04.03.2017 - 21:01 Uhr
RegensburgSport

Lotte muss beim Pokal-Duell gegen Borussia Dortmund deutlich zulegen: Dominanter SSV Jahn entzaubert Sportfreunde

Eines ist klar: Mit so einer Leistung werden die Sportfreunde Lotte (10./34 Punkte) Borussia Dortmund nicht ans Pokalbein pinkeln können. Der SSV Jahn (3./39) spielte die Westfalen vor 6598 Zuschauern vor allem in der ersten Halbzeit an die Wand. Einziges Manko: die Chancenverwertung. In Hälfte 2 benötigten die Regensburger dann auch einen Strafstoß (Andi Geipl/58.) und ein Eigentor (Rahn/89.) für den hoch verdienten 2:0-Sieg.

Zufriedene Regensburger nach dem dritten Sieg in Folge. Aber: Sven Kopps ausgekugelte Schulter schmerzt schon beim Hinschauen. Jahn-Trainer Heiko Herrlich hat noch Gesprächsbedarf mit Schiri Felix-Benjamin Schwermer (Magdeburg). Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Langsam wird die Jahn-Serie unheimlich: Je öfter SSV-Trainer Heiko Herrlich die Formel „45 Punkte und gut is‘“ zitiert, desto näher robbt sich Regensburg an einen Aufstiegsplatz heran. 8 Spiele ohne Niederlage, drei Siege in Folge – den Oberpfälzern fehlen nur noch sechs Punkte zum selbstgesteckten Saisonziel: Und die könnten sie zu Hause gegen Mannschaften wie Zwickau, Bremen oder Mainz locker einfahren. Locker? Nur nicht übermütig werden, schließlich schaffte Rot-Weiß in der Hinrunde keinen einzigen Punkt gegen die vermeintlichen Abstiegskandidaten.

Kriminelle Verletzungsserie hinten rechts

Dennoch, auf 11 Punkte ist der Abstand auf den ersten Abstiegsplatz inzwischen angewachsen, auf 0 Punkte die Distanz zum ersten direkten Aufstiegsplatz 2 zusammengeschmolzen. Da muss man sich schon auf die Zunge beißen, um nicht ständig an das Beispiel Würzburg zu erinnern, das nach einer durchschnittlichen Hinrunde das Feld von hinten aufrollte. Nur mal so für Fußballnostalgiker, ein möglicher Relegationsgegner: der KSC …

Aber klar, 13 Spieltage vor dem Saisonfinish wäre es nicht nur vermessen, es wäre nachgerade zu dämlich von Heiko Herrlich, auch nur einen Gedanken an ein solches Szenario zu verschwenden. Und der ehemalige Nationalspieler ist nicht nur weit davon entfernt, leichtsinnig zu sein, der eher tiefsinnige Mannheimer muss schon mit Blick auf die Personalsituation auf die Euphoriebremse treten: Nach Oli Hein, verletzten sich sukzessive dessen Vertreter Robin Urban – und heute dessen Vertreter Sven Kopp. Die Folge: erneuter Engpass in der Defensive.

Kevin allein am Spielfeldrand

Esoteriker könnten an dieser Stelle denken: Das ist kein Zufall, das ist ein Wink des Fußballgottes! Will da vielleicht jemand den alten Borussen Herrlich auf das Schicksal des verlorenen Sohnes Kevin Großkreutz aufmerksam machen? Wer, wenn nicht der strenge Herbergsvater Herrlich könnte den vom Weg abgekommenen Borussen-Jung wieder zu einem nützlichen Glied in der Regensburger Abwehrkette umerziehen? Und seien wir doch mal ehrlich: Seit wann dürfen gute Fußballer nicht auch ein wenig dämlich sein – solange sie sich für ihren Verein die Shorts aufreißen?

Eine Bewährungsprobe in der Oberpfalz hat der wiederum mehr als nötig, wenn er sich nach diversen Schlägereien im Vollsuff, Rotlichtausflügen und allzu theatralischen Hassgesängen gegen Schalke, Leipzig & Co. als resozialisierbar präsentieren möchte. Mit 29 in Rente? Das kann es für den Ersatzweltmeister doch nicht gewesen sein. Man nennt so was eine Win-Win-Situation.

