10.03.2017 - 20:38 Uhr
RegensburgSport

Mit oder ohne Fortuna: Platz 3 verleiht der Fanfantasie von Jahn Regensburg Flügel: Köln hat den größeren Dom

„Es hat sich angefühlt wie ein Sieg“, atmete Jahn-Trainer Heiko Herrlich nach dem siebten Spieltag auf. Das 2:2 gegen Fortuna Köln durch Haris Hysenis Wucht-Kopfball in der 93. Minute. Schließlich konnte Regensburg damit seine erste kleine Krise nach dem Wiederaufstieg beenden. Am Samstag, 14 Uhr, hofft der SSV dagegen auf keine Wende: Die stark dezimierten Oberpfälzer (3./39 Punkte) wollen bei den ihrerseits verletzungsgeplagten Rheinländern (12./33) ihren Platz an der Relegationssonne verteidigen.

Voller Einsatz: Beim 2:2-Hinspiel-Remis ging es zu wie beim Rugby - Einsprüche dagegen bitte direkt an den Internationalen Gerichtshof für Rugbyrechte. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Sensationelle Themen bei der PK: Breite Brust – wie misst man die eigentlich? – statt zitternder Knie; große Rechenkünste, „was wäre wenn die 45 Punkte erreicht wären“ vs. „jetzt stehen wir aber bei 39 und haben Fortuna Köln vor der Brust“; die überraschende Entdeckung, dass Platz 3 zur Relegation um den Aufstieg berechtigt gedämpft durch den Hinweis, dass Lotte mit einem zweiten Sieg im zweiten Nachholspiel schon wieder rechts vorbeiziehen würde.

Pokal-Wiedergutmachung statt Aufstiegstraum

Mit anderen Worten: Da kann der Jahn-Prophet noch so glaubwürdig versichern, dass es sich in einer Liga, in der jeder jeden schlagen kann und Platz 3 (SSV) und 12 (Fortuna) gerade mal sechs Punkte trennen, Träumereien verbieten. Es ist ein freies Fußballland, da wird man doch jeden Tag einmal nachfragen dürfen, ob Herrlich seine Meinung von gestern, vorgestern, vorvorgestern usw. nicht vielleicht doch geändert hat.

Natürlich beflügelt die pleitenfreie Achterserie und der Platz auf dem Treppchen die Fantasie der Fans. Die betörende Aufstiegssaison unter Markus Weinzierl, als man ja auch nicht mit einer Übermannschaft durchmarschierte, oder Würzburgs eher holpriger Weg nach oben lassen grüßen. Aber selbst die Treuesten vom ehemaligen Turm können rechnen und wissen: Zwei Niederlagen und man kann die Tabelle wieder vom anderen Ende her betrachten. Ein Gutes aber hat die Träumerei: Die Mannschaft hat noch eine Rechnung zu begleichen, die peinliche Schlappe im Toto-Pokal. Mit Platz 4 kann sie diese Scharte auswetzen – ein ambitioniertes, aber nicht unmögliches Ziel.

Fortuna und Jahn im Vergleich

Humor ist auch bei den rheinischen Frohnaturen, wenn man trotzdem lacht. Die beiden Städte und Vereine verbinden einige Gemeinsamkeiten, nicht nur die rot-weiße Trikotfarbe. Den schönen Erfolgen – SC Fortuna Köln gehörte 26 Jahre lang zum Inventar der 2. Bundesliga mit einem Abstecher in die Bundesliga (1973/74) und dem unvergessenen Pokalfinale 1983 ausgerechnet gegen den 1. FC Köln (0:1) – stehen bemerkenswerte Abstürze gegenüber, etwa die aufsehenerregende Kampagne der Oberligamannschaft von 2003, als alle Spieler und der Trainer mit dem Slogan „Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche – aber unter die Arme“ für Spenden und den Erlass der Gläubigerforderungen warben.

Das gleiche Lied beim SSV Jahn, wenn auch eine Stufe tiefer. Höhenrausch und tiefer Fall liegen eben eng beisammen. Dritte Liga war das Regensburger Basislager, in der Zweiten meistens dünne Luft. Auf Hans Jakob und seine Karriere als Jahn-Nationalspieler wollen wir nicht zurückgreifen, die Zeiten waren dunkel damals. Im ewigen Vergleich kann man aber belegen: Beide Städte haben einen schönen Dom, nur der Kölner ist eben etwas größer.

Fortunas mühsamer Pokalsieg

Der Kölner Stadtanzeiger beschreibt humoristisch Fortunas kleine Zeitreise am Mittwoch: „Wie früher in der Verbandsliga“, schallte es über die spärlich gefüllte VIP-Tribüne des Südstadions. 312 Zuschauer, Dauerregen und der Mittelrheinligist SV Bergisch Gladbach 09 als Gegner. Manche Fans des SC Fortuna Köln könnten sich einige Jahre zurückversetzt gefühlt haben, als solche Spiele Alltag in der Südstadt waren. Mittlerweile kommt es aber nur noch im Verbandspokal zu diesen Lokalduellen. Am Mittwochabend gewann die Fortuna ihr Viertelfinale mit einiger Mühe 3:1 (1:1) und steht in der Runde der letzten Vier.

