09.04.2017 - 17:01 Uhr
RegensburgSport

Jetzt gewinnt der SSV Jahn Regensburg auch noch mit zehn Mann in Magdeburg Die Jahnschaft nicht zu stoppen

„Unser Motto lautet immer Sieg“, sagt Jens Härtel unmittelbar vor dem Spiel, „vor allem hier vor vollem Haus.“ Und der Europapokalsieger von 1974 will den Heimsieg unbedingt, sieben Punkte Vorsprung haben die Sachsen-Anhaltiner nach dem zwischenzeitlichen 1:0 (62.), der zweite Platz scheint zubetoniert. Aber der SSV Jahn braucht das wohl in dieser Saison: Bene Saller verwandelt im Gegenzug die Ecke zum 1:1 (64.), Erik Thommy nach einem Einwurf zirkelt die Kugel mit dem Tor des Monats in den Winkel (71.) – und dann bringt Regensburg nach glatt Rot gegen Andi Geipl das 2:1 auch noch zu zehnt über die 94 Minuten.

Kniefall vor Erik Thommy nach dessen Tor des Monats zum 2:1. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ganz klar, es gibt auch heute wieder jede Menge strittiger Situationen vor 19.627 Zuschauern in der Magdeburger MDCC-Arena: Los geht’s mit Wastl Nachreiners ausgefahrenem Arm im Strafraum, Michel Niemeyer fällt, Schiri Thorben Sieber winkt ab (54.). Vor der Ecke zum 1:0 wird ein Jahn-Verteidiger am Elfmeterpunkt zu Boden gedrückt, das Spiel läuft weiter, der einsame Steffen Puttkammer köpft wuchtig via Pentke zum 1:0 ein. Beck fällt zu offensichtlich im 16er, wieder lässt der Referee weiterlaufen (68.).

Andi Geipl geht im Mittelkreis mit offener Sohle zum Ball, trifft das Knie des Gegenspielers – bestimmt keine Absicht, aber das Ergebnis zählt, Rot deshalb vertretbar (77.). Und dann marschiert Jann George in den Strafraum, der Verteidiger rutscht von hinten in die Beine, wieder kein Strafstoß – von den drei kritischen Situationen, sicher die Elfmeter-würdigste.

Und führt uns Heiko nicht in Versuchung!


Summa summarum: Zweifellos kein Vorteil für Regensburg, im Gegenteil, wie beim Spitzenreiter muss der Gast auch beim Tabellenzweiten sein Ergebnis mit zehn Mann verteidigen. Und auch wenn spielerisch nicht alles rund läuft, ist die Energieleistung von Rot-Weiß mitten in der Festung des Magdeburger Burgfräuleins nach der Englischen Woche famos – was Psycho-Stratege Heiko Herrlich aus dieser Mannschaft herauskitzelt, weckt schlimmste Befürchtungen.

Wenn da nur nicht die Phalanx der Bundesliga-Strauchelkandidaten hellhörig wird! Wenn sich da der bodenständige Mannheimer nur nicht in Versuchung führen lässt! Malen wir den Teufel nicht an die Wand: Der Mann weiß, was er will, er weiß, was er am Weltkulturerbe hat und muss sich nicht in den Abstiegskampf eines maroden Erstligisten stressen.

Herrlich: „Unentschieden wäre gerechter“

„Wir sind natürlich überglücklich“, freut sich der Jahn-Trainer, „dass wir hier in Magdeburg vor der tollen Kulisse drei Punkte mitnehmen können.“ Der SSV sei ganz gut ins Spiel gekommen, habe die erste Großchance durch Andi Geipl liegen lassen. „Wir hatten dann das Glück bei drei Standardsituationen, dass wir nicht in Rückstand geraten sind.“ Die zweite Halbzeit habe man das sehr ausgeglichene Kampfspiel weitergeführt.

Im Hinspiel habe Magdeburg einen Punkt mitgenommen durch einen Sonntagsschuss, heute der Jahn mit Erik Thommy durch einen Sonntagsschuss die drei Punkte. „Ich denke, es war sehr glücklich, ein Unentschieden wäre wahrscheinlich gerechter gewesen, aber da sagen wir nicht Nein.“

Härtel: „Liegt schwer im Magen“

„Das Spiel liegt natürlich schon sehr schwer im Magen“, muss Jens Härtel seine Gefühle im Zaum halten. Man sei ganz gut reingekommen, aber: „Nach 20 Minuten haben wir ein paar Probleme gehabt, Regensburg hat es immer wieder geschafft, im eigenen Ballbesitz ab und zu ein bisschen Ruhe zu haben – das haben wir in dieser Phase gar nicht geschafft.“ Das hohe Anlaufen habe der Gast einen Ticken besser gemacht. Dennoch habe man aus dem Spiel heraus nicht so viele Chancen zugelassen. „Wir hatten dann mit den Standards die Situationen, die dann schon auch gefährlich waren.“

