den Ball nur noch zum 0:1 (19.) über die Linie zu drücken.

Zu schlampig auf der Holperpiste

Der Jahn bleibt auch in der Folge zu schlampig: Sei es wegen der aufgetauten Holperpiste oder der selbst erzeugten Hektik nach dem Rückstand – die eigenen Aktionen in der Vorwärtsbewegung der hoch stehenden Gastgeber führen trotz Herrlichs Warnung immer wieder zu schwäbischen Kontern mit den angekündigten langen Bällen – Alex Nandzik läuft zwei Stürmern gerade noch so den Ball ab, sonst hätten diese auf Strafraumhöhe freie Bahn zum Tor (21.).

„Kann passieren, kann passieren“, spricht Keeper Philipp Pentke Nandzik Mut zu, als der den Ball unbedrängt ins Aus passieren lässt. Erste gelungene Aktion nach dem Tor-Schock: Erik Thommy reißt mit seinem Dribbling ein Loch in die gegnerische Abwehr, spielt Jann George frei, der zögert zu lange, und hebt dann aus zehn Metern deutlich drüber (26.). Ecken-Stafette für Regensburg, Abwehrchef Marvin Knoll feuert die Kollegen an, spürt, dass man jetzt den Ausgleich erzwingen kann: Die Flanke aber stoppt Marc Lais für den Verteidiger herunter (28.).

„Schieber, Schieber“, schallt’s durchs Rund

Immer wieder Aufregung wegen des Sportsfreunds Alt: Ein Ellbogen-Rempler gegen Grüttner, der sich am Boden wälzt, bleibt ungeahndet, den robusten Einsatz gegen den SG-Konter pfeift er ab – „Schieber, Schieber“, schallt’s durchs Rund. Marvin Knoll spitzelt den Ball von hinten weg, der Schiri pfeift Freistoß für Großaspach. Dann eine beachtenswerte Kombination über George, die letztlich Nandzik mit einem Flatterball aus 18 Metern abschließt – in die offenen Arme von Keeper Broll.

Nandzik setzt sich energisch links durch, will von der Grundlinie Richtung Tor marschieren – die Notbremse vorm 16er wird mit Gelb geahndet. Thommy setzt den Freistoß aus spitzem Winkel weit rechts drüber (38.). Thommy wirbelt über links, die Flanke kommt diesmal gut, aber keiner mehr hin – der Verteidiger in Schwarz spielt zur Sicherheit dennoch ins Aus. Der Druck nimmt zu, das Eckenverhältnis neigt sich immer mehr auf Seiten der Gastgeber.

Nadelstiche und ein typischer Torwartfehler

Was den Gästen bleibt, sind schmerzhafte Nadelstiche: Aus dem Powerplay resultiert ein Konter, Kwadwo ist auf und davon, beschwert sich mit Blick auf die Flagge zeigende Linienrichterin über den Abseitspfiff, spielt dennoch weiter und schießt ins leere Tor – nach langer Überlegungsphase zückt Alt Gelb (42.). Und nochmal Kwadwo, vor dem Urban gerade noch ins Aus klären kann. Marvin Knoll will die Kugel vom Fünfer wegköpfen, zwingt aber Pentke zur Parade. Nächste Ecke, den zweiten Ball nagelt Hägele mit voller Wucht aus 20 Metern an das Lattenkreuz (44.).

Zu einem Zeitpunkt, als sich der Jahn über ein 0:2 nicht hätte beschweren können, zeigt der Gast Großzügigkeit. Großaspachs Keeper macht, was Torhüter gelernt haben: Da versucht er die Ecke zu verhindern, bringt den Ball dadurch unkontrolliert ins Feld zurück, Luge reagiert am schnellsten, zirkelt die Kugel überlegt zwischen zwei Verteidiger hindurch zum 1:1 ins lange Eck (45.).

Stückwerk mit spielerischen Elementen

Beflügelt durch das glückliche 1:1 startet der SSV couragiert in Hälfte zwei, auch wenn Nandzik seit seinem Sonntagsschuss gegen die Hertha aus Berlin immer wieder mal ein Hämmerchen aus 25 Metern auspackt – etwas zu optimistisch, mein Herr (47.). Auch ambitioniert: Andi Geipls Pass auf George, der rechts antizipierend gestartet war, aber dem Spielgerät nur noch hinterhergaffen kann (48.). Bastian Nachreiner zeigt heute hin und wieder Schwächen im Stellungsspiel, kämpft sich aber die Kugel zurück (51.).