Heikos Luxusproblem, Ismails Täuschungsmanöver

Ansonsten hat Heiko Herrlich zurzeit eher ein Luxusproblem: „Ich hatte bis kurz vorm Spiel vier, fünf Aufstellungen im Kopf und habe erst kurz vorher entschieden.“ Er sei überzeugt, dass jede seiner Parallelaufstellungen in jeder denkbaren Parallelwelt heute das Spiel gewonnen hätte: „Die haben alle genauso gebrannt.“ Uwe Hesse, vergangene Woche der entscheidende Mann, um das Spiel zu drehen, Kolja Pusch, der Typ für die besonderen Spiele, Haris Hyseni, der viele gute Spiele abgeliefert habe – sie alle wären gleichwertiger Ersatz gewesen.

Lottes Trainer Ismail Atalan (36) beschreibt das Spiel anschließend treffend und übt auch ein wenig Selbstkritik: „Wir wollten ein wenig passiver spielen, weil wir die englischen Wochen vor uns haben, wollten den Jahn überraschen, wollten weniger Angriffspressing, mehr Mittelfeldpressing spielen – hat nicht funktioniert.“ Für Lotte gehe es – man höre und staune, wie Herrlichs Vorbild abfärbt – „um den Klassenerhalt, um nichts anderes“. Sagt der Trainer eines Teams, das mit 34 Punkten bei zwei Spielen weniger fünf Punkte hinter dem Tabellenzweiten Magdeburg rangiert. Die Liga bleibt spooky.

Atalan: „Zur Halbzeit 3:0 zurückliegen müssen“

„Glückwunsch, Heiko“, sagt Ismail Atalan mit leiser heiserer Stimme, „verdienter Sieg.“ Was ihn ärgere: „Der Jahn hat das Spiel in der zweiten Halbzeit gewonnen, obwohl die Regensburger in der ersten Halbzeit viel, viel besser gespielt haben.“ Die ersten acht Minuten sei seine Mannschaft ganz gut reingekommen, ab der ersten Aktion des SSV aber habe Regensburg komplett die Kontrolle übernommen. Ein Angriff nach dem anderen sei auf das Lotter Tor gelaufen. „Wir hatten überhaupt keinen Zugriff, gar keine Passwege zugekriegt.“ Alles, was man sich vorgenommen habe, habe nicht funktioniert. „Da waren wir wirklich froh, dass es zur Halbzeit 0:0 stand – da hätten wir 2:0, 3:0, weiß auch nicht genau, zurückliegen müssen.“

Dann sei sein Team zur Halbzeit besser in die Gänge gekommen, die Defensive sei stabiler geworden. „Ich hatte das Gefühl, dass wir zumindest den Express, der in der ersten Halbzeit auf unser Tor zulief, unterbunden hatten.“ Der Jahn habe nicht mehr so viele Torchancen gehabt: „Sie hatten immer noch die Kontrolle, immer noch viel Ballbesitz, aber zumindest haben wir sie vom Tor ferngehalten.“ Dann sei es bitter gewesen, dass ausgerechnet der Torwart, der Lotte in der ersten Halbzeit im Spiel gehalten habe, mit einer unglücklichen Aktion den Elfmeter verschuldet hätte. „Dann liegen wir 1:0 zurück, da müssen wir ganz ehrlich sagen, haben wir eigentlich nichts entgegenzusetzen.“

Herrlich: „Sieg teuer erkauft“

„Wir freuen uns natürlich riesig über den Sieg“, dämpft Heiko Herrlich die gute Stimmung gleich im Nachsatz, „der Sieg scheint teuer erkauft, weil sich Sven Kopp in der letzten Aktion an der Seitenlinie durch das Foul die Schulter ausgekugelt hat – und jetzt steht’s in den Sternen, ob er in dieser Saison nochmal zum Einsatz kommen kann.“ Fatal in einer Situation, in der sich Woche für Woche der jeweilige Ersatz verletzt. „Die ersten Minuten haben wir etwas gebraucht, um ins Spiel rein zu finden, nach zehn Minuten haben wir das Spiel kontrolliert, uns zahlreiche Chancen erspielt und erkämpft durch schnelle Balleroberungen – der gegnerische Torwart erschien unüberwindbar.“

In der zweiten Hälfte sei das dann durch den Elfmeter gelungen, Lotte aber immer gefährlich geblieben. „Das ist gerade ihre Qualität, dass sie immer wieder aufstehen, das haben wir ja auch im Hinspiel schon gesehen.“ Am Dienstag hätte er zusammen mit seiner Mannschaft Lotte im DFB-Pokal gerne moralisch unterstützt: „Wenn sie dort weitergekommen wären … insgesamt für uns natürlich eine tolle Sache, dass wir die Pokalhelden schlagen konnten.“ Auch ohne das Highlight gegen Dortmund: „Lotte spielt eine überragende Saison und sie sind absolut überzeugend ins Viertelfinale gekommen.“

„Gute Besserung, Oli“

Die eine von fünf möglichen Aufstellungen sieht dann Sven Kopp notgedrungen für den verletzten Urban und André Luge für Hyseni vor – ansonsten alles beim Alten. Lottes Coach mit Gedanken schon bei der englischen Woche bringt Tim Wendel und Bernd Rosinger für Kevin Pires-Rodrigues (gelb gesperrt) und Tim Gorschlüter. Und die voll besetzte Hans-Jakob-Tribüne wünscht Hein auf einem Banner „Gute Besserung, Oli“.