Man gehe schließlich in Führung, jedoch: „Im Gegenzug geben wir’s wieder her, sicher zwei super Schüsse, aber wir hatten’s schon in der Halbzeit ein Stückchen weit thematisiert, dass wir eigentlich einen Mann ein bisschen weiter rausschieben wollen, um gegen Rückpässe am eigenen Strafraum gewappnet zu sein.“ Dennoch habe man in Überzahl noch zwei super Möglichkeiten gehabt, den Ausgleich zu machen. „Trotzdem, vom Einsatz, von der Leidenschaft kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen – man könnte sicher noch einige Dinge besser machen, aber die Grundtugenden waren absolut in Ordnung.“

Hektischer Auftakt

Magdeburgs Goalgetter Christian Beck steht da gleich mal viel zu frei, Pentke muss mit Pfostenkontakt den Ball runterholen (1.). Leichtsinnig: Jann George mit dem Fehlpass im eigenen Strafraum, Magdeburg macht noch nichts daraus (4.). Erste Ecke Magdeburg, Michel Niemeyer aus der zweiten Reihe, deutlich drüber (5.). Zu kurze Abwehr Nandzik, wieder darf Beck den zweiten Ball testen, verzogen (8.).

Der SSV versucht schnell zu spielen, gute Kombination nach links zu Nandzik, der direkt in die Spitze, etwas zu weit für Marco Grüttner (11.). Diesmal über Jann George, einen Ticken zu spät links raus auf Nandzik, der zielt aus 18 Metern halblinks direkt auf den Keeper (12.). Da kann man mehr daraus machen: Schlimmer Fehlpass Magdeburg von hinten raus, Pusch braucht zu lange und Geipl mit überflüssigem Abschluss ins Nichts (15.). Dann auch die erste Ecke für Regensburg, nachdem Nandziks Flanke nicht vollständig geklärt werden kann: kurze Variante, Flanke scharf, aber da ist keiner mehr am langen Pfosten (18.).

Magdeburgs brisantes Ecken-Triple

Bene Saller macht das gut über rechts, mit ein paar Wacklern kommt der Ball zu Geipl am Strafraum, der zieht ab, der Keeper ist rechts unten (20.). Freistoß Thommy aus dem linken Halbfeld, Geipls Direktabnahme vor einer blauen Wand schießt in den Himmel (21.). Nach Einwurf von rechts außen zieht George aus 18 Metern im vollen Lauf an, allerdings steht er seitlich zum Tor, entsprechend schräg der Abschluss (24.). Taktisches Foul von Manuel Farrona Pulido an Thommy beim Spielaufbau, Gelb (29.).

Bei der zweiten Magdeburger Ecke ist der Ball eigentlich schon geklärt, wieder der verflixte zweite Ball, Pentke unten, klasse Aktion (34.). Dritte Ecke, erneut Puttkammer mit dem Kopf, sensationelle Reaktion von Pentke (35.). Magdeburg jetzt mit Auftrieb, auch weil der SSV die Bälle in dieser Phase zu schnell hergibt: Pusch mit sinnlosem Pass in die Spitze, statt George rechts anzuspielen, Geipl mit dem Fehlpass im Mittelfeld. Hoffmann muss angeschlagen vorzeitig raus, Ali Odabas kommt rein (42.). Führt sich gut an, schlägt den Ball vor Marius Sowislo weg (44.). Nochmal eine Regensburger Ecke, Direktabnahme Saller, gar nicht übel, aber einen Meter am linken Pfosten vorbei (46.).

Puttkammer zum Dritten

Puschens Ecke zum Auftakt der zweiten Hälfte kommt gut, aber Brand klärt (46.). Der weite Ball auf Nandzik, gefährliche Flanke, George verfehlt knapp, der noch junge Schwede klärt gerade mal so (48.). Böse Erinnerung an Mainz: Odabas setzt Pentke mit verunglücktem Rückpass unter Druck, der geht auf Nummer sicher – der weite Einwurf bringt nichts ein (52.). Wastl Nachreiner mit dem falschen Laufweg im Strafraum, der Magdeburger kommt von innen an den Ball, der Arm ist draußen, der Blaue fällt, wenn der Schiri pfeift, darf er sich nicht beklagen (54.). Und schon wieder robuster Einsatz von Nachreiner gegen Beck kurz vorm Sechszehner, weil das jetzt zu einfach geht mit dem Ball in die Spitze (56.).