Trainer Koschinat war natürlich nur mit dem Ergebnis zufrieden, die Art und Weise, wie er errungen wurde, sei keine Blaupause für das Match am Samstag: „Ich weiß, welches Kaliber uns am Samstag erwartet. Drittliga-Fußball gegen Jahn Regensburg wird uns vor andere Aufgaben stellen.“ Dazu kommt: Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Eine MRT-Untersuchung bei Kris Andersen und Marc Brasnic ergab, dass beide mehrere Wochen ausfallen werden.

Herrlich: „Eine der Top-Mannschaften“

Fortuna Köln betrachtet Jahn-Trainer Heiko Herrlich als eine der Top-Mannschaften. „Sie haben es uns im Hinspiel sehr schwer gemacht, wir haben erst sehr spät den Ausgleich erzielt durch Haris Hyseni“, erinnert er an das Zitter-2:2 mit Hysenis einzigem Last-Second-Treffer. Dass die Rheinländer gerade eine Durststrecke durchmachen – zwei Niederlagen, ein Unentschieden – freut Herrlich gar nicht, im Gegenteil: „Das erste Heimspiel der Saison in der Südstadt haben sie gegen Magdeburg gewonnen.“

Vor sich hat der Trainer eine „vogelwilde“ Verletztenliste: Sven Kopps ausgekugelte Schulter bedeutet wohl das Saisonende für den Weidener. Oli Hein und Robin Urban hatten sich auf der Position bereits die Wochen davor verletzt. Thomas Paulus und Daniel Schöpf fallen mit Faserriss aus. Patrik Džalto muss wegen Kreuzbandriss pausieren. Kolja Pusch bremsen muskuläre Probleme. Philipp Pentke war die Woche über krank, wird aber spielen können. Auch Erik Thommy und Markus Ziereis hat‘s erwischt – sie konnten nur das halbe Trainingsprogramm mitmachen und müssen ins kalte Kölner Rheinwasser springen. Gesundheit!

Wo bleibt das Positive?

Das Positive: Markus Palionis und Benedikt Saller stehen zwar noch nicht im Kader, konnten aber schon Teile des Herrlich-Programms absolvieren. „Es ist eine Herausforderung“, seufzt der Jahn-Trainer. Man habe zwar in dieser Saison schon viele Verletzungen kompensieren müssen – etwa zu Beginn den Verlust des Innenverteidigerpärchens Markus Palionis und Ali Odabas. „Wir haben nie geklagt, haben es immer geschafft.“ Das sei jetzt eine besonders heikle Situation. „Ich bin trotzdem guter Dinge, dass wir es wieder schaffen, eine Mannschaft, die giftig ist, die griffig ist, die alles versucht rauszuhauen, aufs Feld zu schicken.“

Herrlich möchte dort anknüpfen, wo man zuletzt aufgehört hat: Bei der Serie mit acht Spielen ohne Niederlage: „Den Gegner früh verteidigen, bei Balleroberung die Räume nutzen.“ In welchem System? Das hänge von der Situation ab, m.a.W. bei Rückstand wird auf Dreierkette umgeschaltet. Konkret gebe es für die Positionen unterschiedliche Optionen – zumindest zwei: Uwe Hesse oder Wastl Nachreiner hinten rechts, für den sich dann Ali Odabas zu Marvin Knoll in die Innenverteidigung gesellen würde.

BR-Übertragung fällt flach

Mal was zu den Medien: Nach dem Aufstieg des SSV Jahn im Sommer war die Euphorie groß – auch beim Bayerischen Rundfunk. „Wir werden groß in die Berichterstattung einsteigen“, hieß es damals, „schließlich ist Regensburg der einzige bayerische Verein in der Liga.“ Verglichen mit den Konferenzen und Live-Streams im MDR kommt das Angebot der Bayern freilich so mager daher wie der arme VfR Aalen, dem der DFB jetzt tatsächlich neun Punkte abgezogen hat (19./26).

Vielleicht liegt es ja an der ungünstigen geographischen Lage der Oberpfalz: Denn wie Köln liegt das mittelalterliche Wunder Deutschlands halt leider, leider auch außerhalb Münchens. Wen wundert‘s da noch, dass es zur angekündigten Übertragung des mittlerweile Aufstiegsaspiranten beim Kölner Traditionsverein lapidar heißt: „Die geplante Übertragung der Partie Köln-Regensburg wurde aus technischen Gründen gestrichen.“ Da sollte der Regensburger Staatsanwalt mal ermitteln – wegen gebrochener Versprecher, vulgo Gemeineid.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.