Auch das spielerische Element kommt ab und zu zur Geltung, etwa als sich der Jahn zweimal in kurzer Folge in den 16er kombiniert – einmal verpasst Luge knapp den Kopfball, beim zweiten Mal ist die Fahne oben (53.). Auffällig: Thommy fühlt sich offenbar zum direkten Abschluss ermuntert. Einen Freistoß halblinks aus 18 Metern setzt er direkt neben den kurzen Pfosten (56.). Der Gäste-Trainer sieht jetzt Handlungsbedarf und bringt Joseph-Claude Gyau für den zunehmend unauffälligeren US-Boy Mario Rodriguez.

Schwächste Phase der Regensburger

Die vielen Jahn-Ecken sind keine Offenbarung – in der Mitte verfehlen alle, deshalb ballert Geipl aus dem Rückraum in die Nebelwolken (61.). Und dessen Freistoß aus 25 Metern halbrechts landet in Brolls Armen (62.). Auf der anderen Seite hebt Pentke Pascal Sohms verunglückte Flanke über die Latte (64.). Es ist die schwächste Phase der Regensburger: Anstatt von hinten geordnet heraus zu kombinieren, dreschen sie die Bälle blind weg.

Überschreitet doch mal ein Herr in Rot-Weiß die Mittellinie, dann kommt Geipls Pass etwa um zehn Meter zu weit (65.). Im Strafraum wühlen Grüttner und Luge emsig, aber sie können sich nicht entscheidend durchsetzen (67.). Dennoch hat der Jahn seine Chancen, um in Führung zu gehen: George legt im Strafraum für Luge ab, der spielt in die Mitte, Grüttner trifft in der Drehung die Kugel am Fünfer nicht richtig (69.).

Auch Ego-Trips helfen nicht

Heiko Herrlich holt den glücklosen George vom Platz und schickt Kolja Pusch als ordnenden Fuß ins Getümmel (70.). Ego-Trip? Pusch will den Ball nicht auf den freien Grüttner ablegen und verliert ihn stante pedes. Nandzik besteht auf einen Sololauf an der linken Außenbahn und läuft sich fest (75.). Da wartet man nach einem schmerzhaften Pressball mit Geipl drei geschlagene Minuten auf den Freistoß, und dann knallt Pusch den angetippten Ball in die aufgerückte Zwei-Mann-Mauer, so dass sich Nandzik sputen muss, um den Konter zu unterbinden (79.).

Ob Haris Hyseni heute mal als Joker sticht (80.) – in memoriam Fortuna Köln? Wie leichtfertig der SSV seine wenigen Chancen doch vertrödelt: Thommy läuft in einer Dreier-Phalanx den Konter an, rechts hat Hyseni freie Bahn, Thommy spielt aber lang und kompliziert links raus, die Gelegenheit ist vertan. Dann nochmal der Ball in die Mitte auf Hyseni, der dreht und wendet sich ungelenk am Fünfer, kommt aber nicht zum Abschluss (87.). Jetzt also auch noch Uwe Hesse für Luge und der Ecke-Zähler rauscht auf 10:4 für den Jahn davon (88.) – die Ausführung derselben aber bleibt bedingt gefährlich.

Da spielt Geipl den Konter mal schön aus, schickt Hesse rechts, aber dessen Abnahme aus acht Metern vergräbt einmal mehr Keeper Broll in der Magengrube (89.). Drei Aktionen zeigen, woran es mangelt: Nach Ballgewinn hat Regensburg eigentlich Raum, spielt aber in der Vorwärtsbewegung dem Gegner in die Beine. Und in den letzten Freistoß von Pusch hechtet Lais mit dem ganz langen Bein, bekommt den Ball am Fünfer aber nicht mehr auf den Fuß (93.).

Gastspiel beim Dritten und Gedanken über Thommy

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, müssen sich Gerd Schädlichs Hallenser (3./34 Punkte) nur bedingt vor einem Angriff des SSV Jahn auf die Aufstiegsplätze fürchten. Sicher, das Potenzial der Oberpfälzer ist schon vorhanden, aber zumindest im Winter auf holprigem Gelände schafft es der Aufsteiger nicht, seine Angriffe sauber zu Ende zu spielen.

Gedankenexperiment auf der Pressetribüne: Vielleicht wäre es mal spannend, den stärksten Techniker des Teams in zentraler Rolle zu erleben. Was wäre, wenn sich Erik Thommy die Bälle selbst im Mittelfeld organisieren und an die Sturmkollegen verteilen könnte, anstatt links auf geeignete Pässe warten zu müssen? Der Leih-Augsburger in der Rolle eines Aias Aosman könnte ab und an für die entscheidende Spieleröffnung sorgen.

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