Wieder eine gute Phase des SSV, der Magdeburg früh unter Druck setzt , mehreren Halbchancen, aber Thommys Ecke einmal mehr ohne Wirkung (60.). Anders die Sachsen-Anhaltiner, deren Standards immer zu Herzstillstand-Attacken führen: Ecke Niemeyer, am Elfmeterpunkt wird ein Regensburger zu Boden gedrückt, und im dritten Anlauf sorgt der völlig freie Puttkammer am langen Pfosten für die Führung – Pentke kann den wuchtigen Kopfball nur noch ins Netz boxen, 1:0 (61.). Bricht der SSV jetzt ein? Von wegen: Der Jahn schlägt sofort zurück, Ecke nach Geipls Schlenzer, Saller zieht aus 17 Metern ab, die Kugel zischt ins linke Eck, 1:1 (64.).

Schlag auf Schlag: Eriks Geniestreich, Andis Blackout

Auf der anderen Seite darf Beck abziehen, Pentke wie auf der Trackbank verlängert, nächste Ecke Magdeburg: Beck köpft um 30 Zentimeter neben den linken Pfosten (65.). Nächste Ecke, Puttkammer per Kopf, Pentke muss nachgreifen (66.). Konterchance George, ganz schlecht wie er unbedrängt in die Mitte schlenzt (67.). Was ist das denn? Einwurf von rechts, die Kugel kommt zum bedrängten Thommy am Sechszehner, der dreht die Kugel an zwei Widersachern vorbei in den rechten Winkel, 1:2 (71.). Magdeburg muss reagieren, der Doppelwechsel, Ahmed Raazek und Julius Düker für Pulido und Niemeyer (75.).

Was macht der Geipl denn da? Am Mittelkreis ohne Not mit der offenen Sohle gegen das Knie – sicher keine Absicht, aber in der Situation hätte man Ball und Sohle einfach flach halten können – glatt Rot (78.). Härtel bringt noch eine Offensivkraft, Gerret Müller für Niklas Brandt (79.). Und natürlich reagiert auch Heiko Herrlich, bringt Markus Palionis für Pusch (80.). Puttkammer frei vom Elfer, direkt auf Penktes Fäuste (84.). Uwe Hesse steht bereit für dem letzten Wechsel … George fällt beim Konter im Strafraum, Siewer gibt den Elfer nicht. Im Gegenzug legt sich Odabas in den Strafraum, Beck frei vor Pentke daneben (88.). Jetzt kommt Hesse für George – und läuft gleich mal in den Strafraum, schön quergelegt, knapp verpasst (91.). Und dann nochmal die ganz große Chance, daneben (92.).

Nach 94 Minuten sinken die Blauen zu Boden, Matchball vergeben, einen neuen Rivalen dazu gewonnen. Der 1. FC Magdeburg rutscht punktgleich hinter Kiel auf den Relegationsplatz 3, der SSV Jahn ist nur noch einen Punkt hinter den beiden, sieht man mal von Aalen ab, denen der Punktabzug kaum zu ersparen sein wird.

Kampf um Platz 2 bis 4: FC in Rostock, Jahn gegen Bremen

Ein Abnützungskampf auf hohem Drittliga-Niveau sei das gewesen, resümiert FC-Trainer Jens Härtel, bei dem der Jahn am Ende glücklich die Punkte mitgenommen habe: „Wenn hinten raus das 2:2 fällt, sind alle ein Stückchen zufrieden, sagen, o.k. eine gerechte Punkteteilung.“ Aber, man weiß es, das ist so im Fußball, vor Gericht, auf hoher See und im Stadion gibt’s keine Gerechtigkeit. „Wir müssen zusehen, dass wir das Spiel gut aufarbeiten, nächste Woche in Rostock müssen wir wieder scharf und frisch sein.“

Der SSV Jahn muss diesen Coup am kommenden Samstag, 14 Uhr erneut gegen eine Mannschaft bestätigen, die den Regensburgern absolut nicht schmeckt – Bremen II, ähnlich unangenehm wie Mainz, auch dort haben die Oberpfälzer ihr Hinspiel verloren. „Wir haben da noch was gutzumachen“, appelliert deshalb Keeper Philipp Pentke an den Teamgeist, „wir müssen einfach mit gleicher Leistung, mit gleichem Herz und gleicher Leidenschaft auftreten wie heute und wollen natürlich gewinnen.“

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