Erster Eindruck: Da treffen die zwei Giftzwerge der Liga aufeinander – die bestens platzierten Aufsteiger können auch deshalb gut mithalten, weil sie mental genauso dagegenhalten wie physisch. Die ersten gelungenen Ballstafetten aber gehören Regensburg, kluger Seitenwechsel, Querpass auf Jann George, der den Ball am Elfer nicht mehr kontrollieren kann (4.). Überfallartiger Ballgewinn, nicht genau genug ausgespielt (5.). Flanke George, Grüttner kann die Kugel eng bedrängt am Fünfer mit dem Kopf nicht mehr platzieren (6.). Ballgewinn im Mittelfeld, Alex Nandziks Flanke zu weit (7.).

Einziger Schreckmoment

Lottes Andrej Dej stoppt den Konter in Ringermanier, Gelb (12.). Sven Kopp mit starkem Einsatz rechts außen, wird aber zurückgepfiffen (14.). Öfter mal was Neues: Nandzik bringt die Ecke an den Fünfer, Lais und Grüttner verpassen, die Kugel springt Kopp an die Schulter und ploppt weg (16.). Freistoßvariante Nandzik und Thommy aus 30 Metern: Nandziks flacher Pass für Lais wird gerade noch geblockt (17.). Dann der erste Schreckmoment für die Gastgeber: Rosinger arbeitet sich am rechten Strafraumeck zum Tor vor, kann selbst schießen, legt auf Jaroslaw Lindner ab, der das Kunstwerk zustande bringt, aus sieben Metern zentral daneben zu zielen (19).

Konter Regensburg, ganz knappes Abseits von Luge, der ansonsten allein vor Keeper Benedikt Fernandez aufgetaucht wäre (21.). Und kurz darauf die „Wenn nicht so, wie dann?“-Gigantenchance: Thommy köpft aus fünf Metern Fernandez an, Geipl knallt den Abpraller aus gleicher Distanz über die Latte – Ecke, Grüttners Kopfball streift um Zentimeter vorbei (27.).

Schiri-Blackouts

Es folgt eine Drangperiode des SSV mit Chancen im Expressrhythmus – und weil die Kugel einfach keine Lücke findet, versucht Jann George mit einem Bockssprung im Strafraum für etwas Platz zu sorgen. Es folgen Schiri-Blackouts am laufenden Band: Erst übersieht das Gespann ein klares Abseits von Luge, dann faustet Keeper Fernandez den Ball von einem Meter hinter der Linie zum Einwurf ins Seitenaus (37.). Luge mit dem Versuch aus der zweiten Reihe, der überraschte Fernandez lässt die Kugel abklatschen, hat sie im Nachfassen (39.).

Es bleibt beim mageren Standard-Ertrag: Auch die 7. Ecke bleibt ohne Befund (41.). Kopp überrascht mit einem schnellen Einwurf auf Luge, der flankt nach innen, Grüttner, am kurzen Pfosten zugedeckt, bringt die Kugel nicht mehr aufs Tor (44.). Und dann auch noch Andi Geipl mit dem Last-Orders-Schuss vor der Pause aus der zweiten Reihe, Fernandez muss nachfassen (45.).

9 Ecken, 1 Elfmeter

Es geht mit rätselhaften Schiri-Entscheidungen weiter: Geipl geht im Mittelfeld klar zum Ball, Freistoß Lotte (50.). Der Jahn erhöht auf 8:0 Ecken, pardon, jetzt bereits 9:0 – und wir müssen umdenken: Ab heute wird es heißen, 9 Ecken, 1 Elfmeter. Aus der nämlich entwickelt sich eine Spielszene mit Nachreiners Pass auf Lais, Keeper Fernandez springt unglücklich in dessen Beine, Schiri Felix-Benjamin Schwermer (Magdeburg) bleibt wenig anderes als der Fingerzeig auf den Punkt – Andi Geipl verlädt Fernandez und netzt links unten zum umjubelten 1:0 ein (58.).

