19.10.2017 - 16:14 Uhr
RegensburgSport

Menschen machen Vereine oder richten sie zugrunde Mit Turnvater Jahn im Fahrstuhl

Menschen machen Vereine - oder richten sie zugrunde. Beispiele dafür gibt es viele: Ob Nürnberg, 1860 München oder eben Jahn Regensburg. Die drei bayerischen Klubs hatten ihre Höhen und tiefen Stürze. Präsidenten, Manager, Trainer und Spieler kommen und gehen - was bleibt, sind die Fans. Ein Porträt aus persönlicher Perspektive.

Triumph in der Allianz-Arena: Marvin Knoll (vorne) & Co. stürzten die Löwen in die Regionalliga. Bild: Sascha Janne
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ob dieses Gründungsjahr ein gutes Omen war? Bis 1889, Geburtsjahr von Charlie Chaplin und Adolf Hitler, lassen sich die Ursprünge des Regensburger Schwimm- und Sportvereins zurückverfolgen. Vielleicht bedingen solche Gegensätze das ständige Auf und Ab des SSV Jahn, der derzeit wieder obenauf schwimmt. Schon die namensgebende Figur löst zwiespältige Gefühle aus: Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) war demokratischer Nationalist und latenter Antisemit - kein Sympathieträger, dem man begeistert folgen möchte.

Keine 128, immerhin aber auch schon fast 50 Jahre setzt sich der Autor mehr oder minder freiwillig dem Wechselbad der Gefühle an der Prüfeninger Straße, jetzt in der Continental-Arena aus. Seinen Verein sucht man sich nicht aus, er sucht einen aus: Wenn einen der Opa mit ins Stadion nimmt, seit man laufen kann, gibt es kein Entkommen.

Jahnplatz ist Heimat

Dann ist der Jahnplatz ein Zuhause, wie für andere der "Club", der bekanntlich ein Depp ist, oder der TSV 1860, die Löwen, die Leiden schaffen. Sicher, man kann auch Bayern-Fan werden und hat damit das große Los gezogen. Aber dabei fehlt nicht nur der persönliche Bezug, die Nähe zum Wohnort, die Heimat ausmacht. Es fehlt auch der grundsätzliche Kitzel, den Sport auslöst - das Drama. Fan einer Mannschaft zu sein, die so gut besetzt ist, dass Niederlagen die Ausnahme sind, ist so spannend wie Krimi von hinten lesen.

Nichts bleibt mehr in Erinnerung als Tränen der Enttäuschung - noch heute sehe ich dieses Tor: Mit dem 0:1 für den FC Homburg durch Gerd Schwickert knapp zehn Minuten vor Schluss war 1977 wieder einmal der Abstieg besiegelt. Da saß ich vor genau 40 Jahren auf dem kleinen Mäuerchen der Vortribüne und war untröstlich - während der Großvater den Ärger bereits in der Jahn-Gaststätte hinunterspülte.

Seitdem floss viel Wasser die Donau hinab und die Tränen sind längst getrocknet. Freunde und Freundinnen, die mich begleiteten, wechselten wie Spieler und Trainer auf dem Platz, wie Präsidenten, Manager und Sponsoren hinter den Kulissen - die Leidenschaft für das Spiel am Samstag aber, das neuerdings auch am Freitag, Sonntag, Montag usw. stattfinden kann, ist geblieben, egal, ob die jeweilige Berufsstation Amberg, Prag oder Weiden heißt. Eine Leidenschaft, die mitunter Leiden schafft.

"Lustiges Tor zum 0:1 ..."

Unvergessen der legendäre Stadionsprecher Ernst Radtke - anstelle der heutigen Radio-Fröhlichkeit war er ein intellektueller Theatermann, ein Poet, der das Geschehen ironisch gebrochen kommentierte: Mit Ansagen wie "dieses lustige Tor in der 89. Minute zum 0:1 ..." konnte er die Enttäuschung ob der Last-Minute-Niederlage in Fassungslosigkeit verwandeln. "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen", wusste er das fünfte Remis in Folge zu kommentieren. Und nie vergaß er einen galanten Spruch angesichts junger hübscher Damen in der Vortribüne.

Die junge Dame selbst musste schmerzvoll erfahren, wie weh ein Abstieg tun kann: Beim Relegationsspiel gegen Miltach in irgendeinem peripheren Stadion ab vom Schuss schien Alfred Steinkirchner mit einem seiner fulminanten Freistöße ausgeglichen zu haben - der Jubelschrei blieb im Hals stecken, als klar wurde - kein Tor, der Ball war nicht freigegeben. Die Arme, die gerade noch in die Luft geschossen waren, fielen herab wie Felsbrocken. Und trafen leider den Kopf der Leidensgenossin. Anschließend waren sowohl Niederlage, Abstieg als auch Partnerschaftskrise zu verarbeiten. Auch das Gegenteil war möglich - Versöhnung bei einem denkwürdigen Spiel: wie dem 6:0 in Neumarkt 1999 am letzten Spieltag und die Rückkehr in die Bayernliga.

Die Gegenwart scheint nach zwei Aufstiegen in Folge rosig: Die Art und Weise, wie der Niedergang nach dem Weinzierl-Aufstieg 2012 bis zum Abstieg in die Regionalliga Bayern in eine Wiedergeburt unter Trainer Heiko Herrlich und den Triumph in der Allianz-Arena gegen die Löwen verwandelt wurde, macht Hoffnung. Natürlich wäre es nicht der Jahn, wenn nicht auch dieser Durchmarsch von schrägen Tönen begleitet worden wäre - die Finanzen des Vereins stehen im Mittelpunkt der Regensburger Korruptionsaffäre. Der langjährige Sportchef Franz Gerber hat nie ein Hehl daraus gemacht: Natürlich war den Verantwortlichen klar, wo die geschäftlichen Interessen von Sponsor Volker Tretzel lagen.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob der Zweck, die Rettung des Vereins vor der Insolvenz, die Mittel - Politik ist ein stetiges Geben und Nehmen - rechtfertigt. Jedenfalls können sich Sportchef Christian Keller und Präsident Hans Rothammer rühmen, gleichzeitig für Niedergang und Aufstieg des Vereins verantwortlich zu sein. Stand heute. Wo der Weg hinführt, ist nach aktuell 9 Punkten aus zehn Spielen und Platz 14 schwer zu prognostizieren - beim letzten Zweitliga-Abenteuer vor fünf Jahren stand der SSV Jahn am zehnten Spieltag übrigens mit ebenfalls neun Punkten auf Platz 12.

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Auf und Nieder ...

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