Lotte bestätigt immer wieder mal den Rabauken-Ruf: Rahn hält Grüttner den Ellbogen ins Gesicht – Gelb (62.). Erik Thommy ist mit einer Täuschung im Strafraum, Fernandez sicher (65.). Lotte kommt im Gewühl besser zurecht: Immer wieder Rudelbildung, bei der fünf Spieler in den Boden stochern und der Ball plötzlich schussfrei da liegt – Knoll klärt in letzter Sekunde mit der Grätsche im eigenen Strafraum (68.). Viele leichte Ballverluste im Mittelfeld, Lais passt unbedrängt ins Nichts, Lotte kann den Ball nicht verarbeiten. Warum meint Nandzik nur immer wieder mal, er müsse bei einer 2:2-Situation aus 30 Metern abziehen (71.)?

190-prozentige Sack-zu-Chance

Spitzeneinsatz von Luge, aber leider spielt er die Überzahlsituation wieder nicht sauber zu Ende (73.). Uwe Hesse kommt für den eher unauffälligen Jann George (75.) – und holt gleich mal den Freistoß an der Grundlinie (folgenlos, 77.). Auch Lotte kann jahnsinnigen Freistoß – Nico Neidhart aus 23 Metern halbrechts 23 Meter drüber (78.). Oder so: Nach Jahn-Freistoß versucht ein Blauer Knolls Schuss zu blocken, die Kugel geht nur Zentimeter am rechten Pfosten vorbei (80.). Dann die 190-prozentige Sack-zu-Chance: Grüttner bekommt die etwas schlampig gespielte Kugel am Fünfer nicht mehr unter Kontrolle (81.).

Haris Hyseni, gerade eingewechselt, wird sofort in ein 2:2-Spielchen Richtung Lottes Tor eingebunden, schöner Durchschieber von Luge, aber der Neue kommt nicht hin (83.). Pentke macht’s beim Rauslaufen immer wieder spannend – seitlicher Kopfball knapp am heranstürmenden Blauen vorbei (84.). Lächerlich: Gelb, weil Hyseni eine Sekunde nach dem Pfiff aufs Tor zielt (86.).

Regensburgs bester Freund

Das Eigentor ist zurzeit Jahns bester Freund, 2:2-Situation beim Konter, Luge geht über rechts, ganze Kleingärten Raum, um Thommy zu bedienen, miserabler Pass, Matthias Rahn will vor Thommy klären und spitzelt die Kugel in der Rückwärtsbewegung aus fast 16 Metern zum 2:0 ins Netz (89.). Das sollte es dann doch gewesen sein – auch wenn Regensburg bei den Lottanern schon mal einen 2:0-Vorsprung verblödelt hat. Da darf Heiko Herrlich ruhig noch mal wechseln: Luge macht Platz für Ali Odabas, eine kleine Defensivhoffnung für die nächsten Wochen. Das Ergebnis hat Bestand, das 2:3-Hinspiel-Gastgeschenk ist gesühnt.

„Wenn ich die Mannschaften sehe, gegen die wir jetzt spielen“, warnt der Jahn-Trainer nach dem Abpfiff, „da sehe ich keine, die von vorneherein sagt, jetzt kommt Jahn Regensburg, denen schenken wir drei Punkte“. Herrlich erinnert daran, dass im Drittliga-Kampf „Jeder gegen Jeden“ jedes Spiel offen ist. An den Hürden Bremen, Mainz und Zwickau sei man in der Hinrunde nicht von ungefähr gescheitert: „Diese Mannschaften haben auch ihre Qualität.“

Ball flach halten. Basta.

Aufgrund der Personalsituation ändere sich am Saisonziel „45 Punkte“ jetzt erst recht nichts. „Letzte Woche war die Leistung auch sehr gut, aber wir haben im entscheidenden Moment riesiges Glück gehabt, weil das Eigentor von Uwe Hesse das 2:0 für Aalen gewesen wäre – dann hätte am Montag die Tabelle so ausgesehen, dass wir auf Platz 11 stehen und nicht auf Platz 3.“ Ball flach halten. Basta.

Der SSV Jahn Regensburg spielt am Samstag, 14 Uhr, bei Fortuna Köln (12./33 Punkte, Hinspiel 3:3). Lotte muss bereits am Mittwoch, 19 Uhr, beim Verfolgerduell gegen den Chemnitzer FC (4./37) ran. Das nächste Heimspiel in der Conti-Arena: Mittwoch, 15. März, 19 Uhr, gegen Zwickau – gegen die Sachsen, die mit einer kleinen Serie die Abstiegsränge verlassen haben und die den Jahn beim 4:0-Hinrunden-Debakel in die erste kleine Krise stürzten.

 

 

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